Die Botschaft Benedikts XVI.

Die Wahrheitsfrage als Friedensdienst

Von Christian Geyer

20. April 2005 Wird es unter dem neuen Papst Benedikt XVI. doch noch zu einem clash of civilisations, zu einem Zusammenprall der Kulturen kommen? Steht der Name Ratzinger nicht weltweit für die Profilierung der Unterschiede, für die Zurückweisung eines Dialogbegriffs, der auf Angleichung des Verschiedenen zielt - sei es zwischen den Religionen oder auch nur den christlichen Konfessionen? Wie wird, mag sich mancher nun fragen, mit einem ehemaligen Inquisitions-Chef der globale Imperativ zu verwirklichen sein "Kein Weltfriede ohne Religionsfriede"?

Man muß nicht erst auf das neue Amt setzen, das - wie jetzt häufig beschworen wird - andere Freiheiten in sich trägt als jenes des Präfekten der Glaubenskongregation, des obersten Verfassungsrichters der katholischen Orthodoxie. Denn in den Augen Ratzingers war das sanft vorgetragene Vokabular der scharfen Kontur nie bloß eine dem inquisitorischen Amt geschuldete Rollenprosa, sondern ein Erfolgsmodell für kulturelle Verständigung.

Seine programmatische Thematisierung der Wahrheitsfrage soll die Verständigung der Kulturen nicht behindern, sondern im Gegenteil erst ermöglichen. Die klare Ausstellung des Eigenen, welche von Kritikern wie Anhängern gleichermaßen als Markenzeichen Ratzingers gesehen wird, stellte der neue Papst in seinem alten Amt zuletzt immer deutlicher als Prämisse eines Pluralismus heraus, der als Freiheitsordnung funktionieren will, statt sich als Pluralismus selbst außer Kraft zu setzen.

„Sonst haben wir kein Recht, Öffentlichkeit zu verlangen“

In der heutigen kulturellen Situation des Westens sei die theokratische Gefahr gering, so Ratzinger. Die Gefahr droht von woanders: von der Verwechslung von Wertneutralität mit Wohlfahrt. Natürlich dürfe der Öffentlichkeitsanspruch des Glaubens Pluralismus und religiöse Toleranz des Staates nicht beeinträchtigen. Aber ein Staat, der sich als bloßer Notar der Zeitströmungen verstehe, ohne die beharrende Kraft des Institutionellen auszumünzen, werde nicht pluralistischer und freier, sondern bodenlos. Ratzinger weiß sich in dieser Diagnose in weitgehender Übereinstimmung mit säkularen Staatstheoretikern, wie besonders eindrucksvoll der Münchner Disput mit Jürgen Habermas zeigte.

Umstritten sind eher die Folgen, die sich daraus für die Position der Kirche ableiten. Hier fährt Ratzinger einen kompromißlosen, von der wirtschaftlichen Lage inzwischen ohnehin erzwungenen Kurs der Schleifung der Bastionen: "Wenn wir nicht überzeugt sind und nicht überzeugen können, haben wir auch kein Recht, Öffentlichkeit zu verlangen." Wozu aufgeblähte, von Kirchensteuermitteln finanzierte Apparate, wenn diese mutmaßlich nicht mehr von christlichen Überzeugungen getragen sind? Ratzinger prangert dies rücksichtslos als Etikettenschwindel an: Es gibt in einem staatlichen Gemeinwesen keinen Artenschutz für Religion, es sei denn, ihre Vertreter setzen sich als Bürger im demokratischen Prozeß durch. Wie sich diese Position wohl künftig im päpstlichen Amt darstellen wird?

Wider einen Frieden, die mehr Konflikte schafft als löst

Wenn Ratzinger eine Utopie des Weltfriedens durch Religionsfrieden besitzt, dann ist es jene, die der Kardinal Nikolaus von Kues 1453 in seinem Buch "De pace fidei" darlegt. Demnach beruft Christus selbst ein himmlisches Konzil, in dem siebzehn Vertreter der verschiedenen Nationen und Religionen "durch den göttlichen Logos zur Erkenntnis geführt werden, wie in der durch Petrus repräsentierten Kirche die religiösen Anliegen aller erfüllbar sind". Ratzinger beruft sich ausdrücklich auf dieses frühe Dokument eines katholischen Weltethos, das die Wahrheitsfrage gerade nicht suspendiert, sondern als Friedensdienst in Anschlag bringen will. Wie ist es möglich, fragt er, daß das Wahrheitsthema im Gespräch zwischen kontinentaler und analytischer Philosophie mit weit mehr Ernst und Dringlichkeit behandelt werde als in weiten Teilen der zeitgenösischen Theologie?

