Zauberformel IPTV

Die Zukunft der Flimmerkiste liegt im Internet

Von Wolfgang Tunze

Dank Breitband-Internet kommt das interaktive Fernsehen nach Hause

Dank Breitband-Internet kommt das interaktive Fernsehen nach Hause

05. Juli 2007 Als Leiter für neue Medien beim ZDF hat Robert Amlung berufsbedingten Weitblick. „Irgendwann wird es so weit sein“, prophezeite der Experte auf dem Frühjahrssymposion des Industrie- und Medienforums Deutsche TV-Plattform, „dass alle Daten- und Rundfunknetze das Internetprotokoll als technische Basis verwenden, dass Fernsehen also grundsätzlich IPTV sein wird.“ Fernsehen nur noch nach den Regeln des IP, wie das Internetprotokoll in Kurzform heißt? Web und Pantoffelkino - ein untrennbares Datenuniversum, das auf Tastenklick alles liefert, was das Surferherz begehrt?

Die Zukunftsvision liegt im fortgeschrittenen Digitalzeitalter näher, als es sich so mancher vom analogen Dampf-Fernsehen sozialisierte Zuschauer träumen lässt. Eine digitale Fernsehsendung ist ja nichts weiter als eine auf einem Server schlummernde Datei, die der Programmanbieter in ein vorgegebenes Zeitraster stopft und in dieser Abfolge in ein aus lauter Einbahnstraßen bestehendes Verteilnetz einspeist - ein zunehmend anachronistisches Verfahren ohne Freiheit der Navigation und ohne Suchfunktion.

Brücke zwischen Web und Wohnzimmer

Bis Ende des Jahres soll es in 26 Städten das neue VDSL geben

Bis Ende des Jahres soll es in 26 Städten das neue VDSL geben

Dass es auch anders geht, macht das World Wide Web längst vor. Wer auf sich hält, reichert seine Internetpräsenz heute mit Videofenstern an, in denen Videoclips, Animationen oder veritable Filme in schönster Fernsehauflösung laufen. Dienstleister wie TV1 (www.tv1.de) bieten umfassenden Service für Branchen- und Firmenfernsehen, Event-Übertragungen oder Video-on-Demand-Angebote an - alles für die Darstellung im Internet-Browser. Hobby-Seiten wie www.rip.tv zeigen ein buntes Video-Sammelsurium über Extremsportarten. Youtube verfolgt den Evolutionspfad noch konsequenter - mit Videobeiträgen, die von den Zuschauern selbst stammen.

Längst sind auch die Videotheken ins Internet eingezogen. Eine der größten firmiert als Maxdome und bietet rund 5000 Filme und Fernsehserien zum breitbandigen Download an, gespeist aus den Quellen des Privatsender-Imperiums um Sat.1 und ProSieben. Neuerdings bringt Maxdome diese Abrufprogramme sogar ohne Computer-Umweg direkt auf den Fernseher - mit einer speziellen Settop-Box, die zum Preis von knapp 100 Euro die Brücke zwischen Web und Wohnzimmer schlägt.

Extrem schnelle Glasfaserleitungen

Von vornherein auf den flachen Großbildschirm zielen die jüngsten Projekte der Großbetreiber von Telekommunikationsnetzen, sprich der deutschen Telekom, von Arcor und von Hansenet, auch unter dem Markennamen Alice bekannt. Schon im September 2006 trat die Telekom mit ihrem IPTV-Projekt an die Öffentlichkeit. Nach Führungs- und Strategiequerelen an der Konzernspitze lag das Vorhaben zwar eine Weile auf Eis; dennoch ist es derzeit die technisch und inhaltlich anspruchsvollste Initiative, gut geeignet, um exemplarisch darzustellen, wie die Sache funktioniert.

