Lateinamerika

Enttäuschung und Hoffnung

Von Josef Oehrlein, Bogotá

28. April 2005 Den in Rom versammelten Journalisten aus lateinamerikanischen Ländern bleibt die erste Pressekonferenz von Papst Benedikt XVI. in schlechter Erinnerung. Obwohl der neue Oberhirte der katholischen Kirche virtuose Proben seiner Vielsprachigkeit gab und in vier Idiomen redete, waren die Medienleute enttäuscht darüber, daß ausgerechnet Spanisch nicht dabei war. Und das, obwohl er auch dieser Weltsprache mächtig ist, wie ein argentinischer Korrespondent bei einer persönlichen Begegnung mit dem Kardinal Ratzinger herausgefunden hat.

Dabei wären die Medienleute schon zufrieden gewesen, wenn Benedicto XVI, wie er auf spanisch heißt, wenigstens ein paar Grußworte an mehr als vierzig Prozent der katholischen Gläubigen in ihrer Muttersprache gerichtet hätte. Der Ausrutscher ist sogar in Brasilien aufgefallen, obwohl dort Portugiesisch gesprochen wird.

Enttäuschung und Besorgnis

Die Mutmaßungen darüber, warum der polyglotte Papst ausgerechnet die Sprache Cervantes' ausgespart hat, reichten von der Unterstellung, er habe das von dem Sozialisten Zapatero regierte Spanien wegen seiner liberalen Haltung etwa bei der möglichen Zulassung der Homosexuellenehe bestrafen wollen, bis zu der Annahme, sein Interesse an Lateinamerika sei nicht sonderlich groß.

Von Mexiko bis Feuerland waren die ersten Reaktionen auf die Wahl des deutschen Papstes ohnehin von Enttäuschung und Besorgnis gezeichnet, bisweilen hagelte es Spott.

Nach Europa hin orientiert

Als frommer Wunsch entpuppte sich die Mutmaßung, aus dem Konklave hätte ein aus einem lateinamerikanischen Land stammender Kardinal als Papst hervorgehen können. Benedikt XVI. sei nach Europa hin orientiert und werde seinen Glaubenskreuzzug vor allem dort austragen, heißt es in der kolumbianischen Zeitung „El Tiempo“, weil die Kirche in der Alten Welt besonders viele Gläubige verliere.

Lateinamerika werde trotz der evangelikalen Sekten, die dort auf dem Vormarsch sind, vom Vatikan als sichere Bastion angesehen, lautet die ernüchternde Analyse. Von dem neuen Papst sei folglich wenig Hilfe für die drängendsten Probleme in jener Weltgegend zu erwarten.

Dogmenstrenge Ratzingers

Obwohl der kolumbianische Kardinal Darío Castrillón als „papabile“ bezeichnet worden war, wird nun betont, er und sein Amtsbruder López Trujillo hätten sich im Konklave sogar besonders intensiv für die Kandidatur des Kardinals Ratzinger eingesetzt. Ihr Werben sei möglicherweise sogar entscheidend für den Wahlausgang gewesen. In „El Tiempo“ wie in den meisten anderen wichtigen Zeitungen lateinamerikanischer Länder wurde immer wieder die Dogmenstrenge Ratzingers in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation hervorgehoben.

Dem neuen Papst wird offenbar nicht zugetraut, daß er in seiner vorgeblich abgehobenen Weltsicht Verständnis für die sehr irdischen Probleme des Subkontinents haben könnte. In Kolumbien, das von einem vierzig Jahre währenden, mit Waffengewalt ausgetragenen, mittlerweile unentwirrbaren inneren Konflikt heimgesucht wird, könnte gerade die katholische Kirche, die dort nach wie vor hohes Ansehen genießt, mit der Rückendeckung eines aufgeschlossenen Papstes eine wichtige Mittlerfunktion ausüben.

