09. Februar 2006 Der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Richard Pound spricht im F.A.Z.-Interview über chemische Zyklopen, Gen-Mutanten, amerikanische Eishockeyspieler, zynischen Idealismus und seinen Kampf gegen Doping.
Kann Doping die Olympische Bewegung zerstören?
Ja. Wenn man ein chemischer Zyklop werden muß oder ein Gen-Mutant, um im Leistungssport Erfolg zu haben, sagen Eltern eines Tages zu ihren Kindern, geh lieber zum Camping. Dann haben wir einen Sport, der nur noch von Gladiatoren betrieben wird, die immer gewalttätiger und immer unbedeutender werden. Und das wäre ein fürchterlicher Verlust.
Fürchten Sie, daß Sie das noch erleben könnten?
Ja. Ich mache diesen Job, weil ich diese große Gefahr sehe. Es ist unsere größte Aufgabe, gegen Doping zu kämpfen. Olympische Spiele auszurichten, ist dagegen leicht.
Die Wada ist während der Winterspiele in Turin für die Tests außerhalb der Wettkämpfe zuständig. Es wird eine Rekordzahl an Kontrollen geben. Dazu kommt das italienische Anti-Doping-Gesetz. Wurden Sportler dadurch abgeschreckt?
Achten Sie einmal darauf, welche Eishockeyspieler aus der amerikanischen Profiliga plötzlich mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen wollten.
Mit der NHL tragen Sie zur Zeit ja sowieso einen Streit aus. Sie haben behauptet, dort gäbe es ein massives Dopingproblem.
Das gibt es auch. Dreißig Jahre lang hat die NHL ihre Athleten nicht getestet. Sie sagten, das sei nicht nötig, weil ja niemand dope. Im Juni haben sie unter dem Druck ihrer Sponsoren, und nur deswegen, ganz groß ein Testprogramm angekündigt, das erst nach der Hälfte der aktuellen Saison begann. Darin heißt es: Die Spieler können nicht vor einem Spiel getestet werden. Auch nach einem Spiel kann man nicht testen. Auch nicht außerhalb der Saison. Ein phantastisches Programm. Wenn allerdings hier in Turin ein Amerikaner für sein Nationalteam antreten will, muß er sich unserem Testprogramm unterwerfen.
Und?
Es wurde ein Spieler erwischt. Sein Name ist Bryan Berard. Er wurde bei einem Trainingstest des Nationalen Olympischen Komitees der USA positiv getestet. Der Spieler kann für zwei Jahre international gesperrt worden. Aber die NHL läßt ihn auch dann weiter spielen.
Ist es schwer, über Ihrer Aufgabe nicht zynisch zu werden?
Ich bin ein zynischer Idealist. Ich finde, es lohnt sich, für den Sport zu kämpfen. Aber es ist wie mit der ganzen Gesellschaft. 99 Prozent halten sich an die Gesetze, weil sie vernünftig sind. Ein Prozent sagt, für mich gelten sie nicht und raubt eine Bank aus. Man braucht also ein System von Polizei, Justiz und Strafen. Das gleiche haben wir im Sport auch.
Es gibt aber einen Unterschied. In manchen Sportarten verstoßen ja wohl eher 99 Prozent gegen die Dopingregeln.
Ich hoffe, Sie übertreiben es jetzt mit dem Zynismus.
Sie selbst haben in einem Kommentar geschrieben, daß der Profiradsport vom Doping durchdrungen sei. Und Sie haben den Funktionären, die das Problem ignorieren, empfohlen, nicht mehr ohne weißen Stock und Blindenhund aus dem Haus zu gehen. Haben Sie sich übrigens dafür wie verlangt entschuldigt?
Nein. Wieso? Dieser Sport hat ein Dopingproblem und tut so, als hätte er keines. Jeder weiß das.
Wieso werden dann so wenige erwischt?
Was glauben Sie wohl?
Weil die Tests nicht sicher sind.
Eh voilà.
Haben Sie eigentlich schon einmal davon gehört, daß in Osteuropa korrupte Dopingtester gegen Entgelt ignorieren, daß ihnen die falsche Person vorgeführt wird?
Keine Frage, daß manipuliert wird. Das ist eines der Dinge, die wir mit Hilfe der Unesco-Resolution, in der sich die Staaten dem Anti-Doping-Kampf verpflichten, besser in den Griff kriegen wollen. Daß zum Beispiel Kontrolleure aus fremden Ländern problemlos eingesetzt werden können. Natürlich sind einheimische Kontrolleure leichter unter Druck zu setzen als fremde.
