06. Mai 2008 Der 65 Jahre alte Theologe Rainer Eppelmann, der sich 2005 desillusioniert aus der Bundespolitik zurückgezogen hat, sieht es als seinen größten Erfolg an, dass es die DDR nicht mehr gibt. Er saß in der DDR im Gefängnis. Den Umgang mit den Leistungen von Sportlern der ehemaligen DDR in der heutigen Zeit kritisiert er als undifferenziert.
Haben Sie Lieblingssportler?
Hatte ich mal. Als Jugendlicher habe ich einige westdeutsche Leichtathleten bewundert. Armin Hary, den ersten, der zehn Sekunden gelaufen ist im Sprint, Martin Lauer, Manfred Germar, Heinz Fütterer.
Sie nennen keinen DDR-Sportler. Das ist wie mit der Hall of Fame des deutschen Sports“, die an diesem Dienstag im Deutschen Historischen Museum in Berlin gegründet wird. Unter vorerst vierzig Athleten ist aus der DDR allein der Schwimmer Roland Matthes darunter.
Jeder Sieg eines DDR-Sportlers war offiziell ein Sieg des Sozialismus. Wenn so ein Sportler damals auch noch sagte, er habe für seine sozialistische Heimat gesiegt und die Überlegenheit ihres gesellschaftlichen Systems demonstriert, ist mir mein Frühstück aus dem Mund gefallen. Heute allerdings werden viele ehemalige DDR-Bürger auf dem Hintergrund dessen, was es an Olympiasiegern und Weltmeistern aus der DDR gab, berechtigterweise das Empfinden haben, dass solch eine Auswahl mehr als unausgewogen ist. Ich muss sagen: Mit der deutschen Geschichte, die ja Einfluss auf deutsche Sportler hat, wird zu ungenau und zu undifferenziert umgegangen! Von daher ist es unerträglich, dass von allen, die zwischen 1950 und 1990 in der Deutschen Demokratischen Republik Leistungssport betrieben haben, bislang nur ein einziger für würdig befunden wurde, dabei zu sein. Wenn es um große sportliche Leistungen geht, müssen beispielsweise Katrin Krabbe und Kristin Otto aufgenommen werden. Und eigentlich auch Gustav-Adolf Täve“ Schur.
Wie ist Ihr Verhältnis zu Schur?
Ich will Ihnen sagen, warum ich den Täve“ nie bewundert habe: Weil ich als DDR-Bürger das System DDR fürchterlich fand. Dieser Täve“ Schur hat sich mit diesem System zu hundert Prozent identifiziert. Er saß in der Volkskammer, hat mit den Diktatoren einen kollegialen Umgang gepflegt. Das hat ihn für mich moralisch diskreditiert. Keine Frage, dass er ein hervorragender Radfahrer war. Aber ein Sportler ist ja auch eine Persönlichkeit – oder er ist keine. Was die Persönlichkeit des Gustav-Adolf Schur angeht, fühlte ich mich bestätigt, als er für die PDS in den Deutschen Bundestag einzog.
Schur ist eine historische Figur. Katrin Krabbe als Weltmeisterin der deutschen Einheit auch. Sie wurde 1992 des Medikamentenmissbrauchs überführt und gesperrt. Ist Geschichte wichtiger als Ruhm?
Zu einer anständigen Sportlerkarriere gehört, dass man nicht aus dem Dopingsumpf rausschaut. Da kann wohl auch ein Jan Ullrich nicht in die Ruhmeshalle aufgenommen werden.
Akzeptieren Sie Systemnähe, die Tätigkeit als IM der Staatssicherheit oder staatliches Doping als Ausschlusskriterien für eine Ehrung, die auf Leistung und Haltung basiert?
Ein Westdeutscher kann nicht nachempfinden, was es für einen Ostdeutschen bedeutet hat, eingesperrt zu sein. Von daher kann er auch nicht beurteilen, wie teuflisch die Verführung war: Du kannst Reisekader werden, du kannst einer von den ganz, ganz wenigen in der DDR werden, der als junger Mensch die Welt sehen darf. Dafür wollen wir außer deinem Talent, das wir fördern, dass du uns öffentlich lobst und mit uns zusammenarbeitest. Man muss fast schon ein Heiliger sein, um dem zu widerstehen. Nehmen Sie den Radrennfahrer Wolfgang Lötzsch: Er fiel wegen verwandtschaftlicher Beziehungen in den Westen in Ungnade und wurde verfolgt. Er gehört in die Ruhmeshalle des deutschen Sports, obwohl er keine einzige Medaille bei Olympia oder Weltmeisterschaften gewonnen hat. Die SED-Spitze hatte ihm dazu die Chance verbaut.
