18. April 2005 Olympia ist schuld. Die Winterspiele von 1972 in Sapporo faszinieren einen Sechsjährigen aus dem Erzgebirge. Die Wettkämpfe auf Biegen oder Brechen, Triumph und Niederlage in einem Augenblick. Jens Steinigen sitzt vor dem Fernseher und läßt sich packen von der Atmosphäre - und vom kolportierten Wert des Schauspiels. "Ich war überzeugt, Fairness, Chancengleichheit, Gerechtigkeit zählten." Für diese Ideale treibt er sich an die Grenzen, akzeptiert den militärischen Drill im Ausbildungslager Hochleistungssport. Steinigen wird mit zwölf Jahren Biathlet, läuft und schießt, bis zum Erbrechen, bis zur Serie von Volltreffern. Eben noch mit kraftvollen Schüben durch die Loipe gesaust, daß der Herzschlag in die Höhe schießt, jetzt schon das Gewehr im Anschlag, ausatmen, zielen, schießen. Klatsch, die Scheibe fällt. Steinigen kann alles: rennen, liegend und stehend mit traumhafter Sicherheit auf den runden Ausschnitt ballern. Vierzehn Jahre nach seinem Zuschauererlebnis sieht er sich selbst nach Olympia fahren. Die ganzen Entbehrungen in der Kinder- und Jugendsportschule Altenberg, dieser höheren Anstalt für Medaillenkandidaten, die Härten im Training beim Sportclub Dynamo Zinnwald, alles scheint sich gelohnt zu haben.
Calgary ist schon 1986 das Zauberwort aller Nationalkader, Steinigen gehört zu den Auserwählten. Und deshalb kommt dieses Angebot. Ganz unverblümt. Sie sollen Pillen nehmen. "Der Mannschaftsarzt hat bei der Besprechung im Beisein der Trainer nicht lange drum herumgeredet", sagt Steinigen: "Das seien Dopingmittel." Begriffe schwirren durch die Luft: Konkurrenz, Klassenfeind, Kampfauftrag. Die anderen machen das sowieso. Steinigen nicht. Er will nicht, weil sein zwei Jahre älterer Teamkollege nicht will. Er will nicht, weil ihm nach dem rhetorischen Trommelfeuer zum Wohle des Sozialismus anderes in den Sinn kommt. Fairness, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Olympia 1972. "Da hatte es angefangen, deshalb wollte ich das doch, und nun sollte alles anders sein."
April 2005: "Dr. Jens Steinigen" steht auf dem feinen Schild der Anwaltskanzlei in Traunstein. Ein schmuckes Haus, Jahrhundertwende, großzügiges Entree, hohe Wände, Flügeltüren, Bücherregale mit Gesetzeswerken. Der ehemalige Biathlet Steinigen steckt seit fast acht Jahren in Schlips und Kragen. Seit 2000 kämpft er als Anwalt in der Kanzlei Lenze standesgemäß ums Recht - meistens um das anderer. Beim Seniorpartner holt er eine Ausgabe seiner Dissertation: "Zivilrechtliche Aspekte des Dopings aus der Sicht des Spitzensportlers". Er sagt, er habe immer schon einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt. Wahrscheinlich ist Steinigen deshalb immer wieder gegen den Strom geschwommen. "Demokratischer Sport?" Steinigen lacht leise. "Die Autonomie gibt den Verbänden die Möglichkeit, restriktiv vorzugehen, außerhalb der Gesellschaftsordnung. Das hat viele Funktionäre geprägt."
Und dann fehlt die Kraft
Damals, in der Pillenstunde, hat Steinigen geschluckt für einen Moment, aber doch nicht geschluckt, was sie ihm - ohne Aufklärung über die Risiken - unterjubeln wollten. Nicht jede Pille konnten sie bei der Vergabe unter Beobachtung ausspucken, aber doch so viele, daß dem Olympiafan und -kandidaten beim entscheidenden Trainingslager im Oktober 1987 vor der abschließenden Nominierung für Calgary die Kraft fehlte. "Am Anfang konnte ich noch mithalten, aber dann fiel ich von Tag zu Tag weiter zurück. Der psychische Stress war enorm. Und dann kommst du den Berg hoch, bist drei Minuten zurück, und der Trainer brüllt dich an."
