Papst Benedikt XVI.

Der neue Herr im Haus des Herrn

Von Otto Kallscheuer

24. April 2005 Was wird das neue Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Benedikt XVI., tun? Wohin führt er die Kirche? Die zehn wichtigsten Fragen.

1. Wer stand hinter der Kandidatur Ratzingers?

Soviel ist sicher: Die Anhänger des Opus Dei, einige Kurienkardinäle und erklärte Konservative reichten für eine Zwei-Drittel-Mehrheit nicht aus. Wie die Mehrheit zustande kam, wissen wir natürlich nicht. Aber denken wir nur an die Situation der Anglikaner, auch an die der protestantischen Kirchen des Ökumenischen Rates, die in Afrika, Asien, Lateinamerika fassungslos dem Wachstum der evangelikalen Mission und der Pfingstkirchen gegenüberstehen.

Der theologische Liberalismus des europäischen und amerikanischen Nordens ist im Süden der Christenheit keineswegs attraktiv. Bischöfe und Gemeinden verlangen religiöse Führung, moralische Klarheit und das Engagement für soziale Gerechtigkeit. Gesiegt haben die sozialen Nöte der Kirche des Südens und die römische Orthodoxie - verstärkt oder korrigiert durch einige europäische und amerikanische „Liberale“.

2. Ist Joseph Ratzinger, einst progressiver Konzilstheologe, zum „Verräter“ am II. Vatikanischen Konzil geworden?

Das Konzil öffnete die zuvor ängstlich verschlossene katholische Wagenburg. Nun erkannte die römische Kirche weltliche Fortschritte in Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft und den Eigenwert demokratischer Politik an. Das Papstamt und seine geistliche Autorität wollten aber auch progressive Konzilsväter wie der Kölner Kardinal Josef Frings und sein junger Berater Ratzinger keineswegs abschaffen, sondern stärken.

Die kollegiale „Communio“ (Gemeinschaft der Bischöfe) und der päpstliche Primat sollten sich als Regierungsform für das christliche „Gottesvolk auf dem Wege“ ergänzen. Nur wer das Konzil als ersten Schritt auf dem Wege zur Abschaffung oder Entmachtung des Petrusamts verstand, konnte Ratzingers spätere Entwicklung als Kehrtwende begreifen.

3. Hatte Ratzinger ein Problem mit den Achtundsechziger-Studenten?

Gewiß. Da war er nicht der einzige. Aber der Kulturschock, den der Theologieprofessor bei Teach-ins in Tübingen oder Münster erlebte, bestärkte nur das Mißtrauen, welches er ohnehin gegen den messianischen Kurzschluß von Theologie und Politik hegte. Schon bei manchen Konzilstheologen störte ihn, schrieb er in seinen Erinnerungen, „die Idee einer kirchlichen Volkssouveränität“, die wir noch heute im Slogan einer „Kirche von unten“ wiederfinden.

Für ihn hat der Bund des Gottesvolkes, im Alten oder im Neuen Testament, keinerlei Ähnlichkeit mit irgendwelcher Basisdemokratie. Daß das Volk selber entscheide, wie Christi Nachfolge auszusehen habe, war nie eine katholische Idee, sondern das Programm der Linksradikalen der Reformation: von Wiedertäufern, Dissenters und chiliastischen Sekten. Kirche aber ereignet sich in Anerkennung eines Rufs „von oben“: Jahwes Gebote vom Berge Sinai, des Leidens Christi auf dem Berge Golgotha.

4. Ist der Papst ein Gegner der Aufklärung?

Nein, für ihn wurzelt die Aufklärung im biblischen Monotheismus: Der Glaube an die unsere Welt überschreitende (“trans-zendente“) Wirklichkeit des einen Gottes befreit uns ja vom Aberglauben an innerweltliche Gottheiten, heißen sie nun Jupiter oder Venus, Geld oder Technik. Ohne Vertrauen in die Wirkmächtigkeit des Schöpfer-Wortes am Anfang aller Welt verliere alle Wahrheit ihren Grund - Wissenschaft bleibe bloße Überlebenstechnik und Datensammlung, unsere Werte werden zu bloßen Optionen, beliebigen Präferenzen.

Zwar kommen manche Götzen dieser Welt, die wir uns selber konstruieren oder in den Bildschirmhimmel projizieren, als sanfte, coole Wellness-Idole daher. Aber die gleiche Geschwisterlichkeit aller Menschenkinder erfahren wir nur im Willen unseres Vaters im Himmel, eines Gottes, der all unsere Projektionen übersteigt.

5. Ist er ein Gegner der Moderne?

Eher wird umgekehrt ein Schuh daraus: Schon Glaubensrichter Ratzinger sah im Programm einer radikalen Selbstermächtigung menschlicher Wissenschaft und Herrschaft eine im Grunde anti-moderne, jedenfalls menschenfeindliche Utopie. Sie nimmt die radikale Unterscheidung zwischen dem Reich Gottes und allen weltlichen Institutionen zurück, die Jesus und später Augustinus von Hippo gezogen haben. Jede liberale Moderne aber setzt diese Differenz voraus.

6. Warum dürfen Frauen nicht Papst werden? Ist Benedikt XVI. ein Gegner des Feminismus?

Nur des Gleichheitsfeminismus, der ohnehin eher in protestantischen Landen gedeiht. Für Ratzingers katholische Tradition aber darf die Gleichwertigkeit der Frauen nicht zu einer Gleichmacherei führen. Ganz abgelehnt wird ein Trans-Gender-Feminismus, der alle Geschlechtsunterschiede nur noch als beliebige kulturelle Konstrukte begreift.

