Anti Doping Agentur

Ärger über juristische Schlupflöcher im Regelwerk

Von Evi Simeoni

Claudia Bokel: “Ein Rückschlag für die Dopingbekämpfung“

Claudia Bokel: "Ein Rückschlag für die Dopingbekämpfung"

22. März 2005 Der Freispruch der beiden griechischen Sprinter Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou durch ihren nationalen Leichathletik-Verband hat den Anti-Doping-Aktivisten einen schweren Schlag versetzt.

Das Entsetzen darüber war auch am Dienstag in Bonn zu spüren, wo die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) zusammen mit dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft die „Doping-Bilanz 2004 im Deutschen Sport“ präsentierte. Die Fechterin Claudia Bokel, Mitglied des Beirats der Aktiven, äußerte sich schwer enttäuscht zu den Nachrichten aus Griechenland: „Das ist ein Rückschlag für die Dopingbekämpfung.“ Roland Augustin, Geschäftsführer der Nada, reagierte „schockiert“, Professor Klaus Müller, der Leiter des Labors in Kreischa, fühlt sich „ins Mark getroffen“.

„Spitzfindigkeiten“

Ihre teure und aufwendige Arbeit sehen die Dopingbekämpfer immer wieder durch „juristische Spitzfindigkeiten“, wie Müller das nennt, ad absurdum geführt. „Das ist unser größtes Problem“, erklärt er. Davor sorgen allerdings auch die nach wie vor vorhandenen Schwächen in der Analytik und die häufig mangelhafte Proben-Entnahme durch unzureichend ausgebildete Kontrolleure für Probleme. „Nach wie vor ist es hier möglich, das Anti-Doping-Regelwerk zu umgehen“, sagte die aktive Leistungssportlerin Bokel.

Trotz der Schwachpunkte im System registrierte die Nada im Olympiajahr 2004 72 positive Fälle, die auch sanktioniert wurden. Das bedeutet eine deutliche Zunahme - 2003 waren es 50 ertappte und bestrafte Dopingsünder. Die Zahl der von der Nada anberaumten und in den Labors von Köln und Kreischa analysierten Dopingproben betrug 8885, davon 4417 im Training und 4468 im Wettkampf.

Online-Meldesystem kommt

Auch „sonstige Verstöße“, wie sie seit Implementierung des Welt-Antidoping-Codes geahndet werden, gab es in Deutschland, und zwar drei Verweigerungen und zwei verpaßte Tests, weil Informationen über den Aufenthaltsort der Athleten fehlten. Dafür wurden Verwarnungen ausgesprochen. Vom 1. Mai an wird im übrigen ein Online-Meldesystem eingeführt, bei dem jeder deutsche Kaderathlet ähnlich dem Online-Banking-System die Informationen über seinen Aufenthaltsort beliebig aktualisieren kann. Das System, daß Sportler sich durch lückenlose Dokumentation ihrer Aufenthaltsorte jederzeit für Trainingstests zur Verfügung halten müssen, könnte damit endlich praktikabel werden.

698 Untersuchungen auf das Blutdopingmittel Erythropoietin wurden 2004 durch die Nada vorgenommen, was keinen einzigen positiven Fall ergab. Auffallend an der Statistik ist, daß mit 28 positiven Fällen die anabolen Steroide deutlich dominieren. Auf Wachstumshormon wurde nicht getestet.

Es fehlt noch Geld

Mit Hilfe einer Zuwendung aus Bundesmitteln in Höhe von 400.000 Euro, die für Präventionsmaßnahmen bestimmt sind, stieg der Etat der Nada für das Jahr 2004 auf 1,6 Millionen Euro. Für die Einrichtung einer Schiedsgerichtsbarkeit, die sich an Stelle der Fachverbände mit den „juristischen Spitzfindigkeiten“ herumschlagen könnte, fehlt allerdings immer noch das Geld.

Gerade vor dem Hintergrund des Falles Kenteris/Thanou befindet zum Beispiel Klaus Müller: „Ich wäre dafür, daß den Verbänden diese Aufgabe weitgehend abgenommen wird.“ Gegen die Nachlässigkeit des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, der die Rechtslage im Fall der beiden Griechen hat verschwimmen lassen, wäre aber möglicherweise auch ein unabhängiges Gericht machtlos.

Text: F.A.Z., 23.03.2005, Nr. 69 / Seite 38
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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