Indem Ratzinger die Alternative ausbuchstabiert, skizziert er sie als ungangbar - als die Formel für einen faulen Frieden, die mehr Konflikte schafft als löst. Diese Alternative sehe dann so aus: Theologie stellt keine Erkenntnisansprüche bezüglich des Göttlichen mehr; Religion wird nicht länger positiv-inhaltlich und daher auch nicht institutionell-sakral bestimmt. Sie wird ganz in die mystische Erfahrung zurückgenommen und so auch der Zusammenstoß mit der wissenschaftlichen Vernunft von vornherein ausgeschlossen. Folge man dieser Vision, brauche die Welt von heute auf dem Stuhl Petri einen Papst der mystischen Religion, einen Hüter des New Age - einen Papst, den Ratzinger naturgemäß nicht geben will. Denn dann wären "die Anbetung, die der Gott Israels fordert und die Entleerung des Bewußtseins, das sein Ich vergißt und sich im Unendlichen auflösen läßt, letztlich Varianten ein und derselben Haltung dem Unendlichen gegenüber".

Tieferes Eingehen statt Wahrheitsverzicht

Wenn dieser Papst soviel Wert auf die Vernünftigkeit des Glaubens legt, dann mag dies nicht schon einem innerkirchlichen Diskussionsbedarf den Riegel vorschieben - es macht das Christentum aber berechenbar in einer Zeit, in der die zerstörerische, ja terroristische Kraft irrationaler Religionsstrukturen ihre Opfer fordert und das Theistische generell zu diskreditieren droht.

"Ist theistische, dogmatische und hierarisch geordnete Religion notwendig intolerant? Macht der Glaube an die im Dogma formulierte Wahrheit dialogunfähig? Ist Friedenfähigkeit an Wahrheitsverzicht gebunden?" Fragen, die Ratzinger stellt, sämtlich verneint, um ihnen die manifestartige Antwort folgen zu lassen: "Begegnung der Religionen ist nicht durch Verzicht auf Wahrheit, sondern nur durch ein tieferes Eingehen in sie möglich." Religionsfriede sei mithin nicht dadurch zu haben, daß Mission aufhören und durch Dialog ersetzt werden müsse - einen Dialog, "in dem es nicht um Wahrheit, sondern darum geht, einander zu besseren Christen, Juden, Moslems, Hindus oder Buddhisten zu machen".

Verkündigung als dialogischer Vorgang

Wahrscheinlich haben ja jene recht, die wie Ernst-Wolfgang Böckenförde sagen: Das kommende Pontifikat wird sich daran entscheiden, wie es die Wahrheit mit der Freiheit verbindet. Um schon heute eine Vorstellung zu bekommen, von welchen eigenen Voraussetzungen her Joseph Ratzinger diese Frage im Weltmaßstab entscheiden könnte - gerade deshalb sind die verstreuten Hinweise so aufschlußreich, die sich in seinen Schriften zur Verständigung der Kulturen und näherhin zum Verhältnis der Religionen finden lassen.

Mission und Dialog, so läßt der neue Papst wissen, dürften nicht länger als Gegensätze aufgefaßt werden, Verkündigung sei vielmehr selbst als dialogischer Vorgang zu begreifen: "Dem anderen wird nicht das gänzlich Unbekannte gesagt, sondern die verborgene Tiefe dessen erschlossen, was er in seinem Glauben schon berührt."

So gesehen stehen wir im Augenblick vor einer neuen religionspolitischen Utopie: In ihr wäre die entschiedene Hand des innerkirchlichen Glaubenswächters genau jene ausgestreckte Hand, mit der ein Religionsfriede in Reichweite rückt. Dem Frieden der Welt käme diese Utopie vermutlich genauso zugute wie der Wiederbelebung einer Kirche, deren geistliche Auszehrung zumindest in den westlichen Ländern offenkundig ist. Der Name, den sich die Utopie gegeben hat, lautet seit vorgestern: Benedikt XVI.



Text: F.A.Z., 21.04.2005, Nr. 92 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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