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Home > Computer >, 30. Okt. 2009

Lomo LC-A+
Für eine Spielzeugkamera ist sie viel zu gut

Es ist das Jahr, in dem Ende Januar Apple einen aufregenden persönlichen Computer mit einem drolligen Namen präsentiert, den Macintosh. Deutsche Autofahrer müssen seit August dieses Jahres Sicherheitsgurte anlegen. Und im Dezember des Jahres tötet im indischen Bhopal eine Giftgaswolke Tausende. 1984, das „Orwell-Jahr” - ein Vierteljahrhundert ist es her: In Leningrad, dem vormaligen und heutigen St. Petersburg, bringt das damals rund 35.000 Mitarbeiter zählende Unternehmen Leningradskoje Optiko Mechanitscheskoje Objedinenije (LOMO wie Leningrader opto-mechanische Werke) eine Kleinbildkamera aus schwarzem Kunststoff heraus, die in versimpelter Form eine starke Ähnlichkeit mit der hierzulande beispielsweise von Photo Porst vertriebenen japanischen Cosina CX-1/-2 hat: die Lomo Compact Automat, kurz LC-A.

Die - bei genauerem Hinsehen doch etwas mehr als zigarettenschachtelgroße - Kamera folgt formal der Linie, die nach der legendären Rollei 35 (1966) von Kameras wie der bis 2002 in Varianten gebauten Minox 35 (1974) oder der Olympus XA (1979) bereits in den siebziger Jahren, aber auch noch zu Beginn der Achtziger von Balda und Voigtländer mit der Vito C verfolgt worden ist: ein Gehäuse in den Maßen, wie sie von einer Filmpatrone, der Aufwickelspule und dem dazwischen liegenden Bildfenster von 24 × 36 Millimeter vorgegeben werden, ein versenktes lichtstarkes Objektiv mit viel Tiefenschärfe, Belichtungsautomatik. Während die superkompakten Kameras aus Deutschland und Japan sich bis zum Aufkommen des Autofokus' großer Beliebtheit erfreuen, wird die Lomo LC-A zunächst im Westen kaum zur Kenntnis genommen.

Deutliche Vignettierung, wolkige Unschärfe und teilweise heftig gesteigerte Buntheit

Ihre eigentliche Karriere startete sie erst nach der Perestroika: 1991 entdecken Wiener Studenten in Prag antiquarische Exemplare der LC-A und lernen beim flotten Knipsen ihre nicht gerade berühmte Bildqualität als besondere ästhetische Qualität zu schätzen: deutliche Vignettierung, wolkige Unschärfe und teilweise heftig gesteigerte Buntheit der Bilder durch überhöhten Kontrast. Ein Jahr später machen der Jurist Wolfgang Stranzinger und der Wirtschaftswissenschaftler Matthias Fiegl den Spaß zur Mode und gründen die „Lomographic Society International”. Große Ausstellungen mit Wänden voll Schnappschüssen verbreiten die Botschaft vom spontanen Fotografieren - der Lomographie.

Spätestens hier beginnt die Legende, gemeint: ein stetig wiederholtes Gemenge aus Fakten und kaum Belegbarem. Erzählt wird zum Beispiel häufig, Lomo - heute mit noch rund 8500 Mitarbeitern Russlands größtes opto-elektronisches Unternehmen (Mikroskope, Teleskope, Nachtsichtgeräte) - habe die LC-A als Spionagekamera für den KGB entwickelt. Völlig unglaubwürdig: Mit dem Nachbau der Minolta 16 hatte man längst Unauffälligeres vom Hersteller Arsenal in Kiew, wo mit der Kiev 35 eine 1:1-Kopie der Minox 35 ausdrücklich als Amateurkamera gebaut wurde.

Am bequemsten ist sie im Internet zu bestellen

Faktum ist: Auch heute noch, Jahre nachdem die Russen keine Kameras mehr bauen, kann man eine fabrikneue Lomo kaufen. Am bequemsten ist sie im zu bestellen oder in einer „Lomographischen Botschaft” zu beziehen. Sie kostet 250 Euro und heißt Lomo LC-A+. Für 30 Euro Aufpreis gibt es eine LC-A+ RL und für mehr als 300 Euro Sammlermodelle mit Jubiläumsaufdruck. Hergestellt werden diese Kameras von Chinas führendem Optikhersteller Jiangxi Phenix Optical Instrument Company. Bis auf das, was das aufpreispflichtige RL bedeutet: Russische Linse. Dass sie einen Mehrpreis verursacht, hat einen kuriosen Grund: Das baugleiche Objektiv Minitar 1 1:2,8/32mm der Chinesen ist richtig eingefleischten Lomo-Fans offenbar zu gut: „Keine Vignettierung mit meiner LC-A+” - so tönt eine Reklamation im Internet.

Ganz ähnlich ist der auf zwei Urlaubsreisen erhobene Befund: Die simple Kamera mit ihrer Programmautomatik macht unkünstlerisch ordentliche Bilder - entschieden bessere als eine Kleinbild-Einwegkamera, von Spielzeugkameras wie der Diana oder Holga ganz zu schweigen. Freilich trennen Lichtjahre die Bilder einer Olympus XA, die man vielleicht für einen Fünfziger gut erhalten bekommen kann, von den Ergebnissen der LC-A+. Aber bei der geht es schließlich um den Spaß des Schnellvielknipsen.

Und das ist ganz einfach: Der Schieber unter dem Objektiv lässt die Abdeckung vor Sucher und Frontlinse verschwinden, die Entfernung wird grob abgeschätzt mit dem Rasthebelchen links eingestellt, schon kann man abdrücken. Das geht wirklich schneller als bei mancher Digitalen. Den Blendenhebel der Ur-LC-A auf der rechten Seite des Objektivs gibt es nicht mehr. Eine rote Leuchtdiode im Sucher signalisiert Schussbereitschaft, zwei warnen vor Langzeitbelichtung, die dann aber ungerührt ausgeführt wird - manchmal eher minuten- als sekundenlang. Das Pluszeichen steht für den Hebel, um den Verschluss für Doppelbelichtungen ohne Filmtransport zu spannen, und ein Drahtauslöser-Gewinde. Drahtauslöser? Da merkt man, wie die Zeit vergeht: Am heftigsten wird heute - nix: „The Future is analogue” - mit dem iPhone lomographiert.

F.A.Z.
Hans-Heinrich Pardey


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