IFA 2006

Die Fernseher werden auch immer kleiner

Von Harald Staun

06. September 2006 Der Elektronikkonzern Toshiba hat sich für die Besucher der Internationalen Funkausstellung dieses Jahr etwas Besonderes einfallen lassen: Um den überforderten Gästen die Orientierung im Chaos der 1049 Aussteller zu erleichtern, liegt am Stand in Halle 21 ein kleiner „IFA-Pocket-Guide“ aus, ein „Wegweiser zu den wichtigsten Ausstellern zum Thema Heimkino“. Die Broschüre gewährleistet die Übersichtlichkeit vor allem, indem sie darauf verzichtet, das Angebot der Konkurrenz aufzulisten. Die wichtigsten Aussteller heißen demnach einfach: Toshiba.

Womöglich würde sich der ein oder andere Besucher angesichts der unüberschaubaren Auswahl einen derart planwirtschaftlichen Markt wünschen. Vor allem das Überthema „Flachbildschirme“ weckt mittlerweile auch in solchen Kundenkreisen Interesse, die sich nicht begeistert mit den physikalischen Eigenschaften von Flüssigkristallen beschäftigen und die der Entscheidung „progressiv oder interlaced?“ mit maximaler Gleichgültigkeit gegenüberstehen. Sie hätten halt gerne ein Gerät, das funktioniert. Gerade im Bereich der visuellen Unterhaltungselektronik geht es darum allerdings zuletzt. Dort zählt, was rationale Konsumenten kaltläßt: daß es gut aussieht.

Durch PAL-Technik konditioniert

Dies allerdings ist gar nicht so leicht zu erkennen. Wer jahrzehntelang durch die PAL-Technik konditioniert wurde, kann angesichts der neuen Brillanz-Wunder seinen Augen nicht mehr trauen. Die Metapher von der Flimmerkiste kann sich um die Aufnahme ins Lexikon der aussterbenden Wörter bewerben. Ob man aber sein Geld in LCD- oder Plasmabildschirme investieren sollte, in Pioneers „Pure Black und Direct Colour Filter“-Technologie, in Samsungs „Filter Bright Plus“-System, in Toshibas „Pixel PROcessing III+“ oder in ein „Ambilight“-Gerät von Philips?

Immerhin: Nicht nur fleißige Leser aktueller Testberichte wissen, daß irgendwo auf dem Gerät die Buchstaben „HD“ stehen sollten. Wobei die Chiffre „HD ready“, mit der Hersteller die hochauflösende Fernsehzukunft in Aussicht stellen, schon seit einiger Zeit darauf schließen ließ, daß man mit den Apparaten zwar für die Zukunft gerüstet, aber nicht unbedingt schon in ihr angekommen ist: „Da kommt noch was“ war die versteckte Botschaft des Slogans, und tatsächlich haben die Entwickler mit dem neuen Standard „Full HD“ noch einen draufgesetzt.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob man seine „Röhre“ zugunsten eines modernen Bewegtbilderrahmens ausrangieren sollte, sondern: Wann? Das Problem ist, daß auch für die klassische Unterhaltungselektronik ein Art abgeschwächte Version des Moorschen Gesetzes gilt, das bekanntlich besagt, daß sich alle 24 Monate die Zahl der Transistoren auf einem Prozessor verdoppelt und die Kosten sinken. In anderen Worten: Um sich ein High-End-Gerät zu kaufen, ist es immer zu früh. Und dennoch scheint sich momentan ein kleines historisches Zeitfenster aufzutun, zwischen Fußball-WM und Mehrwertsteuererhöhung. Wer seinen teuren Bildschirm in erster Linie mit den Programmen der Free-TV-Sender bespielen will, sollte sich allerdings noch etwas gedulden: Die ARD macht auch auf der IFA deutlich, daß sie vor 2008 nicht daran denkt, HDTV-Programme auszustrahlen, das ZDF hat die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking als möglichen Einstiegstermin genannt. Lediglich Pro Sieben und Sat.1 bieten ihren Zuschauern bereits HDTV-Häppchen an.

Fernsehen im Handy-Format

Paradoxerweise werden Fernseher aber nicht nur größer und besser: Sie werden auch immer kleiner. Das übliche Format, im Bereich einer Bildschirmdiagonale von 55 Zentimetern, scheint sich im nachhinein als fauler Kompromiß herauszustellen. Mobile Handheld-Bildschirme und Handy-TV propagieren das Fernsehen zum Mitnehmen. Die Frage, ob es dafür eine Nachfrage gibt, ist schon deshalb bisher kaum zu beantworten, weil das Angebot noch eher dürftig ist. Zwar experimentieren Sender und Telekommunikationsunternehmen in Pilotprojekten mit den konkurrierenden Standards DVB-H und DMB, und mit Samsung und LG zeigen zwei Unternehmen empfangsbereite Handys. Aber es wird noch dauern, bis nicht nur die flächendeckende Ausstrahlung der Programme möglich wird, sondern auch bis sich die Branche über Vermarktung und Gebührenmodelle einig ist.

Womöglich kommt alles ganz anders: In Anbetracht der Popularität von „Public Viewing“ kann man vielleicht auf das eigene Fernsehgerät schon bald ganz verzichten. Dem öffentlichen Diskurs könnte es nicht schaden, sich auch zur „Tagesschau“ oder zum „Tatort“ in der Kneipe zu treffen. Im Technikforum TWF auf der IFA zeigt das Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik ein Projektionssystem für Großbildformate, das selbst das beeindruckendste Home-Cinema-Erlebnis in den Schatten stellt. Auf einer gekrümmten Riesenleinwand zeigt das Institut Szenen aus einem Fußballspiel - und zwar den Platz samt Tribünen. Nie hat man sich tatsächlich so gefühlt, wie es der Slogan des Senders DSF schon lange suggeriert: „Mittendrin statt nur dabei.“

Noch eine andere Version der „Zukunft des Fernsehens“ ist auf der IFA zu besichtigen: Am Stand von Philips stehen Prototypen eines 3D-Fernsehers. Schon heute sieht das System so aus, als würde es das Schicksal der 3D-Kinos teilen und schnell zur billigen Jahrmarktattraktion verkommen. Wer sich trotzdem ein solches Gerät anschaffen will, sollte noch ein bis zwei Mehrwertsteuererhöhungen abwarten.



Text: F.A.Z., 06.09.2006, Nr. 207 / Seite 44
Bildmaterial: AP, Hersteller

 
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