Das Telekom-Angebot - von der Internationalen Funkausstellung Anfang September an nimmt es voraussichtlich unter dem neuen Namen „Entertain“ einen zweiten Vermarktungsanlauf - ist an die Verfügbarkeit schneller DSL-Anschlüsse gebunden. Das können zum Beispiel Datenleitungen vom Typ ADSL2+ sein, die Download-Geschwindigkeiten bis 16 Megabit je Sekunde erreichen: genug Bandbreite also, um mehrere Programme in Standardauflösung parallel empfangen und gleichzeitig noch im Internet surfen oder telefonieren zu können. Noch besser eignet sich die jüngste Infrastruktur-Variante, VDSL genannt. Hier reichen extrem schnelle Glasfaserleitungen bis zu Verteilerkästen in unmittelbarer Nähe der Wohnungen.

VDSL bald in 26 Städten

Die klassischen zweiadrigen Kupferstrippen, die von dort bis an die Telefondosen führen, sind folglich so kurz, dass sie Bandbreiten bis 50 Megabit je Sekunde verkraften. Ein solches Datenaufkommen reicht locker für den Konsum von High-Definition-Filmen und gleichzeitig für superschnelles Surfen und für alles, was man sonst noch im Internet treiben kann. Entsprechend sehen die Tarifmodelle aus: Sie bündeln Dienstleistungspakete wie Fernsehen, Surfen und Telefonieren zu sogenanntem Triple Play, wie die Marketing-Zauberformel der Telekommunikationsbranche heute heißt.

Was darf's denn sein: IPTV-Anbieter wie Arcor bieten Filme und Fernsehen

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Bisher hat die Telekom zehn Städte mit VDSL-Anschlüssen ausgerüstet, bis Ende dieses Jahres sollen schon 26 Städte in den Genuss dieser Infrastruktur kommen. Mit ADSL2 und VDSL zusammen will der Konzern noch in diesem Jahr rund 17 Millionen Haushalte erreichen.

Empfangsgerät mit 80 Gigabyte Festplatte

Das in verschiedene Abo-Pakete verpackte IPTV-Repertoire des Hauses umfasst die üblichen öffentlichen und privaten Fernsehsender, Abo-Programme wie Premiere und das mit Bundesliga-Übertragungen lockende Arena sowie die derzeit in Deutschland verfügbaren HDTV-Programme und natürlich Video-on-Demand, also eine Download-Videothek mit etwa 1300 Filmen. Hinzu kommen noch 58 Filmtitel in High-Definition-Auflösung. Für den Video-Download zahlt man über die monatlichen Paketgebühren hinaus extra, zwischen 1 und 5 Euro je nach Aktualität des Films.

Wahre Medienrevolution: “joost“ von Skype-Erfinder Niklas Zennström

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Zu diesem Preis erwirbt man das Recht, den Wunschtitel innerhalb von 24 Stunden anzuschauen. Als Empfangsgerät dient eine Settop-Box mit einer 80 Gigabyte großen Festplatte für zeitversetztes Fernsehen. Sie schlägt einmalig mit 100 Euro zu Buche. Leider verweigert sie den Mitschnitt aller Pay-TV-und HDTV-Programme. Die bewegten Bilder sind nach dem Standard H.264 kodiert, einer effizienten Kompressionsmethode, die auch für HDTV-Ausstrahlungen verwendet wird. Mehrkanalton gibt es, wie üblich, in Dolby Digital.

Weniger opulente Angebote

Die Bildqualität der Telekom-Angebote fanden wir überzeugend; sie steht Satellitenübertragungen kaum nach. Gefallen hat uns auch, wie zügig das Zappen zwischen den Kanälen funktioniert. Auch auf zeitgemäßen Komfort wie einen elektronischen Programmführer oder Bild-im-Bild-Funktionen muss man hier nicht verzichten. Zwar monieren erste Testberichte gewisse Schwächen der Empfangshardware - etwa zu schwache Netzteile und Probleme mit der ohnehin als heikel bekannten digitalen Schnittstelle HDMI. Doch solche Kinderkrankheiten sollte man derzeit noch nicht überbewerten.

