Fernsehformate

Irgendwann ist die Pubertät überstanden

Von Wolfgang Tunze

08. April 2008 Die wichtigste Taste auf der Fernbedienung, sagen notorische Programmnörgler, sei die Taste zum Ausschalten. Stimmt nicht. Für das Fernsehpublikum anno 2008 ist jene Taste am wichtigsten, die für die richtige Einstellung des Bildformats sorgt. Sie nennt sich gern, internationalen Gepflogenheiten folgend, „Aspect“, bleibt im Idealfall ungedrückt, muss aber in den Niederungen des realen Lebens immer mal wieder eingreifen, um die Verhältnisse von Breite und Höhe zurechtzurücken oder schwarze Flächen wegzuklicken, wo sie nicht hingehören.

Die Notwendigkeit zu solcher Nachbesserung ergibt sich aus einer Format-Pubertät, in der sich das Fernsehen heute befindet. Mattscheiben-Motive im klassischen Seitenverhältnis 4:3 wechseln ständig mit solchen, die als Breitbilder im Format 16:9 produziert wurden, und das nicht nur, wenn man von Kanal zu Kanal zappt. Auch von Sendung zu Sendung springt die Darstellung um, und wenn die Privaten Werbeblöcke funken, wird das Chaos perfekt: Mal kommt die Reklame mit schwarzen Flächen auf die Mattscheibe, ein paar Sekunden später wieder formatfüllend. Dies alles nervt, aber es wäre noch auszuhalten, würde der Fernseher immer von allein die richtige Darstellungsart finden. Auf automatische Formatwahl eingestellt, müsste er das eigentlich tun, aber es gibt Konstellationen, die das verhindern. Manche Pannen lassen zum Beispiel schlanke Menschen zu gedrungenen Korpulenzen mutieren oder den Globus im Vorspann der heute-Nachrichten zum horizontalen Osterei. Wir erklären, wie es zur Unordnung der medialen Rechtecke gekommen ist und wie wir den Zustand möglichst gelassen überstehen.

Aus einem runden, luftleeren Glaskolben entwickelt

Historisch betrachtet, hat sich die Bildröhre aus einem runden, luftleeren Glaskolben entwickelt; alle frühen Bildformate waren somit schrittweise Emanzipationen vom runden Kugelabschnitt - der Idealform nach dem Prinzip der Elektronenstrahl-Abtastung. So hatten die ersten echten Fernseh-Mattscheiben noch annähernd quadratische Formen mit stark abgerundeten Ecken und gewölbter Oberfläche. Und als in den fünfziger Jahren die Ära des audiovisuellen Massenmediums begann, legten die Väter der einschlägigen Technik-Standards das Seitenverhältnis von Breite zu Höhe auf 4:3 fest, auf ein Format also, das sich vom Quadrat noch gar nicht so weit entfernt hatte. Erst in den neunziger Jahren ließen sich mit vertretbarem Aufwand breitere Bildröhren bauen, und damit schlug die Geburtsstunde des neuen Formats 16:9. Der Wunsch, das Fernsehbild zu verbreitern, lag eigentlich nahe: Der Kinofilm hatte schon Jahrzehnte zuvor breite Dimensionen angenommen und sich damit viel besser an das menschliche Sichtfeld angepasst. Hollywood-Werke konnten folglich immer nur mit breiten schwarzen Balken auf die Mattscheibe - oder mit stark beschnittenen Bildinhalten am rechten und am linken Rand.

Die modernen Flachbildschirme haben dem 16:9-Format zum Durchbruch verholfen. Neue 4:3-Fernseher gibt es heute nur noch als Kleinkaliber für die Küche. Also wird es für die Sender Zeit, auch in der Produktion und der Ausstrahlung der Programme auf die neue Perspektive zu wechseln. ARD und ZDF haben diesen Schwenk am konsequentesten vollzogen, aber natürlich haben sie, wie alle anderen Sender auch, noch ein riesiges Repertoire an 4:3-Material in ihren Archiven, sowohl elektronische Eigenproduktionen als auch in 4:3 abgetastete Filme. Klassiker wie die frühen James-Bond-Episoden wurden zwar mittlerweile neu in 16:9 abgetastet, aber natürlich wird vieles für immer im alten 4:3-Format bleiben. Private Sender wie ProSieben und RTL beginnen gerade erst, Teile ihrer Programme auf 16:9 umzustellen; für viele kleinere Sender ist das breite Format noch gar kein Thema. Die Werbewirtschaft schwankt: Soll sie in einer 4:3-Programmumgebung schon auf breite Bilder setzen oder doch eher in 4:3 produzieren? Entsprechend gemischt präsentieren sich die Resultate auf der Mattscheibe.