Unüberwindliches Dilemma

Benedikt XVI. erschien in den Medien in Lateinamerika als „eiserner Kardinal“, als „Konservativer, hart und rein“, oder „Kopf der ultrakonservativen Kirche“. Immer wieder wurde das Bild vom „Großinquisitor“ beschworen. Selbst das in der Presse zitierte Lob aus dem Mund eines Kirchenmannes wirkte in diesem Kontext wie von einer Art Hautgout umgeben. Benedikt XVI. sei von klarem Verstand, er drücke sich kurz und knapp aus, meinte der Präsident der venezolanischen Bischofskonferenz, Baltasar Porras. „Er ist ein Mann von europäischem Denken, ein Deutscher mit sehr deutlichen Vorstellungen.“

Unausgesprochen klang bei solchen Äußerungen an, daß sich die katholische Kirche in Lateinamerika angesichts der Sozialkonflikte, des immer tieferen Abgrunds zwischen Arm und Reich oder der ausufernden Gewalt ihrer selbst keineswegs so sicher ist. Das Dilemma zwischen der Realität der lateinamerikanischen Megastädte mit ihren Elendssiedlungen und den erhabenen religiösen Prinzipien und Dogmen erscheint vielen Geistlichen unüberwindlich.

Flexibel und aufgeschlossen?

Inzwischen fallen die Urteile über Benedikt XVI. etwas differenzierter aus. Nach seinen ersten Auftritten und Predigten beginnt sich Hoffnung breitzumachen, daß er sich flexibler und aufgeschlossener zeigen könnte als der Kardinal und Glaubenswächter, der er zuvor war. „Er weiß, daß es eine Sache ist, als Zensor im Dienst eines Papstes zu wirken, und eine andere, Papst zu sein“, heißt es in der argentinischen Zeitung „Clarín“.

Gerade weil Benedikt XVI. den Ruf eines orthodoxen Theologen habe, sei er in der allerbesten Position, um Reformen in der Kirche durchzusetzen, wird in dem Blatt spekuliert. „Denn wer würde es wagen, ihn in Frage zu stellen? Wer würde seine Überzeugungen in Zweifel ziehen?“

In Argentinien wurde im übrigen eifrig die „Enthüllung“ verbreitet, daß während des Konklaves im dritten Wahlgang der Kardinal Jorge Bergoglio aus Buenos Aires vierzig Stimmen erhalten habe und damit auf dem zweiten Platz hinter Joseph Ratzinger gelandet sei. Damit habe immerhin zum ersten Mal in der Kirchengeschichte ein Lateinamerikaner so viele Stimmen erhalten.

Linie seines Vorgängers fortsetzen

Im Nachbarland Brasilien stand während der ersten Tage nach der Papstwahl vor allem das spannungsgeladene Verhältnis zwischen dem Kardinal Ratzinger und den von seinem Bannstrahl getroffenen „Befreiungstheologen“ im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. „Es wird mir sehr schwer fallen, diesen Papst zu lieben“ war ein vielzitierter Satz des inzwischen in Distanz zur katholischen Amtskirche lebenden früheren Franziskaners Leonardo Boff, der jedoch bekannte, „als Christ“ die Entscheidung der Kardinäle zu respektieren.

Bento XVI, wie sich der deutsche Papst auf portugiesisch nennt, solle „mehr an die Menschheit, insbesondere die Armen, und weniger an die Kirche denken“, wünschte sich Boff. Der deutsche Papst werde allerdings die Linie seines Vorgängers fortsetzen und letztlich möglicherweise noch verschlossener sein, sagte der gemaßregelte Theologe.

Spannung vor erster Lateinamerika-Reise

Kolumbien, Venezuela, Argentinien, Brasilien und alle anderen Länder der Region sind nun gespannt darauf, wohin die erste Lateinamerika-Reise Benedicto oder Bento XVI führen wird.

Und gerätselt wird darüber, ob sich der neue Papst nicht vielleicht doch noch auf seine Spanischkenntnisse besinnt, vielleicht sogar zeigt, daß er auch das Portugiesische beherrscht.



Text: F.A.Z., 27.04.2005, Nr. 97 / Seite 12
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
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