Nein, so lehrt der neue Papst (wie schon der alte): Männer und Frauen sind gleichwertig an personaler Würde, aber komplementär in ihrer Geschlechtsidentität. Also, schrieb Kardinal Ratzinger im vergangenen August zur „Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt“, müßten die Frauen ihren eigenen „Genius“ entwickeln. Da jubelten in Italien sogar philosophische Feministinnen auf: Jetzt mache die Glaubenskongregation Reklame für das „Denken der sexuellen Differenz“.

7. Hat Kardinal Ratzinger die lateinamerikanische Befreiungstheologie als Chefinquisitor verfolgt?

Die Unterschiede zwischen Glauben und Wissenschaft, zwischen weltlicher Vernunft und göttlicher Offenbarung, zwischen religiösem Gebot und sozialer Übereinkunft wurden in der Kirchengeschichte zumeist „von oben“ verwischt, also von konservativen Kirchenfürsten oder Theokraten. Im 20. Jahrhundert aber ging diese Gefahr eher „von unten“ aus: von politischen Religionen und totalitären Massenbewegungen, wie Nationalismus, Faschismus oder Kommunismus.

Kardinal Ratzinger reagierte stets allergisch - und nicht immer mit Augenmaß -, wenn er eine Vermischung materialistischer Heilsbotschaften und christlicher Verkündigung befürchtete: bei der Politisierung deutscher Universitätstheologie ebenso wie bei der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung.

8. Ist Papst Benedikt XVI. ein römischer Zentralist?

Wenn das heißt, daß er die Einheit der katholischen Weltkirche gegen alle Tendenzen zu National- oder Regionalchristenheiten verteidigen wird, dann ist er tatsächlich ein Zentralist. Aber worin bestünde die Alternative? Hans Küng, der sich heute in der deutschsprachigen Öffentlichkeit als Chefkritiker wider den neuen Papst profilieren möchte, wollte das römisch-katholische „Empire“ zu einem „Commonwealth“ regionaler Christenheiten umgestalten. Dieses Modell wurde bereits verwirklicht: In der anglikanischen Weltgemeinschaft dienen die periodisch im Lambeth-Palast (London) stattfindenden Bischofskonferenzen nur noch der Koordination.

Eine übergreifende Lehr- und Rechtsautorität gibt es im anglikanischen Commonwealth nicht. Mit welchem Ergebnis? Die anglikanische Gemeinschaft löst sich auf, gespalten zwischen den Liberalen des Nordens und den Konservativen des Südens. Nordamerika und Großbritannien erlauben die Frauenordination und diskutieren über praktizierende Homosexuelle im Bischofsamt, ohne daß sich deshalb ihre Kirchen füllen.

Die beständig wachsenden anglikanischen Kirchen Afrikas und Asiens hingegen wollen in Fragen der Sexualmoral konservativ bleiben, übrigens auch angesichts der erfolgreichen, in dieser Frage gnadenlos rigoristischen islamischen Mission in diesen Ländern. Als sich jetzt im römischen Konklave (so ist zu vermuten) die Kardinäle der Dritten Welt mehrheitlich für den konservativen Zentralisten Ratzinger entschieden, hatten sie diese Alternative vor Augen.

9. Wird er die Kapitalismuskritik seines Vorgängers fortsetzen?

Karol Wojtylas moralische Kritik an der „Marktvergötzung“ (idolatria) der Konsumgesellschaft, an der sozialen und kulturellen Hemmungslosigkeit globaler Kapitalmärkte in der Standortkonkurrenz wird auch sein Nachfolger unterschreiben. Allerdings hatte sich Kardinal Ratzinger, Professor und Glaubenspräfekt, bisher mit der katholischen Soziallehre nur indirekt befaßt: soweit er sie für seine theologische Kritik an marxistischen Tendenzen und messianischen Gefahren in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie brauchte.

Benedikt XVI. kennt die katholische Weltkirche bisher vornehmlich aus römischen Kommissionen, Kongregationen und der Konzilsversammlung. Er wird also reisen müssen, um Hunger und Seuche, Armut und Hoffnung der Christenheit des Südens besser kennenzulernen. Daß er von den Kardinälen der ehedem „Dritten Welt“ im Blitzkonklave zum Nachfolger Petri gekürt wurde, zeigt aber, daß die Bischöfe der armen Kirchen ihm diese Lernfähigkeit zutrauen.

10. War Ratzinger als Bischof ein guter Seelsorger?

Davon ist nichts überliefert: Seine vier Münchener Bischofsjahre haben kaum Spuren hinterlassen. Und in Ratzingers Erinnerungen erschöpft sich das kurze Kapitel in der Erläuterung des Bischofswappens: sein Wahlspruch „Mitarbeiter der Wahrheit“, die Pilger- und Meeresmuschel als Symbol für die Unerschöpflichkeit Gottes, der Freisinger Mohrenkopf und der vom heiligen Korbinian zum Packesel umerzogene Bär.

Zum Packesel sei er geworden, stimmt Ratzinger da in eine Psalmenmeditation des heiligen Augustinus ein. Jetzt ist er Monarch: servus servorum, Führer von 1,2 Milliarden Katholiken. Da müßte er eigentlich auch ein Seelsorger werden.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.04.2005, Nr. 16 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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