Sixtinische Kapelle

Unter Sibyllen und Engeln

16. April 2005 Gerade einmal 33 Jahre ist Michelangelo (1475-1564) alt, als er mit seinen Farbtöpfen die päpstliche Hauskapelle betritt. Er baut sein Gerüst auf, klettert in die Kuppel und greift zum Pinsel. Über ihm die Leere, nur eine Idee im Kopf: „Die Erschaffung Adams“, die biblische Genesis.

Michelangelo muß unter unsäglichen Mühen auf dem Rücken liegend arbeiten, vier Jahre lang, dann ist die Ausmalung der Sixtinischen Kapelle fertig. Halb blind wird er dabei, zu oft tropfte ihm Farbe in die Augen.

Unter dem wachsamen Blick Gottes

Das Werk Michelangelos, das zwischen 1508 und 1512 entstand, gilt als das größte Kunstwerk der Renaissance. Umhüllt von Engeln und Sibyllen, den schönen Prophetinnen, und unter dem wachsamen Blick Gottes werden die Kardinäle ab Montag den neuen Papst wählen.

Das war nicht immer so: Erst seit dem Ende des Kirchenstaates 1870 findet das Konklave in der Sixtinischen Kapelle statt, vorher wurde es im Quirinalspalast abgehalten, heute Sitz des italienischen Staatspräsidenten.

Einfühlsam, farbgewaltig und plastisch

Nach der Restaurierung des „Jüngsten Gerichts“ im Jahr 1994, das Michelangelo in einem zweiten Schritt (1535-1541) an der Altarwand der Kapelle gemalt hatte, geriet selbst Papst Johannes Paul II. ins Schwärmen: „Die Fresken, die wir hier sehen, führen uns in die Welt der Inhalte der Offenbarung ein. Aus allen Einzelheiten sprechen hier unsere Glaubenswahrheiten zu uns“, sagte er damals in einer Predigt. Tatsächlich ist es wohl keinem vor und nach Michelangelo gelungen, Szenen aus der Schöpfungsgeschichte so einfühlsam, farbgewaltig und plastisch darzustellen.

Atemberaubende Gestalten

Die Kapelle wurde zwischen 1477 und 1482 auf Wunsch von Papst Sixtus IV. gebaut, auf den auch der Name „Sixtinische Kapelle“ zurückgeht. Sie wurde zunächst mit einem schlichten Gemälde von Pier Matteo D'Amelia dekoriert, bevor Papst Julius II. schließlich den jungen Michelangelo mit einer opulenteren Ausmalung des Deckengewölbes beauftragte.

Dieser schuf in mühevoller Kleinarbeit 391 atemberaubende Gestalten im Altarraum, neun Bilder mit Szenen der Schöpfungsgeschichte und prächtige nackte Figuren mit aus Papstsymbolen gewobenen Girlanden.

„Eher für eine Badestube geeignet“

Gerade diese „Ignudi“ stießen schon zu Lebzeiten des Künstlers auf herbe Kritik. So lamentierte Zeremonienmeister Biagio da Cesena, daß „die vielen nackten Körper, die ihre Scham zur Schau stellen, für einen so ehrwürdigen Ort wie die Papstkapelle unschicklich und eher für eine Badestube oder ein Wirtshaus geeignet“ seien.

Prompt wurden ab 1564 einige nackte Figuren mit „Höschen“ und Stoffstücken versehen. Erst vor kurzem kam bei einer Restaurierung die Nacktheit der Gestalten wieder ans Tageslicht - ebenso wie die überwältigende Farbenpracht der Fresken, die seit Jahrhunderten unter einer Ruß- und Staubschicht verborgen lag.

Weißer beziehungsweise schwarzer Rauch

Ab Montag wird in der Sixtinische Kapelle der neue Papst gewählt. Dann werden in der Basilika an der Ostseite des Peterdoms 115 Kardinäle zusammentreten, um einen Nachfolger für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. zu bestimmen. Die Kardinäle werden sich an mehreren Tischen versammeln, die in U-Form zur Altarwand hingewandt sind.

An der Stirnseite steht die Urne, in die zweimal am Tag die Zettel zur Stimmabgabe geworfen werden. Am linksseitigen Ausgang wird der Ofen errichtet, in dem die Stimmzettel verbrannt werden. Weißer beziehungsweise schwarzer Rauch zeigt an, ob die Kardinäle sich bei ihrem Votum auf einen Papst einigen konnten oder nicht.



Text: FAZ.NET mit Material von dpa und AFP
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS, Vatikan-Museen

Rubriken
Blättern

Wirtschaftsdaten

Merkel will Bürger am Wachstum beteiligen

 
Video in voller Größe
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche