Benedikt XVI.

Der neue Papst ist kein Populist

Von Heinz-Joachim Fischer; Rom

20. April 2005 Bei einem Spaziergang vor dem Konklave sprach er dieser Tage von seinem Lieblings-Papstnamen. "Benedikt" würde ihm gefallen, sagte Ratzinger. Das klinge gut - im Deutschen und erst recht im Italienischen, "Benedetto" nämlich. Und auf das lateinische "Benedictus" seien so viele wunderbare Melodien der Messen komponiert worden. Vom heiligen Benedikt ganz zu schweigen, dem Vater des abendländischen Mönchtums vor eineinhalb Jahrtausenden, fügte er hinzu. Auch theologisch sei der Name schön zu deuten.

Denn den Segen Gottes erflehen müsse wohl jeder, der im Konklave nach Anrufung des Heiligen Geistes von den Kardinälen gewählt worden sei. Ein neuer Papst mit Namen Benedikt sei dann wohl der 16. dieses Namens, so Ratzinger, nachdem der letzte, Benedikt XV. im Januar 1922 gestorben sei. Außerdem wäre ein Benedikt - bei allem Respekt - eine Abwechslung nach all den Päpsten, die Johannes, Paul oder Johannes Paul geheißen hatten, und nach den vielen Päpsten namens Pius im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Benedikt XVI., der würde ihm gefallen.

Getreuer theologische Helfer Johannes Pauls II.

Aber Joseph Kardinal Ratzinger sprach nicht von sich. Er sprach nicht davon, welchen Namen er sich geben würde. Der Dekan des Kardinalskollegiums, des obersten Leitungsgremiums der katholischen Kirche, das seit dem Tod von Papst Johannes Paul II. verpflichtet ist, einen neuen Papst zu wählen, hatte sich nie als Nachfolger für den großen Papst aus Polen gesehen. Nie hatte er Werbung in eigener Sache getrieben.

Er war der getreue theologische Helfer Johannes Pauls II., und das reichte ihm völlig. Er hatte genug damit zu tun, bei der enormen Arbeitsbelastung als Präfekt der Glaubenskongregation (seit 1981/82) mit seiner Gesundheit ins reine zu kommen. Und auf die private Pflege der Theologie, die Weiterbildung und Vertiefung in der Glaubenswissenschaft konnte und wollte er in den knappen freien Stunden nicht verzichten.

Genüßliches Studieren in Regensburg gestrichen

Als Autor zahlreicher theologischer Bücher war er nicht ohne Ehrgeiz. Er freute sich, wenn andere daraus geistlichen und intellektuellen Gewinn zogen. Sich ganz seiner geliebten Theologie widmen zu können, war sein Wunsch für die späteren Jahre, nachdem ihn die kirchenrechtliche Vorschrift über die Altersgrenze von 75 Jahren von seinem Kurienamt entbunden hätte. Zuerst hatte er an genüßliches Studieren im heimatlichen Regensburg gedacht.

Dann empfahl sich Rom immer mehr als Altersruhesitz. Doch Johannes Paul II. wollte und konnte nicht auf den deutschen Kardinal verzichten. Dem Heiligen Vater, der selbst über alle vernünftigen Kraftanstrengungen hinaus im Amt blieb, war Ratzinger in Verehrung und Freundschaft zugetan, auch wenn dem zuweilen ein mildes Hinnehmen des päpstlichen Aktivismus beigemengt war, dieses ihm ganz fremden Äußerungsdrangs Johannes Pauls II. So blieb Ratzinger an der Spitze des vatikanischen Verfassungsministeriums, der mit vielerlei Assoziationen verbundenen "Kongregation für die Glaubenslehre".

Stets gewachsene Autorität

Je älter Joseph Ratzinger, je gebrechlicher Johannes Paul II. wurde, desto kräftiger wuchs die Autorität des deutschen Kardinals, der seit November 2002 auch das Kardinalskollegium leitete. Sie wuchs so sehr, daß sofort zu Beginn der Kardinals-Zusammenkünfte nach Tod und Bestattung Johannes Pauls II. eine große Gruppe von Kardinälen wußte, das Joseph Ratzinger der Nachfolger werden würde.