Noch haben viel zu wenige Nationen die Resolution angenommen. Welche Folgen hat das?
Für Turin hat das keine Folgen.
Wäre es Ihnen denn überhaupt recht, wenn die Länder mit Gesetzen auf die Resolution reagierten? Das italienische Anti-Doping-Gesetz scheint das IOC und die Wada doch eher zu stören?
Wir sehen es philosophisch. Man einigt sich auf Regeln, und die sollen eingehalten werden. Dopingmittel zu nehmen bedeutet, die Regeln zu brechen. Dann sagen wir: Tut uns leid, du kannst nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen. Ich finde nicht, daß der Sportler dann ins Gefängnis muß. Es ist außerdem nicht gut, wenn jedes Land für sich selbst entscheidet. Italien hat das Gesetz, weil es das Dopingproblem als so ernst einschätzt. Und wenn es auf Italiener angewandt wird, ist das auch in Ordnung. Aber wenn man ein internationales Großereignis wie die Olympischen Spiele ausrichtet, beginnt das Problem. Wenn ich ein kanadischer Sportler bin, in Kanada Steroide einnehme und in Italien positiv getestet werde, dann habe ich das Verbrechen in Kanada begangen. Wie kann also die italienische Justiz ein Verbrechen verfolgen, das in Kanada begangen wurde? Das macht die Sache sehr kompliziert. Ich denke, das ist der Grund, warum die italienische Regierung gesagt hat, sie habe zwar das Recht, während der Spiele Tests vorzunehmen, aber sie werde es nicht tun.
Was erwarten Sie? Kommen die Carabinieri und verhaften einen erwischten Doper?
Nein.
Worauf gründen Sie Ihre Einschätzung?
Auf den gesunden Menschenverstand. Natürlich, wenn wir einen brasilianischen Funktionär mit zwei Koffern voll Epo finden, dann hoffe ich, daß sie kommen.
Und wenn es einen Athleten gibt, der mit Dopingmitteln handelt?
Da gilt dasselbe.
Verfolgen Sie eigentlich den Magdeburger Prozeß gegen den Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein?
Ein bißchen. Leider sind die meisten Berichte auf deutsch.
Sie wissen aber, daß in seinem E-Mail-Verkehr das Gendopingmittel Repoxygen erwähnt wird?
Wir kennen das Mittel seit mehreren Jahren.
Und wie reagieren Sie darauf?
Gendoping war im Welt-Anti-Doping-Code von Beginn an eine verbotene Methode. Wir wissen, daß es existiert und daß es vielleicht schon eingesetzt wird, und wir werden rechtzeitig einen Test haben.
Gruselt es Sie denn nicht?
Doch. Das zeigt, wohin der Ehrgeiz manche Menschen treibt. Sie nehmen enorme Risiken in Kauf. Man kann daran sterben. Ja, das ist sehr enttäuschend. Wie wir damit umgehen müssen, ist aber klar: Wir müssen den Test schon haben, wenn das Mittel eingesetzt wird.
Haben Sie ihn schon?
Ja. Es sieht bisher so aus, daß das Epo, das unter Einfluß von Repoxygen produziert wird, anders ist als das natürliche Epo, so daß man es identifizieren kann.
Wie finden Sie es eigentlich, daß am Freitag mit Mario Pescante ein Mann für die IOC-Vizepräsidentschaft kandidiert, der in Dopingfragen eine belastete Vergangenheit hat?
Hat er das?
Pescante mußte 1998 als Vorsitzender des italienischen Sport-Dachverbandes Coni zurücktreten, weil er in den Skandal um das Labor in Rom verwickelt war. Auch im Zusammenhang mit den Epo-Forschungen des Professors Conconi steht sein Name.
Ich wußte das nicht.
Sie sind aber doch der Wada-Präsident.
Die Wada wurde erst 1999 gegründet.
Nun wissen Sie es ja. Wäre Pescantes Wahl nicht ein ganz falsches Signal?
Ja. Einer der Gründe, warum es die Wada gibt, hat genau damit zu tun. Sie ist unabhängig, auch vom IOC.
Sollten Sie nicht trotzdem die kritiklose Haltung des IOC gegenüber Pescante monieren?
Die Nationalen Olympischen Komitees von Europa haben Pescante zu ihrem Präsidenten gewählt. Fragen Sie nicht die Wada, sondern erst einmal diese NOK.
Haben Sie eigentlich Bode Miller schon einmal angerufen?
