Katholische Kirche

Laien, Frauen, Sex: Wie offen ist der neue Papst?

Von Otto Kallscheuer

11. April 2005 Der Stuhl Petri ist neu zu besetzen, aber einen eindeutigen Kandidaten gibt es nicht. Je informierter die Vatikan-Watchers, um so ausführlicher ihre Listen der „Papabili“ unter den Purpurträgern: zwei oder drei oder vier Italiener, zwei oder drei oder vier Lateinamerikaner, ein oder zwei Afrikaner, ein Asiate - ja, sogar ein Deutscher. Man kommt auf mindestens zehn chancenreiche Kandidaten.

Dabei bemüht man gerne das Schema: Fortschritt versus Reaktion. Da kommen die angeblich guten Kandidaten in jenes Töpfchen der Reform, in dem Hans Küng schon auf sie wartet. Das sind die Kardinäle, die mehr „Dialog und echte Demokratie“ wollten, mehr Frauen- und Laienverantwortung in der Kirche, weniger dogmatische Selbstgewißheit und mehr Ökumene. Schade nur, daß der Dalai Lama nicht kandidiert. Die angeblich bösen Kandidaten hingegen sind reaktionäre Paladine der Orthodoxie, angeführt vom Dekan des Kardinalskollegiums. Der sei zwar ein brillanter Intellektueller, aber hege wie sein polnischer Chef „mittelalterliche“ Vorstellungen.

Parteien und Tendenzen in der Weltkirche

Charakteristisch für diese in Deutschland vorherrschende Betrachtungsweise ist die Monopoly-Methode: „Gehe zurück auf Los!“ - also: auf jene Parteien und Tendenzen in der Weltkirche, die am Ende des Pontifikats von Paul VI. bestanden. Es geht um Erbe und Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Johannes Paul II., devoter Verehrer der jungfräulichen Gottesmutter, habe es sträflich vernachlässigt. Daran ist manches wahr: Wojtylas Bild einer Volkskirche war ebenso traditionell wie sein Familienbild und der darin vorgesehene enge Rahmen für Sexualmoral. Katholiken kritisieren, daß dieser Papst seinen Kampf wider die Abtreibung durch die Ablehnung aller Schwangerschaftsverhütung unterminiert habe, zu schweigen von der Notwendigkeit des geschützten Verkehrs, um eine Ansteckung mit dem HI-Virus zu vermeiden. Er verweigerte den deutschen Bischöfen, katholische Schwangerenberatung innerhalb eines staatlichen Verfahrens anzubieten, das die Möglichkeit legalen Abbruchs vorsieht.

In solchen Fragen könnte sein Nachfolger in der Tat offener, pastoraler sein. Und wieso muß eigentlich jedes Detail unbedingt den TÜV der Glaubenskongregation passieren? Steckte auch hinter Wojtylas Festhalten am Priesterzölibat die Angst vor freier Sexualität? Aber Vorsicht: Noch der modernste katholische Papstkandidat wird auf absehbare Zeit keine Frauen als Priesterinnen ordinieren.

Mediale Globalisierung des Glaubens

Und doch ist das vom stockkonservativen Johannes Paul II. falsch: Denn dieser war einer der vehementesten Befürworter der ersten katholischen Proklamation der Religionsfreiheit auf dem II. Vatikanischen Konzil. Er hat die Forderung des zweiten Vaticanums an die Kirche, „Licht der Völker“ in der modernen Welt zu werden, nicht verraten, sondern verwirklicht.

Kein Papst war vor ihm mit der medialen Globalisierung direkt konfrontiert gewesen. Wojtyla hat die Herausforderung gemeistert. Ohne sein Pontifikat - ohne seine Verkörperung des Glaubens seiner Kirche in Gottes Menschwerdung - wäre die Welt nicht nur um einige ethische Impulse ärmer. Zeitgleich mit seinem Pontifikat (1978) und mit der Islamischen Revolution in Iran (1979) wuchs die Rolle der Weltreligionen in der Politik - und mit Johannes Paul II. fand sich ein Protagonist, der Glaubensgewißheit im politischen Dialog darstellte.