Beim Peer-to-Peer Programm “Joost“ sind Sender und Sponsoren an Bord

Beim Peer-to-Peer Programm "Joost" sind Sender und Sponsoren an Bord

Die Angebote von Arcor und Hansenet sind dem Telekom-Projekt grundsätzlich ähnlich, allerdings weniger opulent. Arcor etwa beschränkt sich vorerst auf einen Zuschauerkreis von 500 Pilotkunden in Kassel, und High-Definition-Filme gibt es dort bislang nur in der Video-on-Demand-Abteilung. IPTV von Hansenet kann man immerhin schon in Hamburg, Lübeck, Berlin und in sechs Städten in Mecklenburg-Vorpommern empfangen, allerdings ganz ohne Hochzeilen-Angebote und mit einer bescheideneren, zunächst nur rund 700 Titel umfassenden elektronischen Videothek. Dafür entfallen Extrakosten für die Settop-Box; ihr Mietpreis ist in den regelmäßigen Paketgebühren enthalten.

Graswurzel-Revolution mit Coca-Cola

Ob diese Modelle schon die Zukunft sind, von der ZDF-Mann Amlung träumt? Zumindest nicht allein, denn auch außerhalb dieser neuen Verteilwege laufen interessante Initiativen. Einige kommen von den Sendern selbst: RTL zum Beispiel stellt auf seiner Website www.rtl-now.de Filme und Serien-Dauerbrenner zum Download bereit, die ARD hat sich gerade erst dazu bekannt, künftig immer mehr Sendungen nach der regulären Ausstrahlung ins Portal www.ard.de zu stellen.

Vielleicht kommt die wahre Medienrevolution aber auch aus den Gefilden kreativer Internet-Guerrilleros, etwa der Erfinder des Internet-Telefons Skype: Sie kurbeln derzeit gerade ein Joost genanntes Projekt an, das nach dem Prinzip der Peer-to-Peer-Tauschbörsen Video- und Fernsehprogramme aus aller Welt kostenlos verfügbar macht - getreu dem Prinzip, das Beste aus Internet und Fernsehen zu verbinden (www.joost.com). Dies alles könnte man als Kinderei der üblichen Internet-Dauerpubertierer ansehen - wären nicht erwachsene Medienkonzerne wie Warner und potente Werbekunden wie Coca-Cola schon mit im Boot. Eines jedenfalls dürften solche Graswurzel-Ideen erfolgreich vermeiden: digitale Langeweile.

Was der IPTV-Spaß heute kostet

Ähnlich wie beim Kabelnetz zahlt man auch für den Transport von Fernsehprogrammen und Videos monatliche Gebühren, die zu den Kosten für den Breitband-Anschluss, fürs Telefonieren und für das Internet hinzukommen. Das Komplettpaket aus VDSL-Anschluss, Flatrate für Surfen und Telefonieren und IPTV heißt bei der Telekom T-Home Complete Plus und ist für stolze 84,95 Euro monatlich zu haben. Allerdings sind mit dem geplanten Neustart zur Internationalen Funkausstellung im September auch veränderte Tarife zu erwarten.

Hansenet-Kunden können Alice Home TV empfangen, wenn sie mit dem Netzbetreiber einen Vertrag über eine Kombination von Internet- und Telefon-Dienstleistungen abgeschlossen haben (14,90 bis 64,90 Euro). Der Medien-Service kostet dann zusätzlich 9,90 Euro im Monat. Für das Abo-Paket „Big Entertainment“ sind weitere 14,90 Euro fällig, für das türkische Fremdsprachenpaket „Türk Premium“ verlangt Alice 22,90 Euro je Monat. Arcor berechnet, zusätzlich zu den Kosten für DSL-Anschluss und Kommunikationsdienstleistungen, 12,95 Euro je Monat für das Basispaket seines Medienangebots. Für Premium-Pakete mit Sport, Unterhaltung oder fremdsprachigen Sendern verlangt der Netzbetreiber monatliche Extragebühren ab 5,59 Euro.

Text: F.A.Z., 03.07.2007, Nr. 151 / Seite T1
Bildmaterial: Andreas Müller, AP, Arcor

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