
Wer eine Bridgekamera wählt, will für alle Fälle immer eine komplette Fotoausrüstung bei sich haben, will keine Objektive wechseln und sich keine Gedanken um Staub auf dem Sensor machen müssen. Ein Objektiv, das von der Weitwinkel-Brennweite bis zum langen Tele reicht, wiegt. Ziemlich frontlastig wie eine Spiegelreflex mit Teleobjektiv, das war der erste Eindruck von der Finepix S200EXR. Und genau den will diese Kamera ja auch erzielen.
Betriebsbereite 875 Gramm haben ihren Schwerpunkt weit vorn in dem mit optischer Bildstabilisierung arbeitenden 14,3fachen Zoom-Objektiv zum Drehen (1:2,8-5,3/30,5-436 mm Kleinbildäquivalent). Die krummen Brennweiten kommen dadurch zustande, dass es sich um das gleiche Fujinon wie in der S100FS handelt, dass aber der EXR-Sensor der S200 etwas kleiner (1/1,6 statt 2/3 Zoll) ist: Die tatsächlich nicht geänderten Brennweiten werden rechnerisch etwas länger als die üblicheren 28 bis 400 Millimeter. Wer auf Anhieb einem Foto ansieht, dass es mit 30,5 statt 28 Millimeter Brennweite gemacht wurde, kann sich wahrscheinlich bei „Wetten, dass...?” melden. In einem Punkt ist aber ein Unterschied auszumachen: Die heftigen Farbsäume, die bei der S100FS eine Nachbearbeitung der Bilder geradezu obligatorisch machten, sind nicht auf Anhieb zu entdecken.
Voll-, Programm-, Zeit- und Blendenautomatik sowie vollmanuelle Einstellung
Außer einem bescheidenen, nicht näher betrachteten Videomodus (640 × 480 oder 320 × 240 Bildpunkte bei 30 Bilder je Sekunde mit Mono-Ton) und zwei Speicherplätzen für benutzerspezifische Konfigurationen bietet das Betriebsartenwahlrad außer dem Üblichen einige Besonderheiten: Voll-, Programm-, Zeit- und Blendenautomatik sowie vollmanuelle Einstellung, das kann alles nicht überraschen. Unter SP verbergen sich zum einen die Motivprogramme und zum anderen Spezialitäten wie der Pro-Focus- und der Pro-Low-Light-Modus und die schon von früheren Finepix-Modellen bekannten N-Modi für die Erhaltung der Lichtstimmung mit und ohne Blitz.
Pro Focus: Da steht das Pro für Profi. Der macht die Blende weit auf und wählt eine lange Brennweite, wenn er etwa ein Porträt scharf vor unscharfem Hintergrund zeigen will. Diese selektive Schärfe ist mit jeder Spiegelreflex der Einsteigerklasse wegen des größeren Sensors besser zu erzielen. Weil diese physikalische Gegebenheit immer wieder als Argument für die Kameraklasse angeführt wurde, muss die S200EXR das nun auch können, wenn sie in der Spiegelreflex-Liga antritt. Sie macht sehr aufwendig mehrere Bilder hintereinander und rechnet sie zusammen: Das funktioniert manchmal ganz gut und manchmal gar nicht, was die Kamera dann auch meldet. Gelegentlich führt es zu absurden Ergebnissen wie einem exakt zur Hälfte weichgezeichneten Bild. Muss eine Kamera das können?
Die Automatik kann das viel besser
Mehrere Aufnahmen macht die S200EXR auch im FSB-Modus wie Film-Simulationsserie. Filmhersteller Fuji gibt den unterschiedlichen Farbeinstellungen Namen von bekanntem Analogmaterial wie Provia oder Velvia. Je nach Motiv erscheinen die auch manuell modifizierbaren Unterschiede nicht so gewaltig. Auch das können andere knapp unter 500 Euro kostende Kameras eher besser. Die weitaus interessanteste Betriebsart der Kamera ist der EXR-Auto-Modus, eine Belichtungsautomatik, von der die Möglichkeiten des 12-Megapixel-Sensors zum Zusammenschalten von Pixeln in Verbindung mit motivorientierten Einstellungen ausgereizt werden. Auch diese Optimierung in den Richtungen höherer Dynamikumfang, Rauscharmut oder „knackige, klare Aufnahmen” von bestem Detailreichtum kann man manuell vornehmen. Aber die Automatik kann das viel besser. Die Ergebnisse überzeugen durch die Bildqualität genauso wie durch die Mühelosigkeit, mit der sie erreicht werden.
Man könnte noch eine ganze Reihe weiterer Funktionen und Qualitäten (Raw- und Jpeg-Aufnahmen gleichzeitig, bis ISO 12 800 reichende Empfindlichkeit, bei allerdings reduzierter Bildgröße, sehr gute Blitzsteuerung, SDHC-Speicherkarte) aufzählen. Keine Frage, die Finepix S200EXR ist eine Bridgekamera der Spitzenklasse. Dass ihr Monitor (6,9 Zentimeter Diagonale) nicht beweglich wie bei der S100FS ist und nur 230.000 Bildpunkte hat, dass die Autofokus-Geschwindigkeit nicht an die einer Spiegelreflex herankommt, dass auch das Einschalten einen Moment länger dauert, mag bemängelt werden. Sie kann mit dem summenden Gezirpe in ihrem Innern regelrecht nerven, gerade wenn man den elektronischen Sucher (200 000 Bildpunkte) am Auge hat.
Das Dilemma der S200EXR ist das ihres Bautyps in einer Zeit, in der Stichwort: Micro Four Thirds größere Prozessoren in die Kompaktklasse einziehen: Obwohl sie so aussieht und auch so in der Hand liegt wie eine Spiegelreflex, schlägt sie zu diesen konstruktiv anderen Kameras nur die Brücke. Mit ihnen muss sie sich vergleichen lassen, sie hätte aber verdient, um ihrer eigenen Qualität der der Bilder nämlich willen geschätzt zu werden.
F.A.Z.
Hans-Heinrich Pardey