Steinigen führt den Leistungsunterschied auch auf seine Verweigerungshaltung zurück. "Ich hatte geglaubt, es würde auch ohne die Dinger gehen." Trotz der Infiltration. Die Trainer hatten auf ihn eingeredet, ihn geradezu bedrängt, zuzugreifen. Als sich der schwächelnde Steinigen dann später noch erdreistet, die Moralpredigt nach einer harmlosen Geburtstagsfeier mit ein paar Bier bis 23 Uhr im Trainingslager in Frage zu stellen, kommt es zum Eklat. "Ich war nicht grundsätzlich gegen das System. Aber als ich mir das ganze Geschwafel vom Kampfauftrag und so anhörte, die Trainer, ein Teamkollege redeten auf mich ein, da habe ich einfach gesagt: ,Ihr könnt mich mal am Arsch lecken.'" Olympia, ade! "Meine damalige Leistungsschwäche, meine Dopingverweigerung, meine Frechheit, mir war schon am nächsten Tag klar, das war's." Intern wurde die Versetzung Steinigens in die B-Auswahl so begründet: "rückläufige Persönlichkeitsentwicklung".
Steinigen hatte das Ende seiner Karriere schon vor Augen, da fiel erst die Mauer und kurz vor Weihnachten 1989 die Entscheidung, es im anderen Deutschland noch mal zu versuchen. Es war eine Art Flucht. Aus dem Staatssportsystem in den Sport des Westens, wo man doch die Freiheit hat, zu sagen, was man denkt. Steinigen suchte sich das bayerische Biathlon-Zentrum Ruhpolding aus. Er rechnete seine Entfaltungschancen unter freiheitlichen Bedingungen hoch, setzte auf eine schnelle Eingliederung in die Nationalmannschaft der Bundesrepublik: "Ich wußte ja, daß ich es drauf hatte."
Zurück in die Vergangenheit
Aber die Weltpolitik spielte ihm einen Streich. Die Ad-hoc-Vereinigung warf ihn zurück in die Vergangenheit. "Plötzlich gab es nur noch eine deutsche Nationalmannschaft, plötzlich stand ich vor derselben Mannschaftsführung, die mich drei Jahre zuvor aus dem Leistungssport gedrängt hatte." Steinigen schweigt, schaut nach unten und spricht kaum vernehmbar: "Ich kam vom Regen in die Traufe."
Die Leistung stimmte zwar bald wieder, sie zahlte sich aber nicht aus. Auffällig häufig wurde er bei Nominierungen übersehen oder sollte mehr als abgesprochen auf die Probe gestellt werden. Weil Steinigen seinen eigenen Weg ging, weil er fern der Mannschaft trainierte, weil er sich nicht abermals einreihen wollte? Im Deutschen Skiverband (DSV) sprach man damals vom Sonderling, von einem, der nicht teamfähig sei. Steinigen winkt ab: "Ich konnte einfach nicht mehr mit diesen Trainern, ich hatte kein Vertrauen mehr. Aber einige dachten wohl, es käme nichts hoch, das würde sich alles geben. Das war die Einstellung im Verband."
Steinigen war zu gut. Er verpaßte zwar die Vorqualifikation für die Weltcupsaison 1990/1991, wurde aber im Januar 1991 erster gesamtdeutscher Meister über zehn Kilometer und Dritter über zwanzig. Trotzdem sollte er am folgenden Weltcup in Ruhpolding nicht teilnehmen dürfen. Steinigen platzte der Kragen. Hinter verschlossenen Türen berichtete er dem DSV sonntags nach dem abschließenden Staffelrennen über die Dopingvergangenheit seiner Trainer Kurt Hinze und Frank Ullrich. "Die ganze Geschichte. Ich wollte meine großen Zweifel an einer fairen Behandlung erklären. Helmut Weinbuch (Sportdirektor) sagte, man werde die Sache prüfen und auf mich zukommen."
