Digitalfotografie

Eine Kamera zum Glücklichwerden

Von Michael Spehr

Objekt der Begierde: Nikon D200

Objekt der Begierde: Nikon D200

16. Januar 2006 Viele ambitionierte Fotofreunde bangten vor Weihnachten: Würde die neue D200 von Nikon noch rechtzeitig in den Handel kommen? Nur wenige dürfen sich bislang zu stolzen Besitzern dieser digitalen Spiegelreflexkamera zählen. Bis heute ist die Nachfrage deutlich größer als das Angebot. Kein Wunder, setzt doch die D200 neue Maßstäbe bei den semiprofessionellen Apparaten. Zehn Millionen Pixel, robustes und mit Gummidichtungen gegen Staub und Spritzwasser geschütztes Magnesiumgehäuse, riesiger Sechszentimeter-Monitor mit 230000 Pixel und ein großes Statusdisplay auf der Oberseite. Und dazu der Preis: Mit 1700 Euro ist die D200 halb so teuer wie die vergleichbare Canon EOS 5D, die allerdings einen Vollformatsensor bietet, während die 200D ein CCD mit 24x16 Millimeter nutzt. Das ergibt, flapsig ausgedrückt, eine "Brennweitenverlängerung" um den Faktor 1,5.

Wer mit dieser kleinen Einschränkung leben kann, erhält mit der D200 ein phantastisches Arbeitsgerät mit hohem Tempo und unglaublich vielen Möglichkeiten der Individualisierung. Die Nikon liegt wunderbar in der Hand, und unsere Befürchtung, daß sie mit einem Gewicht von etwas mehr als 800 Gramm (nur für das Gehäuse) für den Freizeitausflug zu schwer sei, bestätigte sich nicht. Der große Monitor ist vor allem im Vergleich mit der D70 ein Pluspunkt, auf den man nicht mehr verzichten möchte, und bei der Bedienung ruft man deutlich schneller die wichtigsten Funktionen auf. Die drei Tasten auf dem linken oberen Drehsteller zur Einstellung von Bildgröße, Weißabgleich und Empfindlichkeit sind ein Gewinn. Mit dem Drehrädchen darunter wählt man zwischen Einzel- und Serienbild, wobei es einen langsamen und schnellen Serienbildmodus mit bis zu fünf Aufnahmen je Sekunde gibt.

Bildauflösung in drei Stufen

Die Bildauflösung läßt sich in drei Stufen zwischen 2,5 und 10 Megapixel einstellen, ferner die Bildqualität in drei JPG-Komprimierungsstufen, und natürlich gibt es die Möglichkeit, die Rohdaten im Nikon-Format NEF zu sichern sowie gleichzeitig mit NEF und JPG zu arbeiten. Leider gehört die Software Nikon Capture für die Bearbeitung der NEF-Dateien nicht zum Lieferumfang. Sie kostet 180 Euro und erlaubt es, nachträglich viele Bildparameter zu verändern, etwa die Belichtungszeit oder den Weißabgleich. Das hört sich nach Zauberei an, funktioniert indes mit beachtlichen Resultaten. Obwohl bereits sechs oder acht Megapixel den "normalen" Nutzer schon mehr als zufriedenstellen, ist der Detailreichtum von Aufnahmen in der höchsten Auflösung beeindruckend. In Details "hineinzoomen" und einen neuen Ausschnitt wählen - das macht Spaß. Nur sehr selten waren die gefürchteten lila Farbsäume zu beobachten, die bei allen pixelstarken Kameras auftreten.

Der Autofokus ist rasend schnell und präzise. Elf einzeln ansteuerbare Meßfelder lassen sich in sieben Gruppen zusammenfassen, und es gibt natürlich das bewährte Hilfslicht, das viel dezenter arbeitet als die bei der Konkurrenz übliche Blitzsalve. Man kann selbst einstellen, ob die Kamera bei Autofokus und Auslösung ihre Priorität auf die Scharfstellung oder eine schnelle Bildfolge legen soll. Die Empfindlichkeit reicht von ISO 100 bis 1600, über eine Sonderfunktion sogar bis ISO 3200. Dazu kommt eine Rauschunterdrückung, die sich bei ISO 800 automatisch einschaltet. Was das Rauschverhalten betrifft, ist die D200 der EOS 5D ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen.

Wochenlanges Blättern im Handbuch

Geht es um die Ausstattung, wird der Besitzer zunächst wochenlang in dem viel zu knapp gehaltenen 200-Seiten-Handbuch blättern, um alle Details zu erforschen. Innovativ unter anderem die Funktion, die zuletzt getätigten Einstellungen noch einmal aufzurufen, und ein Programm, das den Zustand des Akkus beurteilt - nicht nur den Ladestand, sondern auch seinen Verschleiß. Das Verhalten der Drehrädchen läßt sich programmieren, man kann sogar das Verhalten der Tasten individuell festlegen. Eher ein Gimmick ist hingegen die Option, aus zehn einzelnen Aufnahmen ein neues Bild via Überlagerung zu erstellen. Motivprogramme für Strand, Sonne, Berge und mehr fehlen. Allerdings lassen sich vier Profile individuell festlegen und speichern. So bastelt sich jeder sein eigenes Motivprogramm. Uns fehlte aber ein Rundum-Sorglos-Programm, bei dem der Blitz unter widrigen Bedingungen automatisch zuschalten würde.

"Die beste digitale Spiegelreflex aller Zeiten", schrieb eine kleine Fachzeitschrift zur D200. Das ist natürlich Unfug, wenn man an künftige Entwicklungen und aktuelle Geräte aus der Profiklasse denkt. Für uns ist die D200 in ihrer Preisklasse der Top-Favorit. Wer sich für diese Kamera entscheidet, ist fast in der Welt der Profi-Fotografie angekommen und wird mit ihr jahrelang schöne Stunden der Zufriedenheit und gelungener Aufnahmen erleben.

Text: F.A.Z., 17.01.2006, Nr. 14 / Seite T2

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