Echte 16:9-Übertragungen gibt es eigentlich gar nicht

Wie sieht der Fernseh-Dualismus nun im Detail aus? Echte 16:9-Übertragungen gibt es eigentlich gar nicht, nur Varianten des klassischen 4:3-Formats, verbunden mit einer digitalen Anweisung an den Fernseher, das Bild breit darzustellen. In der Analog-Welt funkt der Sender einfach ein Letterbox-Bild, also ein 4:3-Format mit einem 16:9-Motiv in der Mitte und schwarzen Balken oben und unten. Der Breitbild-Fernseher zoomt das Bild dann formatfüllend auf, das klassische 4:3-Modell zeigt es in der Balken-Version. Der Nachteil des Verfahrens: Der eigentliche Bildinhalt setzt sich dann nur aus 434 Zeilen zusammen, was für einen großen Breitbild-Flachmann dürre Magerkost ist. Mehr Auflösung bietet die digitale 16:9-Übertragung. Hier geht ein anamorphes, also seitlich gestauchtes Bild mit 720 Bildpunkten mal 576 Zeilen über den Äther, verbunden mit der Anweisung an den Breit-Fernseher, es auf das Raster 1024 mal 576 Pixel zu strecken. So ergibt sich das korrekte 16:9-Format mit immerhin 576 Zeilen - einem besseren Ausgangsmaterial für die weitere Umrechnung auf das noch feinere Raster des Bildschirms. 4:3-Geräte interpretieren diese Übertragungsmethode ebenfalls als Aufforderung zur Balken-Darstellung.

Überträgt der Sender Bilder, die im klassischen Format 4:3 erscheinen sollen, so schickt er auch in diesem Fall eine entsprechende Kennzeichnung mit auf die Reise. Die analoge und die digitale Übertragung unterscheiden sich in diesem Punkt nicht allzu sehr. Allerdings: Ein digitales 4:3-Bild, das eigentlich aus 768 mal 576 Bildpunkten besteht, kommt nur mit 720 horizontalen Bildpunkten, also leicht gestaucht, aus dem Funkhaus; der Fernseher macht zur richtigen Darstellung automatisch die nötige Streck-Übung. Auf einem modernen 16:9-Bildschirm bleiben links und rechts vom 4:3-Bild naturgemäß schwarze Flächen frei. Zwingt man das Gerät mit der „Aspect“-Taste zur formatfüllenden Abbildung (schließlich hat man es ja ganz bezahlt), so ergibt sich eine Verzerrung in die Breite - der Nachrichtensprecher bekommt dicke Backen. Dieser Effekt lässt sich allerdings auch abmildern. Dazu stellt der segensreiche „Aspect“-Knopf durch mehrmaliges Drücken zumeist etliche Kompromisse zur Wahl, nach dem Prinzip: weniger auffällig strecken, dafür oben und unten ein bisschen abschneiden. Oder in der Mitte nur behutsam strecken, an den Seiten dafür stärker.

Die „Aspect“-Taste kann im Zweifelsfall alles richten

Speziellen Handlungsbedarf hat ein breiter Flachfernseher, wenn der Sender ein Letterbox-Motiv, etwa einen Spielfilm mit schwarzen Balken, als 4:3-Bild mit der entsprechenden Kennung ausstrahlt. Folgt der Empfänger der Senderanweisung formatgerecht, so ergibt sich ein Bild mit schwarzen Flächen rechts und links, hinzu kommen die Balken oben und unten, und in der Mitte läuft der Film als Postkarte. Diesen Zustand akzeptiert die Elektronik nicht lange: Sie erkennt die horizontalen Balken und leitet daraus den Befehl ab, das Bild formatfüllend aufzuzoomen. Das dauert allerdings ein paar Sekunden - lästig, aber nicht zu ändern.

Die gesamte Format-Befehlskette wird noch komplizierter, wenn Settop-Boxen für Digitalempfang ins Spiel kommen. Sollen die Bilder stets formatgerecht und unverzerrt auf einem Breitbild-Fernseher erscheinen, so empfehlen wir, den Videoausgang der Box auf das Format 16:9 einzustellen, dem Fernseher aber das Format 4:3 vorzugeben. Schickt der Sender dann Bilder im alten 4:3-Format, erscheinen sie mit korrekten Seitenverhältnissen auf der Bildfläche - mit schwarzen Flächen links und rechts. Kommen Breitbilder, setzen deren digitale Formatanweisungen die 4:3-Voreinstellung des Fernsehers außer Kraft und machen sich flächendeckend breit. Ein kniffliger Sonderfall bleibt in dieser Konstellation: Strahlt der Sender 4:3-Bilder als Letterbox-Motive mit schwarzen Balken aus, so erscheint das eigentliche Bild, wie schon beschrieben, als kleine Postkarte; der automatische Zoom zur formatfüllenden Abbildung funktioniert in diesem Fall nicht. Aber wozu haben wir sie denn, die „Aspect“-Taste? Sie kann im Zweifelsfall alles richten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Tunze