Papst-Wahl

Drei Parteien im Konklave

Von Otto Kallscheuer

17. April 2005 Morgen früh zur Wahlmesse, wenn im Petersdom die 115 wahlberechtigten Kardinäle den Heiligen Geist anrufen werden, dürfen die Gläubigen noch dabeisein. Am Nachmittag dann, wenn der erste Wahlgang beginnt, wird der Vatikan für alle Außenstehenden abgeschlossen sein - auf lateinisch: „cum clave“.

Der Gerüchte gibt es seit Wochen viele. War in den vergangenen Jahren oft davon die Rede, der afrikanische Kurienkardinal Francis Arinze aus Nigeria könne der erste schwarze Papst werden, sind diese Gerüchte jetzt verstummt. Stabile Werte an den Gerüchtebörsen erhalten hingegen zwei weiße Purpurträger, Joseph Ratzinger und Dinonigi Tettamanzi.

Von intellektueller Statur

Mit gutem Grund: Der 78 Jahre alte Dekan des Kardinalskollegiums ist zwar deutscher Professor, vereint aber fast alle Wunscheigenschaften - auch wenn seine Seelsorgeerfahrung in München zwei Jahrzehnte zurückliegt und seine Vorstellungen von Disziplin für Außenstehende zuweilen katholische Wärme vermissen lassen. Davon hat der 70 Jahre alte rundlich-freundliche Mailänder Erzbischof Dionigi Tettamanzi mehr als genug: Er war Bischof von Genua, Sekretär der italienischen Bischofskonferenz und ist jetzt Chef der größten katholischen Diözese.

Tettamanzi hat intellektuelle Statur, der Professor für Moraltheologie war Mitautor der Enzykliken Johannes Pauls II. zur Bioethik. Daß ihm internationale Erfahrung fehlt, hat er damit auszugleichen versucht, daß er in Genua die Pforten des Bistums für die Globalisierungskritiker von Attac weit offen hielt. Zugleich pflegt er auch die Kontakte zur konservativen Truppe des „Opus Dei“.

Einigung auf Koalitionen

Ratzinger oder Tettamanzi, das wäre eine denkbare Wahl: hie ein Vertreter der Zentrale - Ratzinger gilt längst eher als Römer denn als Deutscher -, dort ein solider Seelsorger. Der Deutsche steht für intellektuelle und moralische Stringenz, der Mailänder hat Erfahrungen mit den Problemen einer multikulturellen Diözese im Herzen der städtischen Moderne gemacht. Gerüchten zufolge gab es im Präkonklave - im bis heute halböffentlichen Wahlkampf - eine Unterschriftensammlung von vierzig oder sogar fünfzig Kardinälen für einen Papst Ratzinger. Widerstände werden unter jenen deutschen und amerikanischen Kardinälen vermutet, mit denen der Glaubenshüter in den letzten Jahrzehnten am meisten Ärger hatte.

Für die notwendige Zweidrittelmehrheit reiche es wohl nicht, heißt es. Ratzinger stelle sich aber nur zur Wahl, wenn er auf mehr als der Hälfte der Wahlberechtigten zählen könne - das wären 59 Kardinäle. Die nämlich würden zur Not, allerdings erst nach dem 33. Wahlgang, zur Papstwahl reichen. Sollte sich freilich das Konklave so lange hinziehen, gäben die Kardinäle vor aller Welt das Zeichen einer gespaltenen Kirche. So ist es wahrscheinlicher, daß die Wahlmänner sich auf Koalitionen einigen, die für eine Zweidrittelmehrheit taugen.

Identität, Solidarität, Kollegialität

Sollte das Konklave also weder allzu kurz (zwei Tage) noch allzu lange (gut zwei Wochen) dauern, muß man die unerklärten Parteien im Konklave kennen: Seilschaften, die sich wechselseitig beraten oder wählen können. Schematisch gesprochen, gibt es drei Parteien im Konklave. Nennen wir sie die Partei der Identität, die Partei der Solidarität und die Partei der Kollegialität. Sie alle haben das Problem des Dialogs mit der nichtkatholischen Welt, das sie unterschiedlich angehen: Die Verteidiger der Identität des Abendlandes sehen im Islam eine äußere Bedrohung; die kollegialen Reformer begegnen ihm innerhalb der westlichen Gesellschaften; und für Bischöfe der Dritten Welt, die die Solidarität der reichen Kirche des Nordens einklagen, steht die Konfrontation mit den evangelischen und (in Afrika und Asien) auch islamischen Fundamentalisten im Vordergrund.

Die Partei der Identität oder der Orthodoxie sieht die Grundlagen der abendländischen Zivilisation bedroht, wenn sich die katholische Kirche (nach protestantischem Vorbild) noch weiter an die säkulare Kultur Europas anpaßt. Auch um den Preis, Mitglieder und öffentlichen Konsens zu verlieren, müsse die katholische Christenheit vielmehr zu ihren klaren, unverrückbaren Grundsätzen zurückfinden. Will das Gottesvolk nicht zwischen Fundamentalisten aus dem muslimischen oder evangelikalen Lager zerrieben werden oder sich in seichter Life-style-Spiritualität verlieren, müsse sie sich in Treue um den Papst zusammenschließen: Der Gehorsam dem Papst gegenüber sei das A und O des Katholizismus.