Das war nicht Ausdruck von personalpolitischen, taktischen Überlegungen, sondern ein weitverbreitetes spontanes Gefühl. Man traute Ratzinger einfach zu, daß er das höchste Amt in der katholischen Kirche ausüben könne. Von 40, 50, gar 60 Ratzinger-Wählern war die Rede, bevor das Konklave überhaupt begonnen hatte. Bei 115 Wahlberechtigten war das eine große Zahl, die auch immer stärker die Minderheit beeinflußte - schließlich fehlten nur noch wenige Stimmen bis zur vorgeschriebenen Zweidrittelmehrheit von 77 Stimmen.

Doch Ratzinger wollte das erst nicht wahrhaben. Seit Hadrian VI. (1522/23), Adriano Florensz aus Utrecht, war kein Deutscher mehr zum Papst gewählt worden. Und selbst den würden die Niederländer nicht unbedingt als Deutschen gelten lassen, nur weil Utrecht damals im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lag. Für einen "richtigen" Deutschen mußte man bis ins Mittelalter, bis ins 11. Jahrhundert zurückgehen. Das 20. Jahrhundert hatte dann einen deutschen Papst gänzlich unmöglich gemacht, obwohl gerade ein Papst, Pius XII., im Konsistorium von 1946 durch die Erhebung von Deutschen zu Kardinälen (Frings, Preysing, von Galen) das deutsche Volk nach dem Zweiten Weltkrieg getröstet und ein wenig rehabilitiert hatte.

Einige Kardinäle fanden Merkwürdiges heraus

Einige Kardinäle fanden Merkwürdiges heraus. Der Pole Karol Wojtyla, Johannes Paul II., war 1920 in Wadowice geboren, einem polnischen Städtchen nicht weit von Auschwitz. Joseph Ratzinger wurde am 16. April 1927 in Marktl am Inn geboren, nicht weit von Passau, dem Bischofssitz und Heimatbistum, aber viel näher an dem österreichischen Städtchen Braunau, in dem Hitler geboren wurde. Darin sahen manche die göttliche Vorsehung am Werk. Daß den Deutschen der Makel des Deutschseins nicht mehr treffen würde, lag aber auch an Ratzingers Jahr "einer späten Geburt", und daran, daß er als Kind einer gut katholischen bayerischen Gendarmen-Familie vor allem die Nachteile des Nazi-Regimes kennenlernte, als Luftwaffenhelfer in Münchener Flak-Unterständen und in Kriegsgefangenschaft. "Viel Unbill besonders für einen so unmilitärischen Menschen, wie ich es bin", schrieb er in seinen Erinnerungen.

Wenn Ratzinger von diesem katholischen Milieu in Bayern erzählt, dann schien es ein glückliches Leben zu sein, obwohl eine Diktatur herrschte, erst Krieg war und dann die Nachkriegszeit bedrückte. Für den Schüler, für den Theologiestudenten bedeutete "katholisch" offenbar nie, etwas nicht tun zu dürfen, sich an engen Verboten, an ausgebliebenen Reformen zu reiben. Diese "Schönheit" des katholischen Glaubens wurde Ratzingers Lebensgrundlage. Aus ihr gewann er jene selbstverständliche Anhänglichkeit an die Kirche, die ihre Kritiker schwer verstehen können. Im Kreis der Kardinäle erleichterte sie ihm gleichsam als heller Hintergrund manche doktrinäre Schroffheit.

