Von Torsten Haselbauer
08. Mai 2008 Wenn Erik Ballauff und Klaus Eberhard in diesen Tagen das Vereinsgelände des Berliner Tennisclubs LTTC Rot-Weiß besuchen, beschleicht sie manchmal etwas Wehmut. Der Verbandsdirektor und der Sportdirektor des Deutschen Tennis Bundes (DTB) finden sich dann in einer schlechten Kopie einer Beduinen-Zeltstadt wieder, die eine Art orientalische Kulisse für die German Open bilden soll.
Die Frage, wer hier in Berlin beim traditionsreichsten deutschen Damentennisturnier Herr im Hause ist, ist damit zumindest geklärt. Jedenfalls nicht der DTB. Es ist der Tennisverband des Scheichtums aus Qatar. "Wir haben mit diesem Turnier eigentlich nichts mehr zu tun. Außer, dass es auf deutschem Boden stattfindet", sagt Eberhard. Immerhin, das grüne Armband an seinem rechten Handgelenk gewährt ihm und Erik Ballauff noch freien Einlass, bis hinauf zu den VIP-Logen des Centre Courts sogar.
Für 6,7 Millionen an den Scheich verkauft
Vor vier Jahren, als der größte Tennisverband der Welt ganz kurz vor dem Konkurs stand, hat der DTB die Lizenz an dem Turnier im vornehmen Berliner Stadtteil Grunewald zum Verkauf angeboten. Für 6,7 Millionen Euro griff der Tennisverband aus dem mit Erdöl und Gas reich gesegneten Scheichtum Qatar zu. "Das ist grundsätzlich nicht schön. Uns blieb aber gar nichts anderes übrig", erklärt Eberhard. Damen-Tennisturniere in Deutschland waren damals billig zu haben, denn sie brachten keine Rendite.
Schlimmer noch. Von rund 800 000 Euro Minus pro Berliner Turnier war die Rede, was sich da beim DTB Jahr für Jahr als Verlust ansammelte. Der Verband sah sich gezwungen, sein Tafelsilber auf einer Art Transfermarkt zu verkaufen, um Schlimmeres zu verhindern. Erst das Damenturnier von Hamburg nach Philadelphia für 3,5 Millionen Euro und schließlich die German Open an einen fernen Wüstenstaat. "Die Verkaufsentscheidung ist im Rückblick immer noch richtig. Das Turnier findet weiter in Berlin statt. Es gibt vier Wildcards für deutsche Spielerinnen und der Verband ist saniert", erklärt Ballauf.
2009 wäre für einen Ortswechsel geeignet
Seit dem Einstieg der Araber bei den German Open im Jahr 2005, die jetzt offiziell "Qatar Telecom German Open" heißen, wird jedoch ohne Unterlass über die Zukunft des Turniers diskutiert. "Wer die Lizenz besitzt, der bestimmt, wo er das Turnier durchführt", erklärt Eberhard die klaren Machtverhältnisse. Zwar kann die "Womens' Tennis Association" (WTA), die die Damenturnierserie veranstaltet, noch über Platzbelag, Status und Termin eines Turniers bestimmen, nicht aber über den Standort. So könnten, wenn die Scheichs es wollen, die German Open beispielsweise im kommenden Jahr auch in Athen, Bukarest oder anderswo über die Bühne gehen. Vielleicht sogar in Qatar.
Die tiefgreifende Reform des WTA-Turnierkalenders für das Jahr 2009 wäre als Zeitpunkt für einen Ortwechsel gar nicht einmal schlecht gewählt. Turnierdirektor Ayman Azmy möchte zwar von alldem nichts wissen. Doch richtig überzeugend klingen seine Berlin-Bekenntnisse auch nicht. "Mitten in Berlin kann man neun Tage Qatar sehen. Das ist doch was und das soll so bleiben", verspricht der 49-jährige Qatarer. Dass das Turnier dem Scheichtum einen Imagegewinn in Richtung Olympiabewerbung 2016 bringe, fügt er noch an. "Wir zeigen, dass wir auch außerhalb unseres Landes in der Lage sind, Sportereignisse perfekt zu organisieren", so Azmy weiter.
Ob das den Scheichs reicht, ist zweifelhaft, denn immer wieder klagte Azmy über die mangelnde Unterstützung der Berliner Wirtschaft, zumal das Turnier weiterhin ein Zuschussgeschäft ist. Daran hat sich seit 2004 nichts geändert "Die German Open kosten bestimmt drei Millionen Dollar. Das holen die Qataris nicht rein", mutmaßt Ballauff, der einen Etat von rund fünf Millionen Euro zu verwalten hat.
DTB sorgt sich auch um Männerturnier in Hamburg
Aus Berlin haben sich zumindest Ballauff und Eberhard schon verabschiedet. Nach ihrem Kurzbesuch in der Hauptstadt reiste das Duett in Richtung Hamburg. Dort wird in der kommenden Woche das Herren-Masters-Turnier auf der Anlage Am Rothenbaum ausgespielt. Das ist so etwas wie das letzte, gute Stück des DTB, selbst wenn sich dort auch schon die Qatarer eingekauft haben. Allerdings nur mit 25 Prozent.
Nun jedoch hat die ATP Tour, der Organisator der Herrenserie, mit dem Turnier in der Hansestadt ganz andere Pläne. Die ATP Tour will es zurückstufen, verschieben und durch Madrid ersetzen. So jedenfalls ist es in einem von der ATP Tour für 2009 vorgestellten Plan zu lesen. Erhält der Sieger von Hamburg in diesem Jahr noch 1000 Weltranglistenpunkte, so sind es im kommenden nur 500. "Der Ausdruck dritte Liga ist da nicht falsch", meint Eberhard.
Klage gegen ATP
Nur, gefallen lassen will sich der Deutsche Tennis Bund das nicht. In der Allianz mit den Qataris verklagt der Verband nun die ATP Tour, in der der DTB übrigens selbst Mitglied ist, "auf unbillige Ausnutzung des Monopols", wie Ballauff erläutert. Gerichtsstand ist die Stadt Wilmington, im Staate Delaware an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Dort hat die ATP Tour ihren Sitz und ihr Geschäftsführer Etienne de Villiers unter dem merkwürdigen Titel "Brave New World" (Schöne neue Welt) die Turnieränderungen für 2009 ausgeheckt.
"Wir haben eine auf Sportrecht spezialisierte amerikanische Anwaltskanzlei beauftragt, gegen die Änderung zu klagen. Wir erwarten einen der größten Sportgerichtsprozesse", sagt Ballauff voller Spannung auf die Entscheidung. Der DTB wehrt sich also gegen die Globalisierungsprozesse im Tennis, von denen er in Berlin selbst einmal profitierte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa
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