11. Mai 2005 In den frühen Morgenstunden des 24. September 2004 ist der Dopinghandel eines 39 Jahre alten Geschäftsmannes aus Essen endgültig beendet: per Haftbefehl. Es ist die Schlußattacke des Zollfahndungsamtes Hamburg gegen eine international agierende Dopingdealergruppe. Im Lauf der Ermittlungen hat die in Kiel eingerichtete "Ermittlungsgruppe Doping" mehr als 500 Kilogramm Anabolika sichergestellt. Wenig später nehmen die Kollegen aus Frankfurt während einer "routinemäßigen Kontrolle" eines Reisebusses einen jungen Mann kroatischer Abstammung fest. Der sportlich aussehende Typ hatte versucht, in zwei Reisetaschen 15 Kilogramm Anabolika von Serbien nach Frankfurt zu schmuggeln - im Wert von 60.000 Euro.
Anabolika - Muskelmacher, die sich mittlerweile Hinz und Kunz einwerfen, um mit geblähtem Body Eindruck zu schinden. Koste es, was es wolle. Die Skala der Nebenwirkungen reicht je nach Substanz, Dosierung und Dauer der Einnahme vom Lust- bis zum Lebensverlust. Trotzdem wächst die Nachfrage. Nach Angaben des Zollkriminalamtes Köln ist die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen Dopingmittelschmuggler seit 1999 von 131 auf 464 (2004) gestiegen. Aber die Beamten klopfen sich nicht auf die Schulter. Zumal es in Deutschland weder bei der Polizei noch beim Zoll oder den Staatsanwaltschaften speziell ausgebildete Dopingfahnder gibt. "Deshalb ist bei der Entdeckung viel Zufall im Spiel", sagt Harald Körner, Oberstaatsanwalt in der Zentralstelle für die Bekämpfung der Betäubungsmittelkriminalität, und schaut aus dem Fenster seines Frankfurter Büros hinunter auf die Stadt: "Was wir vom Dopingmarkt bislang sehen, ist nur die Spitze des Eisberges."
Milde gegenüber Dopinghändlern
Körner zieht seine Schlüsse aus dem, was Drogenfahnder berichten, wenn sie bei Telefonüberwachungen organisierter Drogentäter von den Dopinggeschäften hören. Während die Deals mit Rauschgift in der Regel codiert verhandelt werden, reden die Händler beim Talk über den Geschäftszweig Doping Klartext. "Da wird offen über die Präparate gesprochen, da will der Sportler wissen, was er nehmen kann, wieviel, was passieren kann, wie die Absetzzeiten sind. Man hat ja kaum was zu befürchten", sagt Körner. Ein Drogenhändler wird laut Betäubungsmittelgesetz schwer bestraft, ein Dopinghändler mit den Strafvorschriften des Arzneimittelgesetzes (AMG) vergleichsweise großzügig behandelt. Das Amtsgericht Frankfurt verurteilte im Februar 2003 einen bereits vorbestraften Bodybuilder wegen Anabolikahandels und -schmuggels lediglich zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Er hatte knapp drei Millionen Pillen unter die Eisenstemmer gestreut.
Körner könnte wohl eine lange Liste mit solchen Fahndungserfolgen präsentieren, wenn er dürfte, wie er wollte. Aber die Telefonüberwachung ist bei einem vermeintlichen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz nicht erlaubt. Was für den Oberstaatsanwalt bei den Abhöraktionen gegen die Rauschgiftmafia abfällt, darf häufig vor Gericht nicht verwendet werden, öffnet aber den Blick auf das Ausmaß des Schwarzmarktes: "Es sind Riesenmengen im Umlauf. Produktions- und Vertriebsfirmen für Nahrungsergänzungsmittel, die absichtlich mit Anabolika verunreinigt werden, sind (im Ausland) aus dem Boden geschossen. Der illegale Straßenhandel und der Schmuggel von Dopingsubstanzen scheinen das Ausmaß des Rauschgifthandels erreicht zu haben."
"Im Internet oder nur beim Dealer?"
