Papst Benedikt XVI.

Den Glauben zum Leuchten bringen

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom

22. April 2005 Weshalb haben die Kardinäle Joseph Ratzinger zum Papst gewählt? Rund um den Erdball stellt man diese Frage immer intensiver. Hat eine Mehrheit den Dekan des Kardinalskollegiums zum neuen Papst bestimmt, damit der Konservative sie vor Reformen bewahrt?

Oder haben immer mehr von den zuerst Zögernden Joseph Ratzinger zugestimmt, weil gerade er als Präfekt der Glaubenskongregation unter Johannes Paul II. am ehesten weiß, welche Veränderungen man der Tradition der Kirche, den 1,1 Milliarden der Weltgemeinschaft zumuten kann.

Neue Energien

Niemanden kannten die 114 anderen Kardinäle so gut wie den deutschen Theologen, der seit 23 Jahren in Rom das Geschäft des religiösen Kirchenregiments betrieb. Da verwundert, daß die ersten Äußerungen der Kardinäle aus dem Konklave, etwa des mexikanischen Kurienleiters Javier Lozano Barragan oder des Wiener Erzbischofs Schönborn, anderes besagen.

Sie hätten den neuen Papst weniger nach den bisherigen Erfahrungen ausgesucht. Das Hauptkriterium sei gewesen, welche neuen Energien er der Kirche durch Begabung und Neigungen geben und welche neuen Kräfte er unter den Gläubigen freisetzen könne.

Weder ehrfürchtig noch verachtend

Ein neuer Papst könne, selbst wenn er ein alter Kardinal war, Stagnation, Müdigkeit und Verdruß überwinden. Doch das könne auf Dauer nur gelingen, wenn aus Bewährtem in überzeugender Metamorphose Anderes entstehe. Denn auch Benedikt XVI. werde, so hofft man, ein Papst sein, der die Kirche führt.

Das Besondere des römischen Petrusdienstes werde man nun anders erfahren, heißt es. Vor allem durch beharrliches Überzeugen von der Eigenart der Kirche, durch unermüdliches Motivieren des guten Willens bei den Wohlmeinenden. Der neue Papst werde dabei der Gesellschaft und ihren Errungenschaften gegenüber weder ehrfürchtig noch verachtend sein. Schon hat Benedikt XVI. für Samstag ein Treffen mit der Presse anberaumt.

„Zum Leuchten bringen“

Die Machtfrage in der römisch-katholischen Kirche scheint für absehbare Zeit erst einmal grundsätzlich beantwortet zu sein. Deshalb müssen jene Räume im inneren Dienst der Glaubensgemeinschaft gefüllt werden, die viel wichtiger sind, weil sie die Botschaft des Christlichen bergen können.

Hier richten sich die größten Erwartungen der Kardinäle auf den Theologen Ratzinger, der den christlichen Glauben „zum Leuchten bringen“ solle. Das könne nur mit Hilfe derer geschehen, die sich dem Dienst in der Kirche zur Verfügung stellen, selbstlos, weil es nicht um ihre eigene Sache geht.

Zurückhaltung geboten

Die Kurie erscheint für die „Außen-Beziehungen“ der Kirche ausgebaut genug. Eher ist Zurückhaltung geboten, vielleicht sogar von der „höchsten Autorität“ zu verordnen, damit die römischen Machtlinien nicht überdehnt werden. Die Bindung an Rom wird in der Weltkirche unterschiedlich geschätzt; das sei stärker von den vatikanischen Ämtern zu berücksichtigen.

Auch hier könne Benedikt XVI. entspannend wirken, weil er den „Apparat“ nicht überschätzt, sondern mehr auf den Inhalt blicke. Deshalb hat der deutsche Papst am Donnerstag erst einmal alle Leiter der Kurienbehörde fürs erste in ihren Ämtern bestätigt.

Vor Profilschwund bewahren

Bewältigt werden muß, daß in den westlichen Gesellschaften, doch zunehmend auch im „Süden“ der Kirche, immer mehr Laien das Apostolat vorantreiben, für das Soziale wie die Seelsorge. Für sie müssen über die Bezahlung hinaus nicht nur dauerhafte, verläßliche Strukturen gefunden werden, sondern auch eine innere, nicht beschränkte Haftung an der Kirche.

Diese Laien wollen nicht Kleriker und nicht Ordensleute traditioneller Prägung mit den entsprechenden Rechten und Pflichten sein. Also müssen sie vor Profilschwund und Zwitterdasein bewahrt werden.

Ermutigung und Erfrischung

Fast überall in der Welt sind in den vergangenen Jahrzehnten geistlich bestimmte Gemeinschaften (des „apostolischen Lebens“) herangewachsen. Diese „Bewegungen“ wirkten bisher oft im verborgenen. Da gelte es zu fördern, auch jenseits der ausgefahrenen Gleise. Die geistlichen Orden, männliche und weibliche Institute, bedürfen der Ermutigung, auch der Erfrischung im Zusammenleben von gläubigen Christen, nicht zuletzt durch Wiederentdeckung vergessener Elixiere in der eigenen Geschichte.

Die Frauenfrage werde Benedikt XVI. wohl nicht lösen können, aber entspannen müssen: durch die Befreiung von der Fixierung auf Priesterweihe und Amtsfrage. Benedikt XVI. wird es eher mit Mutter Teresa von Kalkutta und mit anderen Initiativen aus Selbstlosigkeit halten.

Einigende Kraft der katholischen Kirche

Zur „Kunst“ des Neuen gehöre eine ausgeprägte Begabung, mit Autorität zu einigen. Die Spannungen in der Weltkirche werden nicht geringer. Die kulturellen, sozialen, nationalen und regionalen Unterschiede treten stärker hervor.

Die einigende Kraft der katholischen Kirche hat sich in der Vergangenheit durch päpstliche und bischöflich-kollegiale Strukturen bewährt. Daß man sich daran auch freuen kann, die Vorteile des römisch-katholischen Systems wahrnehmend, kann ein freundlicher Papst lehren, können aber auch die Katholiken selbst, nicht zuletzt im Blick auf andere Kirchen, wieder lernen.

Neue Qualität der Seelsorge und Liturgie

Wirkliche Lust sollte der deutsche Benedikt, sagten etwa Kardinäle der Minderheit, nicht auf die Autorität und die damit verbundenen Möglichkeiten haben, nicht auf das Lehramt, das ihn mit übermenschlichen Qualitäten auszustatten scheint, sondern darauf, eine neue Qualität der Seelsorge und Liturgie zu verkörpern und zur Nachahmung vorzustellen.

Effiziente Arbeits- und Entscheidungsstrukturen würden benötigt, damit die Autorität des Amtes mit den Anliegen des Gottesvolkes versöhnt werden kann. Oberster Seelsorger und vorbildlichster Gottesdiener hat der Bischof von Rom nach seinen Titeln zu sein. Da erwarte man viel von dem Theologen Ratzinger, sagten nicht zuletzt die Älteren.



Text: F.A.Z., 23.04.2005, Nr. 94 / Seite 4
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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