Von Claus Hecking
12. Dezember 2003 Seinen Konkurrenten war Eero Mäntyranta ein einziges Rätsel. Mit gerade 1,68 Metern Körperlänge war der Finne nicht nur viel zu klein für einen Ausnahme-Skilangläufer, er gehörte auch nicht gerade zu den fleißigsten Vertretern seiner Zunft. Und doch war er stets der erste, der im Rennen aus dem Wald wieder auftauchte, kraftvoll wie kein anderer und auch nach 20 oder 30 Kilometern noch immer fast so frisch wie am Start. Nur den bösen Gerüchten konnte der Wunderläufer nicht entfliehen: Noch Jahre nach seinen drei Goldmedaillen bei den Olympischen Winterspielen 1960 und 1964 verdächtigten ihn seine Kritiker des Dopings. Dabei hatte Mäntyranta eine künstliche Leistungssteigerung gar nicht nötig: Erst 1998 fanden Wissenschaftler heraus, daß das Blut des Finnen bis zu 30 Prozent mehr Sauerstoff als das eines normalen Athleten aufnehmen konnte. Verantwortlich hierfür war eine seltene genetische Mutation, aufgrund derer das Bluthormon Erythropoietin das Knochenmark fortwährend anregte, außergewöhnlich viele rote Blutkörperchen zu produzieren. Somit prädestinierten seine Gene Mäntyranta zum Sieger.
Auch heute noch ist Erythropoietin, besser bekannt als Epo, der Stoff, aus dem die Goldmedaillenträume mancher etwas zu ehrgeiziger Ausdauersportler sind. Zu den prominentesten Sündern gehört der entlarvte "Wunderläufer" der Winterspiele von 2002, Johann Mühlegg, der vermutlich nur deshalb ertappt wurde, weil er das Mittel Darbepoeitin zum unpassenden Zeitpunkt eingenommen hatte. Ein Fehler, der den Sportlern der Zukunft möglicherweise nicht mehr passieren wird. "In wenigen Jahren wird schon eine einzige Behandlung ausreichen, um den gewünschten Dopingeffekt dauerhaft zu erzielen", sagt Peter Schjerling, Genetiker am Muskelforschungszentrum Kopenhagen. "Dann wird man die DNA menschlicher Körperzellen manipulieren können."
Rund um den Globus erforschen Wissenschaftler derzeit die Chancen und Risiken der Gentherapie. Gelingt ihnen der Durchbruch, so könnte die künstliche Veränderung des Erbguts Tausende schwerkranker Menschen heilen - aber auch von überehrgeizigen Sportlern zur illegalen Rekordjagd mißbraucht werden. Mäntyrantas Mutation etwa, eine Laune der Natur, ließe sich durch ein solches "Gen-Tuning" künftig auch auf künstlichem Wege erzeugen. "Dem Doping eröffnet das eine neue Dimension", glaubt Schjerling. Der Nachweis der Manipulation werde praktisch unmöglich gemacht. Schließlich werde sich das durch das Gen-Tuning produzierte Epo in keiner Weise vom natürlichen Hormon unterscheiden.
Schjerlings konkrete Visionen
Was für viele Laien noch wie Science Fiction klingt, stellt in den Augen des Internationalen Olympischen Komitees bereits eine konkrete Bedrohung dar: Am 1.Januar 2003 hat es das Gendoping auf seine Verbotsliste aufgenommen. Die Eile schien geboten; schließlich sah lange Zeit alles so aus, als würden sich Schjerlings Visionen schon in Kürze bewahrheiten. Bereits 1997 steigerten Forscher der Universität Chicago per Gen-Tuning den Hämatokritwert, den Anteil der Festkörper im Blut, von Mäusen und Affen um mehr als 60 Prozent. Vor knapp zwei Jahren ließen sich zwei amerikanische Ärzte ein Verfahren patentieren, mit dem sich auch bei Menschen die Epo-Produktion durch Veränderung der DNA erhöhen läßt. Und als es der Universität Pennsylvania sogar gelang, das Muskelaufbaugen IGF1 zu manipulieren und damit sogenannte "Schwarzenegger-Mäuse" zu züchten, schien die Büchse der Pandora weit geöffnet.
Doch beim menschlichen Körper ist alles ein wenig komplizierter. Die Gentherapie tritt seit einiger Zeit auf der Stelle, und damit erscheint auch die Bedrohung durch Gendoping momentan nicht mehr ganz so akut wie noch vor ein paar Monaten. "Die Athleten scheuen keine Risiken, aber zur Zeit ist es noch nicht praktikabel", sagt Wilhelm Schänzer, Leiter des Doping-Kontroll-Labors in Köln. Besonders große Schwierigkeiten bereitet den Forschern der Transport des manipulierten Erbmaterials in die Körperzellen. Bisher nutzen sie hierfür zumeist sogenannte "Gentaxis": Viren, deren Gene zuvor gegen das zu transportierende Erbmaterial ausgetauscht wurden und die an bestimmte Körperzellen andocken sollen, um dort ihr Inneres zu entladen. In der Praxis allerdings gelangen viele Gentaxis über die Blutbahn an nicht dafür vorgesehene Zellen, wo sie Abwehrreaktionen und unvorhergesehene Nebenwirkungen hervorrufen. "Zwar ist Gentuning heutzutage theoretisch schon möglich", sagt Schjerling. "Aber wer jetzt schon das Risiko eingeht, der spielt wirklich mit seinem Leben." Also doch alles nur Science-Fiction? Die Gegenwart werde noch vom konventionellen Doping bestimmt, glaubt Gary Wadler, medizinischer Berater des Weißen Hauses und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). In Athen 2004 würden wohl noch keine genetisch gedopten Sportler antreten. "Aber schon vier Jahre später in Peking könnte alles ganz anders sein."
Wada verteidigt Vorsprung
Dann würden möglicherweise erste Athleten mit manipulierten Epo- oder IGF1-Genen an den Start gehen, sagt Wadler. Mittelfristig seien sogar Veränderungen des Myostatin-Gens denkbar, das bislang das Muskelwachstum begrenzt. Der New Yorker Mediziner ist vom baldigen Durchbruch der Gentherapie überzeugt; ihm zufolge sind die derzeitigen Probleme nur vorübergehende Hindernisse. "Es ist nicht lange her, da haben sich auch Dialysen oder Herztransplantationen in einem Experimentierstadium befunden", erinnert sich Wadler. "Die Wissenschaft wird voranschreiten, und von einer Nebenwirkung wie Gendoping wird und sollte sie sich dabei nicht aufhalten lassen." Der Sport steht damit spätestens in ein paar Jahren vor einer neuen Herausforderung. Immerhin habe die Wada das Problem Gen-Tuning früh erkannt und alles getan, um von Anfang an den manipulationswilligen Athleten einen Schritt voraus zu sein, sagt Wadler. Doch ob man diesen Vorsprung dauerhaft halten könne, sei fraglich: "Die Wissenschaft hat schon 1956 entdeckt, daß anabole Steroide von Hochleistungssportlern mißbraucht werden könnten. Heute kämpfen wir noch immer gegen das Problem."