Karriere in der Kirche

Die Karriere in der Kirche begann für den am 29. Juni 1951 zum Priester geweihten Ratzinger in der Zeit, als die wirtschaftliche Wende in Deutschland langsam zum Wunder wurde. Damals wurde seine Begabung entdeckt und er durfte die Theologie nach einer Promotion bald lehren. Seine Begabung wurde weiter gefördert, als der Kölner Erzbischof, Kardinal Frings, den in Bonn dozierenden "Theologie-Teenager" entdeckte und ihn als Berater mit nach Rom zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) nahm. Am "Heiligen Offizium", dem Vorgänger der Glaubenskongregation, die Ratzinger später leiten sollte, übten Frings und Ratzinger offen Kritik. Ihr Widerspruch gegen manches Unchristliche in der Kirche war ein Schlüsselereignis in der Bischofsversammlung. Der alte Kardinal Frings und der junge Theologe wollten keine Strukturveränderungen in der Kirche, wie sie dann bald gefordert wurden, sondern innere Reformen aus gläubigem Geist. Mit diesem Programm mußte der Theologe und Professor Ratzinger Ende der sechziger Jahre mit den herrschenden Strömungen kollidieren, in der Gesellschaft wie in der Kirche.

Schmollend von Tübingen nach Regensburg

Als die Studenten der "68er-Bewegung" immer rücksichtsloser mit Religion und Kirche umgingen, wandelte sich Ratzinger schließlich vom teilweisen Reformer zum vorsichtigen Konservativen. Mit scharfem Intellekt hielt er am Bewährten des Katholischen fest und zerlegte die moderne Gesellschaft mit ihren wechselnden Geistesströmungen in einzelne Widrigkeiten für den christlichen Geist. Er zog sich, vielleicht ein bißchen schmollend, zurück - von den umkämpften Universitäten in Münster und Tübingen in das beschaulichere Regensburg in der bayerischen Heimat. Auch dem Betrieb der Würzburger Synode, auf der Bischöfe, Theologen und engagierte Laien dynamisch und gründlich die Kirche neu erfinden wollten und zugleich doch nicht konnten, kehrte er den Rücken.

Aus dem Professoren-Exil holte ihn Paul VI., weil ihm Ratzingers Zusammenfassung des katholischen Glaubens, das Buch "Die Einführung in das Christentum" von 1968, gefallen und imponiert hatte. Er ernannte ihn am 24. März 1977 zum Erzbischof von München und Freising und wenige Wochen später, in aller Eile, schon von Krankheit gezeichnet, zum Kardinal. Mit einem Schlag war Ratzingers Außenseiterposition in das Zentrum des deutschen Katholizismus zurückgekehrt. Wie es damals um die deutschen Katholiken und Christen stand, erlebte Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch in Deutschland im November 1980. Zuerst gab es nörgelnde Kritik, dann erlebte der Papst einen Triumph - um sich zum Abschluß auf der Münchner Theresienwiese noch einmal von einer jungen Frau anhören zu müssen, wie er die Kirche zu regieren habe.

Ein Populist ist der neue Papst nicht

In die Ämter und Geschäftsbereiche der italienischen Kurienkardinäle wird sich Benedikt XVI. nur ungern einmischen. Seine Zurückhaltung konnte auch schon die Menge auf dem Petersplatz am Dienstag abend sehen. Ein Populist ist der neue Papst nicht. Es könnte sein, daß die Kardinäle diese "Mängel" im Vergleich zu Johannes Paul II. nicht nur in Kauf nahmen, sondern sogar suchten. Nach einem turbulenten Pontifikat sollte wohl etwas mehr Ruhe einziehen in der Zentralverwaltung der Kirche.

Daß Ratzinger seit 1982 der Präfekt der Glaubenskongregation war und seit November 2002 Dekan des Kardinalskollegiums, sprach eigentlich gegen seine Wahl. Den Großinquisitor der Kirche will man nicht auch noch mit der päpstlichen Machtfülle ausgestattet sehen. Der Dekan des Kollegiums gilt gewöhnlich als Ausbund kurialen Starrsinns und des römischen Zentralismus, dem die Bischöfe der Weltkirche "Kollegialität" abtrotzen müssen. Aber offenbar haben ihm die Kardinäle all die doktrinären Klärungen und die disziplinären Verweise nicht nur übelgenommen, die in den Jahren nicht ausblieben. Jene, die die Dekrete der Glaubenskongregation gründlich lasen, waren oft überrascht von der Fülle progressiver Gedanken im Text, und überließen anderen die Aufregung.



Text: F.A.Z., 21.04.2005, Nr. 92 / Seite 3
Bildmaterial: REUTERS

 
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