"LuckyLarge" hat ein Problem: "Die Achse ist im Keller" nach der Testosteron-Kur, schreibt der Dopingmittelkonsument unter Pseudonym in einem der vielen Ratgeberforen und macht sich Sorgen um seine Libido. "Klärt mich auf!" Die Kameraden helfen gern: "Nimm Clomid." Gemeint ist ein Antiöstrogen. "LuckyLarge" will nur noch wissen, wo er fündig wird: "Im Internet oder nur beim Dealer?" Schon rollt der Rubel.
Antidoping-Experten ahnen schon lange, daß die Entwicklung des Schwarzmarktes für Dopingmittel wesentlich von der Kaufkraft der Fitnessfreunde beeinflußt wird. Inzwischen ist auch bewiesen, daß die Gruppe der Freizeitdoper in Deutschland neben den professionellen Betrügern zu einem "flächendeckenden Problem" geworden ist. Das schreibt der am Olympiastützpunkt Stuttgart und im Sportmedizinischen Institut der Uni Tübingen arbeitende Mediziner und Jurist Heiko Striegel. Er hat die erste wissenschaftlich abgesicherte, repräsentative, aber noch nicht veröffentlichte Studie über den Gebrauch von Dopingmitteln in Fitnessstudios erstellt.
Anzeigen kommen nicht aus dem Sport
115 Studios hat Striegel erfaßt. Demnach nehmen 10 bis 15 Prozent aller Besucher, vom Jugendlichen bis zum Rentner, Anabolika (98,5 Prozent) oder andere leistungssteigernde Substanzen ein. Da es offiziell rund 4,5 Millionen Mitglieder in deutschen Fitnessstudios gibt, haben wenigstens 450.000 ein ständiges Interesse, Stoff zu bekommen. Der Lübecker Orthopäde Carsten Boos rechnete Ende der neunziger Jahre schon mit einem Dopingbedarf im Wert von etwa 500 Euro pro Jahr und Doper. Demnach werden in Deutschland - vorsichtig gerechnet - gut 200 Millionen Euro pro anno für die Muskelmacher ausgegeben. Ob das meiste Geld auf Konten im Ausland fließt, ist sehr fraglich. Zwar ist über das Internet inzwischen fast alles innerhalb weniger Tage zu bekommen. Und die leicht einsehbaren Kommunikationskanäle der einschlägigen Seiten für Kraftmeier belegen auch, daß die angebotenen Produkte aus den Vereinigten Staaten oder den Niederlanden gerne eingekauft werden. Aber die Striegel-Studie deckt eine weitere "traurige" Facette auf: "Die dopenden Mitglieder von Fitnessstudios beziehen die Substanzen zu 50 Prozent aus dem Gesundheitswesen", sagt Striegel, "vornehmlich aus Apotheken, sowohl mit als auch ohne Rezept."
Oberstaatsanwalt Körner sind Fälle bekannt, in denen Ärzte ihre Praxen als Umschlagplätze für Drogen- und eben auch Dopinghandel nutzen. "Dann stellen sie bei der Nachforschung fest, daß der angebliche Doktor gar kein Sportarzt ist, sondern - sagen wir - ein Gynäkologe, dessen Praxis schlecht läuft." Aber es gibt so gut wie keine Verfahren gegen diesen "Täterkreis", dem Körner - den Spitzensport im Blick - noch die Betreuer, Manager von Spitzensportlern, Apotheker und das Hilfspersonal zurechnet. "Unter der derzeitigen Gesetzeslage sind wir auf Anzeigen aus dem Sport angewiesen. Doch die kommen so gut wie nicht vor. Solange die Strafen bei Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz so gering sind, wird der Einsatz eines V-Mannes wohl eher als unverhältnismäßig eingeschätzt", sagt Körner.
