Von Christian Eichler, Brüssel
12. Juli 2007Es sind 21 DIN-A4-Seiten, deren eher blasse, bürokratische Sprache dem Gegenstand nicht ganz gerecht zu werden scheint: Denn erstmals hat sich die Europäische Kommission mit ihrem am Mittwoch veröffentlichten Weißbuch zum Sport ein Programm zum populärsten Zeitvertreib der Europäer erarbeitet.
Es ist zugleich ein Dokument, dem man die Wirkung, die schon in den Wochen zuvor heftige Reaktionen bei den Mächtigsten des Weltsports ausgelöst hatte, nicht auf Anhieb anmerkt. Bei ihnen stießen die Entwürfe des Weißbuchs auf so große Ablehnung, dass Joseph Blatter, der Chef des Internationalen Fußball-Verbandes, gegen Brüssel wetterte und dass Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, dazu aufrief, es zu bekämpfen.
In einer gemeinsamen Erklärung bezeichneten beide Organisationen den Inhalt nun als eine unglücklicherweise eine vergebene Chance. Zuvorderst vermissen die beiden Weltverbände eine gesetzliche Stärkung der Autonomie des Sports und seiner Sonderrolle in der Gesellschaft.
Bei denen, die den Prozess der europäischen Einmischung in den Sport selber angestoßen hatten, allen voran die Europäische Fußball-Union, die sich durch aggressive Lobby-Arbeit in Brüssel neue Instrumente für ihren Kampf gegen die Großklubs erhoffte, war der Frust so groß, dass man die ganze Sache nun wieder stoppen und in den Herbst verschieben wollte, um vielleicht noch etwas zu drehen.
Doch nach ein paar späten Anpassungen an die Empfindlichkeiten der großen Verbände hat der für Sport zuständige EU-Kommissar Jan Figel das Weißbuch drei Tage vor der Sommerpause durchgedrückt - eine sportliche Leistung.
Was steht drin? Empfehlungen, Planungen, Vorschläge, wie der Sport seine Probleme lösen und wie Europa dabei eingreifen kann. Am meisten wird aber diskutiert, was nicht drinsteht. Das zeigt, wie viel, unmöglich viel, von der Kommission erwartet wurde: einerseits Probleme lösen, sich andererseits nicht groß einmischen in die Belange des Sports. Nun ist es genau andersherum gekommen: Europa betritt mit dem Weißbuch endgültig die sportpolitische Bühne, aber die Lösungen bietet es nicht. Jedenfalls nicht die, die die lautesten Lobbyisten sich gewünscht hatten.
Nicht drin steht etwa eine Salary Cap, eine Gehaltsobergrenze für Spieler und Teams - gewünscht etwa von DFB-Präsident Theo Zwanziger, der deshalb genauso enttäuscht vom Papier aus Brüssel war wie Karl-Heinz Rummenigge. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, der mehrfach als Lobbyist in Brüssel angetreten war, hatte auf die europäische Gehaltsbeschränkung gehofft, um seinen Klub wieder wettbewerbsfähig zu machen gegenüber Klubs wie Chelsea oder Real Madrid. Wir hatten es schon schwer genug, eine Obergrenze für die Roaming-Gebühren bei Handys durchzusetzen, scherzte Figel, da konnten wir das nicht auch noch bei Sportlergehältern tun.
Nicht einmal den Gefallen einer Präferenz für eine zentrale Vermarktung der Fernsehrechte, wie sie die Bundesliga betreibt, während in Italien oder Spanien die Top-Klubs durch individuelle Vermarktung fünf- bis sechsmal so hohe Erträge erzielen wie die Bayern, tat die EU Rummenigge. Im Text heißt es gar, dass die zentrale Vermarktung nur unter bestimmten Voraussetzungen von der Kommission akzeptiert werde. Beide Formen der Vermarktung werden gleichrangig bewertet, sie sollen allerdings mit wirksamen Solidaritätsmechanismen verknüpft sein.
Was das nun konkret heißen soll, darauf wollte sich Figel nicht festlegen, er will die Auslegung den einzelnen Ländern überlassen und sprach lieber von seiner Hoffnung auf die Selbstdisziplin der Klubs. Selbstdisziplin bei der Solidarität ist allerdings keine sehr verlässliche Eigenschaft. Es klingt nicht so, als gerieten die Großklubs aus Südeuropa durch diese Formulierungen unter den Abgabendruck, auf den die deutsche Konkurrenz gehofft hatte.
Es wurde einfach zu viel erwartet. Manchmal auch zu viel befürchtet. So schilderte ein dänischer Journalist, in seinem Land habe man die Angst gehegt, durch dieses EU-Sportprogramm würde nun jede dänische Landesmeisterschaft für jeden Ausländer geöffnet werden. Doch ist das Unfug, und das Weißbuch betont die kostbare Besonderheit des Sports, der eben zum Beispiel Mann und Frau, Inländer und Ausländer nach Wettbewerben trennen darf, ohne mit EU-Recht zu kollidieren.
Auch der Bestand von Nationalteams, Transferperioden, Heim- und Auswärtsregeln, Antidoping-Vorschriften und anderen sportspezifischen Regelungen ist laut Weißbuch vor EU-Recht sicher. Und die zugespitzten Ängste, wonach demnächst jede einzelne Spielregel, die im Profisport ja stets auch wettbewerbsrelevant ist, Gegenstand der EU-Beurteilung werde, dass gar irgendwann, wie es zugespitzt formuliert worden war, ein Elfmeter vor dem Europäischen Gerichtshof landen würde, konnten entkräftet werden.
Die Rechtssicherheit, die sich viele im Sport nach den das System erschütternden Urteilen des Europäischen Gerichtshofs seit Bosman 1995 gewünscht hatten, mochte das Weißbuch allerdings nicht herstellen - zumindest nicht in der Form, dass der Sport eine Art Freihandelszone außerhalb des EU-Rechts bilden könnte. Die Besonderheit des Sports werde zwar weiterhin anerkannt, sie kann jedoch nicht so ausgelegt werden, dass eine allgemeine Ausnahme von der Anwendung des EU-Rechts gerechtfertigt ist.
In einem internen Papier des IOC zum Weißbuch wird deshalb die Gefahr beschrieben, dass das Justizsystem des Sports - Dopingstrafen zum Beispiel - einfach kollabieren kann, weil die Macht an die Europäischen Gerichte geht. Und obwohl in einer späten Papier-Ergänzung noch die Selbstregulierung und die Autonomie der Sportorganisationen betont wurde, wurde deren Ärger nicht geringer. Die Kommission wolle wieder einmal den Sport benutzen, hieß es Fifa-intern, so wie die Roaming-Gebühren beim Mobiltelefonieren, um vor den Bürgern gut auszusehen, während sie wissen, dass ihre Vorschläge nicht funktionieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa