„Photokina 2008“

Bei Frauen fotografiert das Auge mit

Von Hans-Heinrich Pardey

Gewachsen: Canon Powershot G10

Gewachsen: Canon Powershot G10

06. Oktober 2008 Was konnte man aus Köln mit nach Hause nehmen außer der gesicherten Erkenntnis, dass „mehr digitale Bildqualität durch größere Sensoren“ (F.A.Z. vom 23. September) das Gebot der Stunde sei? Von der Lumix DMC-G1, die den Messeauftritt von Panasonic nicht nur als ein neues Kameramodell, sondern als erstes Exemplar einer neuen Kameraklasse beherrschte, bis zu Leicas Aufbruch ins Mittelformat mit der S2 ließ sich diese Entwicklungsrichtung zu schlicht mehr Sensorfläche deutlich beobachten.

Die G1 soll mit ihrer Kompaktheit, der handlichen Leichtigkeit trotz Wechseloptik und mit nach Wahl farbigem Gehäuse schon zum Weihnachtsgeschäft explizit die weibliche Kundschaft umwerben. Damit gehörte die zwischen Spiegelreflex und Kompaktkamera angesiedelte Lumix zugleich zu den Produkten, mit denen praktisch alle Kamerahersteller noch deutlicher gezielt auf die Wünsche von Frauen eingehen wollen. Je nachdem fällt das mal Barbierosa aus (bei Canons Mädchenkameras) oder so seriös wie das kleine Schwarze bei der Einsteigerspiegelreflex K-m von Pentax. Die kommt im Kit mit Objektiv für deutlich unter 500 Euro mit APS-C-Sensor, eingebauter und über das Display abrufbarer Bedienungsanleitung und - Männer, haltet euch fest, der Handel ordert schon wie berauscht - auf Wunsch und in begrenzter Auflage mit einem Tragegurt, den Swarovsky-Steinchen glitzernd verzieren.

Hoffentlich kein böses Omen

Mit Motivklingel: Fujifilm Finepix F60fd

Mit Motivklingel: Fujifilm Finepix F60fd

Die Neue von Pentax, wo der Vollformatsensor noch nicht in Sichtweite war, oder das knallrote Sondermodell der Ixus 980 IS, mit dem Canon sage und schreibe hundert Millionen produzierter Digitalkompaktkameras feiert, kann man seiner Liebsten schon unter den Weihnachtsbaum legen. Auf etliches Andere muss noch gewartet werden. Bei Leica ließ man die S2 in der Vitrine bewundern und gab sie ausgewählten Interessenten hinten auf dem Messestand in die Hand: Verglichen mit dem, was Hasselblad, Mamiya oder Sinar uns als „Handkamera“ aufbürden, ist diese neue Mittelformatkamera Made in Germany von geradezu verblüffender Handlichkeit: Wer eine Nikon D3 - die ist tatsächlich größer - stemmt, wird an der S2 nicht scheitern - für etwas mehr als eine Handvoll Euro mehr.

Ihre Entwickler halten jede Wette, dass der Liefertermin „Sommer 2009“ eingehalten werde. Hoffentlich ist es kein böses Omen, dass in diesem Zusammenhang öfter der Name Sigma fiel: Dort wurde eine der DP1 wie aus dem Gesicht geschnitten aussehende DP2 angekündigt: Wir erinnern uns, auf die DP1 hatte man fast von einer zur nächsten Photokina warten müssen. Die DP2 hat ein mit 1:2,8 lichtstärkeres Objektiv von 41mm-Kleinbildbrennweite und soll einen neuen Bildprozessor erhalten. Der und ein größerer Monitor sind auf den ersten Blick auch die Details, die Sigmas Spiegelreflex SD15 vom Vorgängermodell SD14 unterscheiden. Auch die SD15 stand unberührbar in einer Vitrine. Genauso war es mit der Vorstellung, die man bei Olympus von einer Micro-Four-Thirds-Kamera entwickelt hat: An dem elegant braun belederten Muster gefiel, dass es kein Dachkantprisma vortäuscht wie die Lumix G1.

