Von Hans-Joachim Waldbröl
31. Januar 2006 Aus Oxford kam am Montag ein Dementi zum Thema Gendoping. "Wir stellen Repoxygen nicht her, der Wirkstoff ist in unserem Kühlfach eingefroren", versicherte Professor Alan Kingsman, vormaliger Lehrstuhlinhaber für Biochemie an der renommierten englischen Universität und 1996 Gründer der Pharmafirma "Oxford BioMedica", auf Anfrage der F.A.Z.
Im E-Mail-Verkehr des früheren Leichtathletiktrainers Thomas Springstein, bei dessen Hausdurchsuchung Mitte 2004 neben zahlreichen Dopingmitteln ebenfalls elektronische Daten sichergestellt wurden, spielt der Einsatz von "Repoxygen" eine Schlüsselrolle (Siehe: FAZ.NET-Spezial: Das Zeitalter des Gendopings hat begonnen). Es dient, wie bislang offiziell nur im Versuch mit Mäusen nachgewiesen, der genetischen Förderung der körpereigenen Produktion von Erythropoeitin (Epo), das die Ausschüttung der roten Blutkörper steuert. Im Leistungssport ein relevanter Effekt, weil eine Vermehrung von Epo zugleich eine erhöhte Kapazität des Sauerstofftransportes bedeutet - und mithin eine Steigerung der Ausdauerfähigkeit von Athleten bewirkt.
Längst überholte Befürchtung?
Daß die unter Umständen lebensbedrohliche Steigerung des Hämoglobinanteils sich durch den Einsatz von Repoxygen zwar anregen lasse, aber bislang noch nicht bekannt sei, ob sich die Produktion auch wieder stoppen lasse, könnte eine längst überholte Befürchtung sein. In einer Schrift, mit der Oxford BioMedica seine Erkenntnisse am 27. Oktober 2004 beim europäischen Patentamt in München registrieren ließ, wird sehr wohl festgestellt: Repoxygen steigere zwar die körpereigene Epo-Produktion; aber wenn der Körper, populär ausgedrückt, seinen erhöhten Bedarf feststelle, fahre er die Produktion der roten Blutkörperchen wieder herunter.
Diese Erkenntnis deckt sich mit dem Wissen des Heidelberger Molekularbiologen und Dopingforschers Professor Werner Franke, dem die neueste Patentschrift des englischen Wissenschaftlers vorliegt. Professor Kingsman erwähnt von diesen Forschungserkenntnissen seiner Biochemiker nichts, beruft sich aber auf "vorklinische Studien" zwischen 2000 und 2002 mit dem Wirkstoff Repoxygen - getestet aber eben nur an Mäusen. Warum Oxford BioMedica keine weitere Erfahrung mit der humanmedizinischen Anwendung gesammelt und nicht versucht hat, auf der Basis seiner "extrem erfolgreichen vorklinischen Studien" in die Herstellung und Verbreitung einzusteigen, begründet der BioMedica-Chef mit einem kommerziellen Motiv: "Wir haben keine realistische Chance gesehen, auf dem Weltmarkt den Wettstreit mit dem amerikanischen Unternehmen Amgen zu gewinnen, das einen enormen Absatz vom künstlich hergestellten Epo hat." Die Medikamente dienen der Behandlung von Anämiekranken.
Beratung des IOC
Gleichwohl räumt Kingsman ein, daß es "für jedes biochemische Institut einer guten Universität eine Leichtigkeit ist", die genetisch wirksame Substanz herzustellen. Und auf die Frage angesprochen, ob eine Herstellung in irgendwelchen biochemischen Labors den Einsatz der Substanz im Hochleistungssport wahrscheinlicher mache, sagt Kingsman: "Definitiv ja".
Der englische Biochemiker hat nach eigenem Bekunden sportlichen Institutionen, die ihr Wissen über Gendoping erweitern wollten, die Zusammenarbeit angeboten: "Wir beraten gerne, ob es das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder die deutsche nationale Anti-Doping-Agentur ist." Ein Austausch sei sogar schon vor knapp drei Jahren erfolgt: "2003 haben wir auf eine Anfrage der medizinischen IOC-Kommission reagiert."
Text: F.A.Z., 31.01.2006, Nr. 26 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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