Wettbetrug

Schatten über der Fußball-Welt

Von Roland Zorn, Luzern

02. Dezember 2007 Offen und öffentlich wollte zunächst niemand mit der Sprache heraus. Die Sache schien am Vorabend der Auslosung der Europameisterschafts-Endrunde 2008 in Luzern allzu unpassend, allzu unangenehm. Doch leugnen ließ sich die große Sorge der Europäischen Fußball-Union (Uefa), es vielleicht schon mit einem großen Wettbetrugsskandal zu tun zu haben, auch nicht mehr.

Ein vorab bekannt gewordener Bericht im neuen „Spiegel“ hellte wieder einmal jene dunkle Szene ein bisschen auf, in der die Manipulation mit den Wettbewerben des Sports beste Geschäfte für zwielichtige, kriminelle Figuren aus der grenzenlosen Welt der Internetwetter verspricht. Und so bekannte ein Insider der Uefa und später auch Verbandspräsident Michel Platini dann doch, dass der europäische Fußball-Dachverband derzeit 15 möglichen Fällen von Wettbetrug in seinen eigenen Wettbewerben auf der Spur sei.

Zusammenarbeit mit Europol

Bestätigt wurde auch eine enge Zusammenarbeit mit der europäischen Polizeibehörde Europol, der die Uefa Anfang November in Den Haag ein 96 Seiten dickes Dossier über illegale Wettpraktiken und die damit zusammenhängenden konkreten Verdachtsmomente übergeben haben soll.

Am Samstagabend gab es endlich auch eine offizielle Erklärung der Uefa, in der „von einigen unüblichen Wetteinsätzen in der Vorrunde der Uefa-Vereinswettbewerbe“ die Rede ist. „In dem Fall eines Zweitrundenspiels im UI-Cup“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme weiter, „sah der Disziplinarinspektor die Umstände als so gravierend an, dass er den Fall vor die Kontroll- und Disziplinarkammer der Uefa gebracht hat.“ Es soll sich dabei um die Partie zwischen dem bulgarischen Klub Tscherno More Varna und dem mazedonischen Verein Makedonija, die 4:0 für Varna ausging, gehandelt haben. Die Uefa kündigte weitere Untersuchungen an, ehe eine Entscheidung falle. Sie will sich, „solange die Untersuchungen laufen, nicht mehr zu dem Thema äußern“.

Berüchtigte asiatische „Wettmafia“

Der „Spiegel“ hatte von 26, davon 15 in dieser Saison, vielleicht verschobenen oder zumindest beeinflussten Spielen berichtet, die im UI-Cup, in der Qualifikation zum Uefa-Pokal, der Qualifikation zur Champions League, im Uefa-Cup, einmal sogar in der Qualifikation zur EM stattgefunden hätten. Sowohl die Zahl 26 als auch, dass ein EM-Qualifikationsspiel betroffen sei, dementierte die Uefa. Sicher scheint, dass es bei den in Zweifel stehenden Partien stets um kleinere, in der europäischen Öffentlichkeit kaum beachtete Begegnungen in Ländern Ost- Mittelost- oder Südosteuropas ging – genannt werden unter anderem Bulgarien, Serbien oder Kroatien. Bei der Frage der möglichen Drahtzieher der vermuteten Manipulationen weisen die Spuren auf die notorisch berüchtigte asiatische „Wettmafia“.

Im Fernen Osten beschränken keinerlei Restriktionen und Überwachungsinstrumentarien wie etwa in Europa das Geschäft der Sportwetten. Deshalb ist dort die ideale Sphäre, per Internet aus schmutzigem Geld etwa beim Waffen- oder Drogenhandel im virtuellen Waschgang noch mehr Kapital zu machen. Die Uefa, voran ihr um Sauberkeit in seinem Sport kämpfender Präsident Michel Platini, beobachten die Auswüchse der Geschäftemacherei mit Sportwetten seit langem mit Argwohn. Wie die Bundesliga mit dem Unternehmen Betradar hat sich die Uefa mit der Firma Betfair zwecks Eilinformationen über verdächtige Wetteinsätze bei Fußballspielen kurzgeschlossen. Betfair zeigte in diesem Sommer auch gewisse Auffälligkeiten beim Wetten auf den Ausgang der UI-Cup-Partie zwischen Cherno More Varna und Makedonija an. Die unter Verdacht stehenden Bulgaren wehren sich heftig gegen jede Unterstellung, bei ihnen sei Unlauteres geschehen.

Kriminelle Wettern und ihren Steigbügelhalter

Die Fülle der untersuchten Begegnungen und die Verabredung zwischen der Uefa und der Europäischen Union, im kommenden Jahr in Brüssel eine gemeinsame Konferenz mit daraus folgenden Beschlüssen zum Thema Wettbetrug und Geldwäsche abzuhalten, zeigt, wie schwer die Sorge wiegt, dass dem Fußball von die Sorge wiegt, dass dem Fußball von kriminellen Wettern und ihren Steigbügelhaltern großer Schaden zugefügt werde. Die Uefa möchte, dass Europol Wettmanipulationen in ihr sogenanntes Octra-Register aufnimmt, mit dem jährlich eine Bedrohungs- und Gefährdungsanalyse zur organisierten Kriminalität erstellt wird.

Welche Brisanz für den Sport in Wettbetrugsmanövern steckt, hat auch der deutsche Fußball schon zu spüren bekommen. Die sogenannte Hoyzer-Affäre, die Anfang 2005 aufgedeckt wurde und mit der Verurteilung des mit kroatischen Manipulateuren kooperierenden ehemaligen Berliner Zweitliga-Schiedsrichters Robert Hoyzer zu einer Gefängnisstrafe endete, erschütterte im Ergebnis für eine Weile die Glaubwürdigkeit der beliebtesten und kommerziellsten Sportart.

Seit dem Jahr 2000 sind international rund zwanzig Wettbetrugsaffären ruchbar geworden. Betroffen waren auch andere traditionsreiche Fußball-Länder wie Italien und Tschechien. Der jüngste Fall könnte von seiner Dimension her besonders skandalös werden – sein Schatten hing jedenfalls schon wie ein Menetekel über der feierlichen Luzerner EM-Endrundenauslosung am Sonntag.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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