Doping

Springsteins Rechtsbeistand fordert neues Personal

Von Hans-Joachim Waldbröl, Magdeburg

03. Februar 2006 Im Anfang war das große Wort. Das führte wieder einmal Johann Schwenn - und der gab es auch nicht wieder freiwillig ab, bis der Strafverteidiger des wegen Dopings minderjähriger Mädchen angeklagten Thomas Springstein wenigstens das nächstliegende Verhandlungsziel erreicht hatte; zugegeben, nur die kleinere Lösung: eine kurze Wochenendpause zur juristischen Regeneration.

Sein stummer Mandant, der in Verruf geratene frühere Leichtathletiktrainer, stellte über seinen beredten Rechtsbeistand den Antrag, die Magdeburger Amtsrichterin Astrid Raue sowie ihre beiden Schöffen für befangen zu erklären, mithin die Positionen neu zu besetzen. Damit war die Sitzung am Freitag nach knapp zwei Stunden und drei Beratungspausen geschlossen. Über den Antrag muß nun, bis zum vierten Verhandlungstag am kommenden Montag, der nächsthöhere Dienstvorgesetzte entscheiden.

Anwalt sieht Pressekampagne

Im ersten großen formalen Versuch hatte Schwenn, der neben seinem assistierenden Kollegen Peter-Michael Diestel unüberhörbar für den rednerischen Part im Prozeß zuständig ist, zum finalen Schlag ausgeholt. Das Verfahren gegen Springstein solle wegen schwerwiegender Verfahrenshindernisse eingestellt werden. Die Staatsanwältin Angelika Lux habe nämlich durch den von ihr beantragten mündlichen Vortrag am zweiten Verhandlungstag und wohl auch durch eine anschließende wörtliche Weitergabe des umfassenden, bei einer Hausdurchsuchung im olympischen Sommer 2004 sichergestellten E-Mail-Verkehrs des Angeklagten an die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Persönlichkeitsrechte Springsteins verletzt. (Siehe auch: "Betreff: Comeback G.B. - bitte mach uns ein Programm")

Der F.A.Z. sei es damit ermöglicht worden, "in bemerkenswerter Ausführlichkeit" den verfänglichen Schriftverkehr zu dokumentieren, den nicht einmal der fixeste Stenograph habe mitschreiben können. Daraus sei eine Pressekampagne in Sachen Gendoping gegen seinen Mandanten ausgelöst worden, die "einmalig in meiner 30jährigen rechtsanwaltschaftlichen Tätigkeit" sei.

Auf Verurteilungskurs?

Die Veröffentlichung dieser Beweismittel, die einzig dem Gericht vorgelegt und der Verteidigung zur Kenntnis gegeben werden sollten, habe Springstein "irreparablen Schaden" zugefügt. Damit habe die Staatsanwältin die Zeitungen instrumentalisiert und eine "soziale Vernichtung" Springsteins betrieben. In einem Hilfsantrag hatte die Verteidigung gefordert, Angelika Lux als Zeugin in eigener Sache zu berufen - und damit ihrer Aufgabe als Staatsanwältin zu entbinden.

Da Richterin Astrid Raue sowohl diesen als auch den weitergehenden Antrag auf Einstellung des Verfahrens zurückwies, weil es für den Verfahrensfortgang unerheblich sei, kam es zu einer gravierenden Interpretation Schwenns: Die Entscheidungen belegten das "ostentative Desinteresse" eines Gerichtes, das auf Verurteilungskurs sei. Daher der Antrag auf Auswechslung des Personals wegen Befangenheit.

Ein Phantom geistert durchs Gerichtsgebäude

Um die durch die veröffentlichten E-Mails ausgelösten Gendoping-Mutmaßungen geht es in dem anhängigen Verfahren rechtlich nicht. Es geht um Minderjährigen-Doping mit männlichen Sexualhormonen. Was während der vergangenen Tage die Gemüter der Sportkenner und Dopinggegner erhitzt und die Spekulationen über eine neue Qualität von Blutdoping angeregt hatte, fand jedoch schon auf den Fluren vor Saal 2 des Gerichtsgebäudes seinen Widerhall.

Nicht anwesend, aber als Phantom doch allgegenwärtig, geisterte auch Grit Breuer durchs Gerichtsgebäude wie vorher durch die Zeitungen. Obwohl die knapp vor Prozeßbeginn zurückgetretene 400-Meter-Läuferin ihrem Coach und Lebensgenossen bei jeder Gelegenheit den Rücken stärkte, erschien sie im Gericht bisher nicht. Auch nicht, um sich mit Springstein solidarisch zu zeigen.

„Schreiben Sie: Grit Breuer ist gegen Doping“

Springstein-Anwalt Diestel möchte nicht einmal eine Verbindung für Fragen an Grit Breuer herstellen. "Warum sollte sie sich mit Flachköpfen unterhalten, die wilde, abstruse Spekulationen verbreiten?", sagte der letzte Innenminister der untergegangenen DDR. "Sie hat ein riesenhaftes Belastungsregime überstanden, und die jetzigen Verdächtigungen sind an den Haaren herbeigezogen." Einen Satz zu Grit Breuers Gesinnung wollte Diestel allerdings doch loswerden: "Schreiben Sie: Grit Breuer ist gegen Doping und für den Weltfrieden." Das ist aber mal eine lobenswerte Einstellung.



Text: F.A.Z. vom 4. Februar 2006
Bildmaterial: dpa

 
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