„Amerikanisch“ bekennender Gemeinschaftsstil

Ratzinger ist der bekannteste Vertreter dieser Linie, aber auch Kardinalvikar Camillo Ruini (74), bisher Vertreter Johannes Pauls II. für die römische Diözese, oder Intellektuelle wie der Dominikaner Christoph Schönborn (60), Erzbischof der krisengeschüttelten Wiener Diözese, und der brillante Patriarch von Venedig Angelo Scola (63) stehen für eine solche Selbstbehauptung christlich-abendländischer Identität. Sie sind indes weniger defensiv und pessimistisch als der deutsche Glaubenshüter: Sie pflegen einen „amerikanisch“ bekennenden Gemeinschaftsstil der Verkündigung und haben gute transatlantische Kontakte.

Wer Ratzinger als zu rigide empfand, könnte sich aber vielleicht vorstellen, für einen portugiesischen, argentinischen oder indischen Kardinal zu stimmen, der in den Fragen katholischer Dogmatik und Morallehre mit dem Chef der Glaubensbehörde voll übereinstimmt. Der Patriarch von Lissabon Jose da Cruz Policarpo (69), der italo-argentinische Erzbischof von Buenos Aires Jose Mario Bergoglio (68) oder aber der welterfahrene Bombayer Erzbischof Ivan Dias (68) könnten auf dem Stuhle Petri die Hinwendung der Kirche zum armen Süden der Welt im Zeichen globaler Solidarität verkörpern.

Schädliche Starqualitäten?

Damit ist bereits eine mögliche Koalition mit der zweiten Partei, der internationalen Solidarität, angesprochen: Der Schwerpunkt von Christenheit und Weltkatholizismus liegt im 21. Jahrhundert in Lateinamerika, Afrika und zunehmend auch Asien. Glaubwürdig könne die Kirche Jesu Christi nur dann sein, wenn sie die existentiellen Nöte der südlichen Hemisphäre ernst nimmt und aktiv an ihrer Linderung arbeitet. Der 71 Jahre alte Kardinal Dom Claudio Hummes, Franziskaner und Erzbischof von Sao Paolo, ist vielleicht der bekannteste dieser Kardinäle. Früher öffnete er seine Kirchen für die Arbeiterversammlungen des Gewerkschafters und heutigen brasilianischen Staatschefs Lula da Silva, gehörte aber nicht zur linksradikalen Tradition der Befreiungstheologie.

Eine „dienende Kirche“, so Hummes, wird ihre Lehren und moralischen Gebote „vorschlagen, nicht aufzwingen“. In einer beeindruckenden Rede zum Zweiten Vatikanischen Konzil hat Hummes die „Solidarität mit den Armen“ betont, als „bürgerliche Form der Nächstenliebe“. In Deutschland noch bekannter als Hummes ist der neue lateinamerikanische Starkardinal, Sportler und Saxophonspieler Oscar Andres Rodriguez Maradiaga. Der Salesianerbischof wurde 2000 bei Kanzler Schröder vorstellig, um die Petition zur Schuldentilgung der ärmsten Länder zu überreichen. Doch gerade seine Starqualitäten könnten ihm nun schaden.

Alte Slogans der Basiskirche

Mit Forderungen nach besserer Kommunikation zwischen Bischöfen, Bischofskonferenzen und dem Heiligen Stuhl haben sich Hummes wie Maradiaga auch interessant für die dritte Gruppierung gemacht, die Partei der Kollegialität. Historisch gesehen ist dies die Partei der europäischen und nordamerikanischen Reformer - sie darf sich nur nicht so nennen, wenn sie ihre Wahlchancen nicht verderben will.

Denn der Auftrag des Konzils zu stärkerer Verantwortung der Ortsbischöfe in Seelsorge und Kirchenlehre hat unter dem Reisepapst Wojtyla sehr gelitten - und unter Ratzingers Strenge. Die Alternative kann aber nicht darin bestehen, alte Slogans der Basiskirche gegen die Hierarchie wiederzubeleben. Gerade die Basisgemeinden haben meist schlechter überlebt als rigide Hierarchien oder identitätsstarke dogmatische oder charismatische Bewegungen.

Gegenmodell zu Ratzingers Vision

Ein Arbeitsprogramm für ein neues Konzil hat vor sechs Jahren Kardinal Martini auf der europäischen Bischofskonferenz vorgetragen: die Rolle der Frau in der Kirche; das Verhältnis von Rechtsstaat und kirchlicher Moral; Ehe, Sexualität und Kirchendisziplin; Verhältnis zu anderen christlichen Schwesterkirchen.

Jetzt hat der Brüsseler Erzbischof Godfried Daneels (71) diese Liste, erweitert um die Probleme des Dialogs mit dem Islam und die ungelösten Fragen der Reproduktionsmedizin, von Wissenschaft und Bioethik, neu in die Diskussion des Konklaves eingebracht. Sein Motto „Ein starker Papst mit einer starken Rolle der Bischöfe“ darf getrost als Gegenentwurf zu Kardinal Ratzingers Version von Einheitlichkeit verstanden werden.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.04.2005, Nr. 15 / Seite 3
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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