Kirche als Befreiungsbewegung

Davon hat die Christenheit profitiert - durchaus auch die protestantischen Kirchen: In den Konflikten einer multireligiösen Welt verkörperte dieser Papst eine neue Gestalt öffentlichen Kirche-Seins. Dem Mainstream der Anpassung an den kleinsten Nenner weltfreundlicher Spiritualität folgte er sowenig wie den aggressiven Evangelisierungskampagnen amerikanischen Stils. Mit diesen sind evangelikale Prediger in Lateinamerika, Afrika und Asien zur wichtigsten Wachstumsbranche protestantischer Kirchen geworden.

Der polnische Bischof wollte sich nicht in den Mühlen der römischen Bürokratie verlieren - er kümmerte sich um den Apparat der Weltkirche nur soweit, als er ihn für seinen Kampf um die Verkörperung der kirchlichen Botschaft brauchen konnte. Wojtyla interessierten keine Verfassungsfragen, sondern die charismatische Funktion der Kirche als Befreiungsbewegung. Daß sie auch eine straffe Führung braucht, hatte der Politiker Wojtyla nicht erst in Rom gelernt.

Ausnahmezustand am Ende des Pontifikats

Im Vatikan konzentrierte Johannes Paul II. die „Ministerien“ für Lehramt, Außenpolitik, Seelsorge und Personalpolitik in wenigen Händen; ein neues Kirchenrecht, der KodexCIC1983, klärte alle Autoritätsfragen. Den Rest der Kurie ließ der dynamische Pole lange links oder rechts liegen; dann veränderte er durch seine Personalpolitik auch die Zusammensetzung der operativen Spitze der katholischen Hierarchie: Nie war die Kurie - und nie war auch das Kardinalskollegium - internationaler zusammengesetzt als unter Johannes Paul II.

Missionar Wojtyla verkörperte mit zunehmender Dauer seines Pontifikats den Ausnahmezustand der Kirche, ihren Aufruf zur Metanoia, zur Umkehr: „Die Zeit ist nahe! Kehrt um! Tut Buße!“ So glich der 264. Nachfolger des Apostels Petrus weit eher dessen Gegenspieler Paulus: dem rastlos reisenden moralischen Rigoristen, der alle Gemeinden an Ort und Stelle aufsucht, umarmt und (wie die Selbsterfahrungsgruppen der Korinther) kritisiert. Doch seinem Nachfolger hinterläßt er eine Kirche, die in partibus infidelium, außerhalb der traditionellen katholischen Kernlande, wächst, zerrissen bleibt und in der „Ersten Welt“ viele ihrer besten Kader demoralisiert.

Sehnsucht nach einem „echten“ Petrus

Wenn sich heute aus den vorsichtigen Äußerungen einiger purpurnen Wahlmänner bereits Hinweise auf das Profil des neuen Papstes ableiten lassen, so ist offenbar die Sehnsucht nach einem „echten“ Petrus gewachsen. Er soll Menschen fischen, aber auch das Haus verwalten - und nicht immer schon woanders sein. Nach dem expansiven Protagonismus soll im Katholizismus die Verantwortlichkeit wieder klar überschaubar werden. Das hat nichts mit Demokratie zu tun - die wird es in der katholischen Kirche kaum geben. Paulus wurde von seinem Charisma verzehrt. Petrus spricht mit Autorität.

Der neue Papst wird sich zu entscheiden haben, wo er seine Prioritäten setzt: bei den reichen Kirchen des Nordens - oder in der vitalen Not der Katholiken Afrikas oder Südamerikas. Soll er den interreligiösen Dialog privilegieren (also den offenen Konflikt um den wahren Gott mit Judentum und Islam) oder die Konsenssuche auf dem Weg ökumenischer Versöhnung? Der friedliche Streit der großen Religionen kann nur von symbolischen Akten leben - und dazu gehören auch politische Handlungen, wie die Ablehnung der Intervention im Golfkrieg. Wenn heute nur noch Islamisten an die These vom christlichen Kreuzzug des Westens gegen die Völker des Propheten Mohammeds glauben, nicht aber „die“ Muslime, so ist dies das Verdienst des Autokraten Johannes Pauls II.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb

 
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