Zum Langlauf - per Dienstanweisung
Der einzige, der auf den Sportler im Sold des deutschen Zolls zukam, war dessen Vorgesetzter. Und zwar gleich am nächsten Tag per Telefon: "Er schimpfte, fragte, was uns (Steinigen und seinem Trainer Wolfgang Pichler) einfiele, die über Jahre guten Beziehungen zum Biathlon zu gefährden." Es blieb nicht bei der Schelte. Obersekretär Pichler - in den Augen des Verbandes der Anstifter - mußte stante pede per Dienstanweisung vom Biathlon zum Langlauf wechseln. Der DSV aber rührte sich nicht weiter. "Als ich keine Nachricht bekam, was passieren sollte, habe ich mich für eine Offensive entschieden." Vor dem Weltcup in Ruhpolding machte Steinigen seine Geschichte während einer Pressekonferenz öffentlich. Der subtile Mechanismus in einem auf Abhängigkeiten aufgebauten Leistungssportsystem aber, Quertreiber einzunorden oder auszuspucken, hatte im Moment der internen Anklage schon begonnen. Er wirkte bis zum Karriereende Steinigens.
Die alten Kameraden Ost widersprachen der Dopingschilderung sofort, ein westdeutsches Teammitglied distanzierte sich später mit heftigen Vorwürfen, alle zusammen weigerten sich, eine von Steinigen initiierte Anti-Doping-Erklärung zu unterzeichnen, der Verband verlangte Beweise für die Anschuldigungen, Trainer Hinze sprach vom "Biathlon-Zerstörer", und der Arbeitgeber versuchte sich auch als Knebelmeister. Denn Steinigen sollte im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF auftreten. So bat der Oberwachtmeister beim Zoll um die obligatorische Freigabe. "Mein Vorgesetzter sagte dann: ,Wenn du mir versprichst, nicht über Doping zu reden, dann erteile ich dir die Erlaubnis.' Ich sagte, das könne ich nicht. Er antwortete: ,Dann erteile ich keine Erlaubnis.'"
Steinigen ist trotzdem geflogen - in den Sender - und hat alles erzählt. Das bescherte ihm eine Klage von Coach Hinze, ein monatelanges Verfahren, Prozeßtage, die Leistungssportler eher bremsen als beschleunigen. Hinze verlor, dankte Ende 1991 ab. Die Wahrheit aber hat man dem Sportler Steinigen übelgenommen. "Man hat bei mir nur auf Schwächen gewartet. Bei anderen Sportlern gibt's vielleicht noch mal eine Chance zum Ende der aktiven Zeit. Bei mir ist gleich die erste Gelegenheit genutzt worden."
Steinigen hielt sich bis 1996 als Sportler und Kritiker. Er ist Olympiasieger mit der Staffel 1992 in Albertville geworden, hat Weltcuprennen gewonnen und deutsche Meisterschaften. "Ich war kein armer Athlet, bestimmt nicht, aber ich hätte schon noch mehr erreichen können. Denn die Jahre zwischen zwanzig und fünfundzwanzig fehlten mir." Vielleicht hat Steinigen auch ein bißchen Glück gehabt. Das denkt er zumindest, wenn er sich mit einer seiner Mandantinnen, der ehemaligen DDR-Schwimmerin Karen König, beschäftigt. Sie leidet unter den Folgen der (unwissentlichen) Dopingeinnahme und fordert eine Anerkennung als Opfer. Nur noch vom Sport - der Staat hat einen Opfer-Fonds geschaffen.
Aber das Nationale Olympische Komitee für Deutschland weigert sich, eine Art symbolische Entschädigung zu zahlen. Jeder Güteversuch ist gescheitert, im Herbst beginnt die Beweisaufnahme in Berlin. "Das NOK ist Vermögensnachfolger des NOK der DDR", sagt Anwalt Steinigen, "es hat Millionen bekommen, die Trainer geholt, aber um die Schattenseiten wird sich nicht gekümmert. Dabei geht es nicht um große Summen, es geht um Anerkennung, Verantwortung. Aber nichts passiert, das ist so schwach." Mit 38 Jahren glaubt er immer noch an die Werte des Sports, so wie einst mit sechs. Sollte er aber einen Athleten beraten, dann würde er ihm folgende Botschaft mit auf den Weg geben: "Laß die Finger von Doping. Im negativen, aber auch im positiven Sinne. Ein Kampf gegen Mißstände? Das kommt nicht gut, das ist meine Erfahrung, durch Tatsachen begründet."
Text: F.A.Z., 19.04.2005, Nr. 90 / Seite 32