Kommentar

Alles, was recht ist

22. August 2004 Sportler fällen Urteile im Wettkampf. Schiedsrichter fällen Urteile über Sportler. Sportrichter fällen Urteile über Schiedsrichter. Und Funktionäre fällen Urteile über die Urteile der anderen. War Sport nicht mal was anderes? Etwas, das man mit Augen verfolgen, mit Sinnen begreifen konnte?

Olympia wird zur Gerichtssendung. Es ist nicht das Programm, das man bestellt hat. Zeit, daß wieder der wahre Richter sein Urteil fällt, der Olympia im Geiste des Wettkampfes, nicht der Verbandsformalien und Instanzenwege betrachtet: der Zuschauer.

(Wende)Fehler und (Form)Fehler

Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben zweimal Gold verloren; der amerikanische Schwimmer Aaron Peirsol durfte seine Medaille behalten; sein turnender Landsmann Paul Hamm auch - drei olympische Rechtsfälle des Wochenendes, entschieden aus der Sicht der sportlichen Rechtsinstanzen. Geurteilt aus der Sicht des neutralen Sportfreundes sehen die Fälle so aus: Sportlich verdiente Reitsieger verlieren Gold, weil sich ein eigener (Zeit)Fehler und ein (Form)Fehler der Jury unglücklich verquicken. Ein sportlich verdienter Schwimmsieger behält Gold, weil sich ein eigener (Wende)Fehler und ein (Form)Fehler des Kampfgerichts glücklich neutralisieren.

Und ein spektakulärer, aber unverdienter Turnsieger behält Gold, weil der (Wertungs)Fehler der Jury, der seinen Gegner Gold kostete, als solcher bestätigt, aber für unumkehrbar erklärt wird.

Welches Urteil bleibt dem neutralen Sportfreund?

Bettina Hoy und ihre Kollegen verloren Gold, weil sie eine Volte zuviel drehte, und weil die Jury, die ihr den Zeitfehler aus gutem Grund erließ, versäumte, ihre Zuständigkeit klarzumachen. Vom Formfehler profitierten vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) Franzosen, Briten und Amerikaner. Aaron Piersol behielt Gold, obwohl er nach dem Urteil des (französischen) Bahnrichters einen Wendefehler beging - weil dieser ein Formular nicht richtig ausfüllte, nämlich gar nicht, und dessen (russischer) Chef es dennoch abzeichnete. Paul Hamm schließlich verdankte beim Mehrkampf nach verpatztem Sprung den Sprung zum Gold nicht nur eigenem Aufbäumen; auch der Abwertung von Tae Young Yang am Barren, wo die Jury unter Leitung eines Amerikaners den Ausgangswert der Übung des Koreaners auf 9,9 herabsetzte. Der Weltverband bestätigt: Die Wertung war falsch, der Koreaner müßte Olympiasieger sein. Aber er wird es nicht. Die Entscheidung ist nicht umkehrbar. Nur die Kampfrichter werden suspendiert; auch den am Fall Peirsol beteiligten droht dies. In beiden Fällen geht es weiter: Die Briten, die Bronze im Schwimmen, und die Koreaner, die Gold im Turnen reklamieren, wollen vor den CAS - mit geringen Chancen.

Welches Urteil bleibt dem wahren Richter, dem neutralen Sportfreund? Nur das Urteil, wie sehr der Sport, diese einst befreiende, gegenständliche Welt inzwischen von Taten, Tatsachen und Tatsachenentscheidungen, von Rechts- statt Tagesformen, von Klage- statt Laufwegen mitbestimmt wird. Sportliche Regeln sind ersonnen, daß der Richtige gewinne; sportliches Recht ist es nicht immer. Sportlich mag manches Urteil Wahnsinn sein; rechtlich hat's Methode. Und wie das so ist im Leben wie im Sportlerleben: Mal trifft es den Richtigen, mal den Falschen. Und manchmal hilft's wohl, wenn man Amerikaner ist.

Text: cei., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2004, Nr. 195 / Seite 24

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