Helmut Digel im Interview

„Manche Ehrenamtsstrukturen sind eher Last als Lust“

Sportsoziologe und Funktionär: Helmut Digel

Sportsoziologe und Funktionär: Helmut Digel

18. Juli 2005 Sportsoziologe Helmut Digel im FAZ.NET-Interview über die Gründe für den Leistungsrückgang im deutschen Spitzensport, Chinas Vormarsch, wenig effizente Kommissionen und die deutschen Chancen bei Olympia 2008 in Peking.

In einer großangelegten Studie vergleichen Sie die Spitzensportsysteme von Australien, China, Frankreich, Großbritannien, Italien, Rußland der Vereinigten Staaten und Deutschland. Kann man Länder wie Deutschland und China, die ja politisch und gesellschaftlich völlig gegensätzliche Systeme haben, bezogen auf den Sport überhaupt miteinander vergleichen?

Man muß diese Unterschiede beim Vergleich natürlich berücksichtigen. Aber, wenn man beispielsweise betrachtet, wie die Chinesen ihre Talente im Vergleich zu den Deutschen finden; wenn man schaut, wie organisieren die Chinesen ihre Trainerarbeit im Vergleich zu Frankreich, dann kann man davon vielleicht profitieren.

Sie haben die Talentsuche angesprochen. Hat Deutschland hier im Vergleich zu den anderen Nationen Defizite?

Die Suche ist eine der zentralen Fragen, die man zu beantworten hat, wenn man zukünftig erfolgreich sein will. Immer weniger Kinder und Jugendliche, die den Weg in den Hochleistungssport gehen, stehen zur Verfügung. Daher muß man um so intelligenter jene aussuchen, die für dieses Unterfangen geeignet sind. Genauso wichtig ist aber die Planung der Doppelkarriere, denn Hochleistungssportkarrieren sind immer nur Karrieren auf Zeit und man muß immer parallel eine Berufs- oder Schulkarriere planen. Das gilt für alle Systeme der Welt.

Wer löst diese Aufgaben besonders gut?

Ich glaube, daß das deutsche System qualitativ anspruchsvoll ist, deswegen wurde es ja auch von anderen imitiert. Deutsche Experten waren in der Vergangenheit immer gefragt. Und Deutschland ist wegen seines guten Systems eine der führenden Hochleistungssportnationen. Aber Deutschland hat auch Mängel und Schwächen, deswegen lohnt sich der Blick über den eigenen Zaun, um zu schauen, ob es vielleicht bessere Lösungen gibt.

Daß der Leistungssport von vielen Ehrenamtlichen getragen wird, ist ein typisch deutscher Weg. Würden mehr Hauptamtliche auch mehr Erfolg bringen?

Ehrenamtliche Strukturen gibt es in allen acht Ländern, die wir untersucht haben. Aber nirgendwo ist es so ausgeprägt wie in Deutschland. Und die Ehrenamtlichkeit hat auch nirgendwo so intensive bürokratische Strukturen hervorgerufen. Man hat auf der kommunalen, auf der regionalen und auf der nationalen Ebene ehrenamtliche Strukturen. Es gibt Kommissionen und Arbeitsgruppen, die wenig effizient sind, weil sie selten tagen und keine Verantwortung übernehmen. Das ist sicher ein Problem. Aber es geht mehr um Professionalität. Hauptamtliche können genauso amateurhaft sein wie ehrenamtliche. Es geht darum, effiziente Personalstrukturen aufzubauen. Manche unserer Ehrenamtsstrukturen sind eher eine Last als eine Lust. Gerade was die Kooperation mit den Schulen angeht, da sind die ehrenamtlichen Strukturen der Vereine völlig überfordert.

Welches Land hat sich in den letzten Jahren besonders weiterentwickelt, an wem können sich die Deutschen ein Beispiel nehmen?

Ein wichtiges Beispiel ist Australien, das uns im Hinblick auf die professionellen Strukturen in der Talentauswahl und Talentförderung einiges zu bieten hat.

Würde der deutsche Sport davon profitieren, wenn die Sportlehrer an den Schulen sich wie in anderen Ländern ausschließlich auf dieses Fach konzentrieren würden?

Ich glaube, die Probleme, daß sehr viele Stunden ausfallen und fachfremd unterrichtet wird, könnten teilweise gemildert werden. In Australien ist ein Sportlehrer genauso wichtig wie ein Fremdsprachenlehrer, die haben kein Reputationsproblem.

Betrachtet man die zurückliegenden Olympischen Sommerspiele, ist Deutschland im Nationenvergleich immer weiter abgesackt. Ist dieser Prozeß aufzuhalten?

Wenn wir unsere Ressourcen optimal ausschöpfen, sind wir nach wie vor international konkurrenzfähig und können auch weiterhin zu den besten Nationen gehören. Aber die Investitionen der konkurrierenden Nationen sind gewaltig, insbesondere im Hinblick auf Peking 2008. Man geht davon aus, daß China die Vereinigten Staaten das erste Mal übertreffen könnte. Rußland hat seine alten Stärken zurückgewonnen. Da wird sehr zentralistisch gesteuert. Insofern müssen wir uns damit abfinden, daß fünf bis acht Nationen einen ganz intensiven Kampf untereinander austragen.

An welcher Position sehen Sie Deutschland bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking?

Ich sehe China und die Vereinigten Staaten auf den Plätzen eins und zwei. Dann kommt Rußland an dritter Stelle. Dann wird es für Deutschland darum gehen, mit den anderen starken Nationen gleichzuziehen, da werden Großbritannien und Australien zu beachten sein. Unklar ist, wie sich Frankreich entwickelt. Und Italien ist zusammen mit Deutschland gefährdet, weil sie dort Schwierigkeiten haben.

Was kann der deutsche Sport bis 2008 noch tun?

Wenn in Deutschland die Vorbereitung intensiver und zentraler gesteuert wird und die Kommunikationswege effizienter werden, dann hat Deutschland durchaus noch die Chance, den vierten Platz zu erreichen.

Die Fragen stellte Cai Tore Philippsen.



Professor Helmut Digel war von 1993 bis 2001 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), von 1993 bis 2002 Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und Vizepräsident des Internationalen Leichathletikverbandes (IAAF). Digel lehrt an der Universität Tübingen - im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaften (BISp) hat er die Spitzensportsysteme von acht Ländern untersucht - die Studie wird an diesem Mittwoch in Berlin vorgestellt.



Text: @phi
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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