Wieso?
Er hat sich mehrmals unqualifiziert zu Dopingfragen geäußert, und man fragt sich, wieso ein solch exponierter Sportler nicht besser informiert ist. Ist der Wada daran nicht gelegen? Seine Aussagen stehen in allen Zeitungen.
Seine nationale Föderation hat mit ihm gesprochen. Und ich hoffe, er kommt ins Athletendorf. Wir haben ein Programm entwickelt, mit dem wir im Olympischen Dorf die Athleten direkt ansprechen. Wir haben schon 2000 in Sydney damit angefangen, und zwar mit einigem Erfolg. Das Aufklärungsprogramm ist uns sehr wichtig. Vielleicht ist das der Weg, das Problem zu lösen. Nicht durch Strafen, sondern durch Aufklärung. Man muß erkennen, daß viele Athleten schlecht über das Dopingproblem informiert sind. Das ist einerseits überraschend, es bestätigt aber auf der anderen Seite auch, daß in vielen Fällen nicht der Athlet die Hauptverantwortung für das Doping trägt, sondern jemand anderes.
War es Ihre Idee, die jüngst von Jacques Rogge propagiert wurde, daß man auf Informanten aus der Szene bauen will, um Dopingsünder besser eingrenzen zu können?
Das sage ich bereits seit Jahren. Eine gute Information kann uns Tausende von Dollar für Nachforschungen einsparen.
Wer kommt als Informant in Frage?
Eltern, Athleten, Trainer, Funktionäre, Polizei, jedermann.
Und? Hat es schon funktioniert?
Ja.
Zum Beispiel?
Das sage ich nicht.
Könnten auch manche Kontrollen außerhalb der Wettkämpfe, die die Wada im Rahmen der Turiner Winterspiele ausführt, auf solchen Tips beruhen?
Es ist eine Kombination aus Stichproben und Zielkontrollen. Es hängt von den Substanzen ab, nach denen wir suchen. Es ist schwer, festzustellen, wann der richtige Moment ist, um zu testen.
Hat sich schon einmal ein reuiger Doper an Sie gewandt, der nun im Anti-Doping-Kampf mithelfen wollte?
Noch nicht.
Was glauben Sie, warum nicht?
Viele schämen sich. Die einzige Person, die je offen gesprochen hat, war die amerikanische Sprinterin Kelli White. Sie wurde wie ein Rennpferd gehalten. Man gab ihr das Designersteroid THG, und als sie zwei- oder dreimal im Monat ihre Periode bekam, sagte man ihr: Nimm nicht soviel. Und als ihr Blutdruck fast explodierte, sagten sie: Trink mehr Wasser. Es war ihnen egal.
Diese menschenverachtende Sicht auf die Athleten klingt ja fast nach dem alten DDR-Dopingsystem.
Nein. In Amerika sind das freie Unternehmer. Man muß sich klarmachen, daß Trainer oft einen größeren Einfluß auf die Sportler haben als deren Eltern. Die Beziehung ist ziemlich eng. Für mich hat ein Trainer deswegen eine viel größere Verantwortung. Darum ist die Unesco-Konvention gegen Doping so wichtig. Damit verpflichten sich die Nationen, daß sie den Anti-Doping-Kampf zu einer Grundregel machen. Wenn ein Arzt oder ein Trainer einem Sportler Dopingmittel gibt, dann muß das als ein Verstoß gegen die Richtlinien ihres Berufes gewertet werden. Der Arzt könnte zum Beispiel für eine gewisse Zeit seine Zulassung verlieren. Und natürlich muß es Gesetze gegen den Dopinghandel geben. Die Händler beliefern ja nicht nur den Leistungssport. Sie schaden der ganzen Gesellschaft.
Das Gespräch führte Evi Simeoni.
Der Kanadier Richard Pound, Olympiateilnehmer von 1960 als Schwimmer, hat eine lange Erfahrung als Sportfunktionär und IOC-Mitglied. Der 63 Jahre alte Rechtsanwalt gilt als Vater der milliardenschweren Fernsehverträge des IOC ebenso wie als Initiator der Welt-Anti-Doping-Agentur in Montreal, deren Präsident er seit 2001 ist. 1998 wurde er mit dem Vorsitz der Untersuchungskommission betraut, die den Korruptionsskandal um die Vergabe der Winterspiele in Salt Lake City aufarbeitete. 2001 unterlag er mit seiner Kandidatur um die IOC-Präsidentschaft Jacques Rogge.
Text: F.A.Z. vom 9. Februar
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