Konkurrenz für das menschliche Auge

Von dem neuen Sensor Super CCD EXR, den Fujifilm in Finepix-Modellen „zukünftig“ verwenden will, gab es nur Prinzipskizzen zu sehen und markige Worte zu hören: Er mache hinsichtlich Schärfe, Empfindlichkeit und Dynamikumfang der „Perfektion des menschlichen Auges Konkurrenz“. Das gelinge durch eine neue Anordnung der Farbfilter, eine Rauschunterdrückung durch Zusammenschalten der Ladungen benachbarter gleichfarbiger Pixel (“Binning“) und verbesserte Signalverarbeitung. Wie bei Kodak, wo der erste dünne, über W-Lan ansteuerbare 7,6-Zoll-OLED-Bilderrahmen (Organic Light Emitting Diode) auffiel, spielt für Fuji alles, was nach der Aufnahme kommt, eine große Rolle: Ausgesprochen schön wirkten Muster des „Fotobuch brillant“, das mit einer Leporello-Bindung des echten Fotopapiers über den Mittenfalz beim Betrachten planliegende Panoramabilder über die gesamte Doppelseite ermöglicht.

Mit der S2000HD hat Fuji nun eine HDTV-fähige Kamera und mit der J150w und der J110w Kompakte mit 28mm-Weitwinkel. Die F-Serie wird mit der F60fd fortgesetzt: Sie analysiert die Aufnahmesituation und stellt selbsttätig ein ihr passend erscheinendes Motivprogramm ein. Das Finepix Real 3D System mit zweiäugiger Kamera und einer eher unnatürlichen Spreizung der Bildtiefe wie bei einem Wackelbild machte auf uns eher den Eindruck einer - ziemlich typisch japanischen - Spielerei.

Wenn die Kamera mit dem HDTV-Fernsehgerät kommuniziert

So ging es uns auch mit einigen Produkten bei Minox: Eine digital fotografierende Gürtelschnalle, ein digital tonfilmender Stift oder eine Brille mit Rückspiegeln schienen eher in die Abteilung „Jux für Privatdetektiv-Darsteller“ zu gehören. Hoffentlich kann die Bildqualität der Minox DSC (nicht wie üblich „Digital Still Camera“, sondern „Digital Spy Camera“) überzeugen. Denn mit ihr knüpft Minox zumindest von Format und Gestaltung der Kamera her deutlich bei den ingeniösen Miniaturen von Walter Zapp an, die diese Marke groß gemacht haben. Das Kamerachen hat einen optischen Sucher; der Monitor fürs Bilderbetrachten und die Menüsteuerung wurden in den ansetzbaren Blitz ausgelagert.

Connectivity: Samsung HZ1

Connectivity: Samsung HZ1

Dass die Entwicklung ganz woanders hingehe, wurde nirgends so heftig betont wie bei Samsung: Nicht mehr der einzelne technische Fortschritt in einem isolierten Produkt stehe im Mittelpunkt, verkündete Sang-Jin Park, Vizepräsident der für Digitalkameras zuständigen Sparte, sondern „ganzheitliche Lösungen“. Darunter versteht man bei Samsung, dass etwa die neue NV100 HD vom Benutzer nach dem Fotografieren ins Dock gesteckt wird. Dort lädt allerdings nicht nur der Kameraakku nach, sondern über „Anynet+“ nehmen das HDTV-Fernsehgerät (natürlich von Samsung) und dessen Fernbedienung Kontakt mit der Kamera auf, um in Ermangelung eines besseren Programms einen gemütlichen digitalen Diaabend zu organisieren.

Dieser Preis ist kein Scherz

Parks Zuhörer fragten sich jedoch, wann wohl der KB-Vollformatsensor von Samsung komme, und nahmen geziemend ergriffen die HZ1 als erste „Ultraweitwinkel-Superzoomkompaktkamera“ (24 bis 240 mm Kleinbildäquivalent) zur Kenntnis. Und sozusagen am Rande wurde vermerkt, dass diese optische Leistung nicht wie bei anderen NVs den guten deutschen Namen Schneider-Kreuznach trägt. Wie übrigens auch auf dem Kit-Objektiv der Lumix G1 nicht Leica steht. Dafür gibt es in beiden Fällen zwei Lesarten. Die eine der beiden kooperierenden Seiten sagt: „Das können wir inzwischen selbst.“ Und die andere deutet höflich an, dass man seinen Namen nicht für die gebotene optische Leistung habe hergeben wollen.

Ein neues Noctilux: Lichtstärke 1:0,95

Ein neues Noctilux: Lichtstärke 1:0,95

Dass Brückenkameras zwischen Spiegelreflexen und ganz Kompakten längst noch nicht verschwunden sind, zeigen etwa die wieder etwas stattlicher gewordene Canon Powershot G10 oder die sehr überzeugende Lumix LX3, die als „die kleine Systemkamera“ Leica D-Lux 4 am Solmser Stand für Furore sorgte. Für Leica-Hardcorefans drehte sich die Photokina allerdings eher um das neue Noctilux-M mit der unglaublichen Lichtstärke 1:0,95 und mit dem ernstgemeinten Preis von 8000 Euro.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller

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