Nach dem Vorbild der kolumbianischen Drogenmafia
So sind Apotheken und Arztpraxen offensichtlich Adressen, wo der Feierabendsportler dem Profi die Klinke ungeniert in die Hand drücken könnte. Das Internet ist für die Berufsdoper jedenfalls zu gefährlich. Der Postweg könnte bis zum Abnehmer verfolgt werden. Einen Bodybuilder stört das nicht weiter, schließlich ist der Besitz von Dopingmitteln nicht strafbar, die Einfuhr allenfalls eine Ordnungswidrigkeit. Ein prominenter Leichtathlet oder Radprofi aber geriete in Erklärungsnot. Deshalb gehen sie oder ihre Mittelsmänner wie etwa die Pfleger im Radsport auf Nummer Sicher, über gefälschte Rezepte oder persönliche Kontakte. Die reichen bis hin zur Primärquelle. Zwar entstehen in Osteuropa angeblich mehr und mehr eigene Laboratorien, in denen ehemals arbeitslose Chemiker die Mixturen herstellen - ganz nach dem Vorbild der kolumbianischen Drogenmafia. Aber vorerst noch bedienen sich die Zwischenhändler weltweit offensichtlich direkt bei der Pharmaindustrie oder räumen, wie 1999 in Zypern, ein ganzes Lager mit 4,5 Millionen Portionen des Blutdopingmittels Epo leer.
Nur so ist die Diskrepanz zwischen der Mengenproduktion und der Zahl der Patienten zu verstehen. Nach Angaben des italienischen Dopingenthüllers Alessandro Donati lag das Wachstumshormon HGH im Jahr 2000 in der Rangordnung der weltweit am meisten verbreiteten Substanzen auf Platz zwölf. In der Indikationsliste fand sich HGH aber nur auf Position 150. Fragen wirft auch eine Statistik in Italien auf: Warum wurde 1998 eine Epo-Verkaufsmenge für 40.000 Patienten hergestellt, wenn es nur 3.000 registrierte Kranke gab? Eine Antwort hat die Firma BB Biotech gegeben. Sie schaltete kurz vor der Tour de France 2000 eine Zeitungsanzeige mit einem Bild dreier Radsportler und schrieb darunter: "Epo macht nicht nur in der Sportwelt Schlagzeilen ..."
Deutschland als beliebter Umschlagplatz
Der vielschichtige Schwarzmarkt bietet nicht nur einen Zugang zu den bekannten Präparaten mit leistungssteigernden Nebenwirkungen. Längst haben die Profis einen Weg gefunden, klinische Apotheken anzuzapfen, Medikamente zu besorgen, die in Deutschland noch gar nicht zugelassen sind. Renner der Epo-Nachfolger sind Dynepo und das bislang nicht nachweisbare CERA, das schon im Radsport geschluckt wird, obwohl es noch in der dritten Phase der klinischen Studie steht. 10 bis 25 Prozent des für die Forschung hergestellten Medikaments, behauptet ein Radsportexperte und Chemiker, gelangen von den klinischen Apotheken in den Leistungssport. Die Kosten sind überschaubar. Eine achtwöchige Epo-Kur mit 56.000 Einheiten (2000 alle zwei Tage) kostet einen Radfahrer zur Vorbereitung auf eine schwere Rundfahrt zur Zeit etwa 1200 Euro. Das ließe sich aus der Mannschaftskasse zahlen - falls die Teams noch Dopingetats haben wie einst die Rennställe Once, TVM, MTB oder Festina.
Geld für den Einkauf ist in jedem Fall noch ausreichend vorhanden. Nach einer Studie, die am 9. März dieses Jahres im belgischen Senat vorgestellt wurde, liegt der Umsatz von Dopingmitteln weltweit bei etwa acht Milliarden Euro. Dabei scheint Deutschland als Umschlagplatz in Westeuropa unter den Dealern und Konsumenten beliebter zu sein als seine Nachbarn Belgien, Italien und Frankreich. So warnt der Staatsanwalt vor einem Paradies für Doper. Wenn nicht bald der Gesetzgeber die rechtlichen Weichen zur Bekämpfung der internationalen Verbreitung von Dopingmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln neu stelle und neue Strafvorschriften gegen die Internetkriminalität formuliere, sagt Körner, "habe ich keinen Zweifel, daß wir dann den Wildwuchs von verbotenen Substanzen im Sport nicht mehr eindämmen, sondern nur noch statistisch erfassen".
Text: F.A.Z., 11.05.2005, Nr. 108 / Seite 36
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