Muss eine Ruhmeshalle des Sports politisch sein?
Wenn für die Zeit der deutschen Teilung einzig und allein Roland Matthes die eine Seite vertritt, wird nicht der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur dargestellt, nicht die unterschiedlichen Rollen und Abhängigkeiten von Sportlern darin. Wenn man den Sport unpolitisch darstellen wollte – was er nicht ist –, hätten nur die Leistung und untadeliges Auftreten im Sport zählen dürfen.
Sie plädieren doch nicht dafür, Sportler nur nach Leistung zu beurteilen?
Es ist in Ordnung, dass Haltung eine Rolle spielt. Das könnte etwa gegen die Aufnahme von Boris Becker sprechen. Ist das mit der Haltung so wie mit den Kopfnoten für Fleiß, Sauberkeit und Ordnung? Das hatte auf dem Schulzeugnis nicht den Stellenwert von Deutsch und Physik, aber es sollte bei der Beurteilung des Menschen helfen. Welchen Stellenwert hat so eine Kopfnote in der Beurteilung eines Sportlers, der aus einem System stammt, in dem es Zwangsdoping für Kinder gab, der aus einer Zeit stammt, in der es praktisch kein Bewusstsein für die Verwerflichkeit von Doping gab?
Kann man jemandem a priori eine falsche Grundhaltung attestieren, wenn er für die DDR gestartet ist?
Wenn wir über Doping sprechen und den Missbrauch als Aushängeschilder der DDR: Auch von Spitzensportlern der DDR kann ich nicht erwarten, dass sie Helden sind. Wer vor einem gefüllten Teller sitzt, kann leichtfertig über das rücksichtslose Verhalten derjenigen sprechen, die sich hungrig um eine Stulle Brot schlagen. Ich vermute: Da ist nicht auf Augenhöhe von Menschen mit westdeutscher und ostdeutscher Sozialisation an Konzept und Auswahl gearbeitet worden. Eigentlich gehörten Leute wie der Handballspieler Paul Tiedemann, die Speerwerferin Ruth Fuchs und die Weitspringerin Heike Drechsler in solch eine Ruhmeshalle.
Zusätzlich zur Frage des Doping: Beide Leichtathletinnen saßen in der Volkskammer der DDR.
Werner Seelenbinder ist 1944 von den Nationalsozialisten ermordet worden, weil er den kommunistischen Widerstand unterstützte. Wenn man ihn aufnimmt in die Hall of Fame“, kann doch das Parteibuch der SED kein Ausschlussgrund sein! Im übrigen: Wenn man bis auf eine Ausnahme keinen nehmen kann aus einer sozialistischen Diktatur, kann man eigentlich auch keinen nehmen aus einem nationalsozialistischen Staat. Aber Rudolf Harbig und andere sind drin.
Können Sportler Vorbilder sein?
Es gibt eine Sehnsucht nach Vorbildern. Das kann Luther sein oder Mozart oder Bach. Warum nicht auch Sportler? Aber Vorbilder können nicht Götter sein. Die sind manchmal erdrückend und entmutigend. Ein Sportler ist uns viel näher, wenn er ein freundlicher, ein sympathischer und ein richtig Guter ist. Wenn es um Ruhm als Anbetung geht, von weit über uns hinausragenden menschlichen Wesen, dann nimmt man dem Sport ein Stück von seinem Menschlichen und auch von seinem Unmenschlichen.
Kann eine Ruhmeshalle dem Phänomen Sport überhaupt gerecht werden?
Ich habe gerade antike Tempel besucht. Die alten Griechen haben mit Ruhmeshallen ihre Olympiasieger geehrt. Diese Hall of Fame“ kommt zweitausend Jahre zu spät.
Die Fragen stellte Michael Reinsch.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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