Von Gerold Lingnau
18. August 2008 High End - das obere Ende: Noch ein überflüssiges englisches Lehnwort oder was? Musikliebhaber und HiFi-Freunde wissen mehr mit den sieben Buchstaben anzufangen. Für sie bedeutet High End den Adelstitel in der Welt der Tonträger und ihrer Wiedergabegeräte. Er steht für eine Reproduktion von Klangereignissen, die stets das Optimum im Visier hat und nicht durch Kompromisse verwässert ist. High End ist somit Anspruch, Ziel und im besten Fall perfektes Ergebnis, ein ebenso selbstbewusster Begriff wie Haute Cuisine oder Haute Couture - und ähnlich verschwommen, denn an objektiven Kriterien allein lässt er sich nicht messen. Es gibt kein Etikett dafür, das auf dem Karton prangen könnte wie die Note für Energieeffizienz beim Kühlschrank.
Auch die Geräte-Bestenlisten der HiFi-Fachzeitschriften sind selbst in den selteneren Fällen, in denen sie einer Meinung sind, keine endgültige Hilfe bei der Auswahl. Für den suchenden Genießer ist High End ein Kosmos ohne feste Ausdehnung, der sich am besten durch Erfahrung erschließt. Man tastet sich hinein, wie man sich etwa seine Bibliothek aufbaut: nicht indem man zehn laufende Meter Bücher auf einmal kauft, sondern indem man anfängt, vermehrt, ordnet, verbessert, Favoriten findet, sich mitunter auch wieder von etwas trennt. So kann der Weg zum High End durchaus Jahre dauern und zu immer neuen Etappen des Klang-Glücks führen.
Kann ein preisgünstiger Verstärker niemals High End sein?
Versuchen wir trotzdem, High End zu definieren. Da denkt man zunächst an den Preis. Gehört zum Beispiel ein teurer Verstärker grundsätzlich zum High End? Er hat es zumindest leichter, diesem Anspruch zu genügen. Kann umgekehrt ein preisgünstiger Verstärker niemals High End sein? Nein, er kann sehr wohl, wenn es seinen Entwicklern gelungen ist, Qualität und Aufwand ins rechte Verhältnis zu setzen. In der HiFi-Branche ist es wie überall: Ein hoher Listenpreis spiegelt überdurchschnittliche technische Anstrengungen des Herstellers, doch er ist zum guten Teil auch das Entgelt für einen renommierten Markennamen, das allenfalls Prestige einbringt oder sich, unsicher genug, bei einem Wiederverkauf auszahlt.
Entscheidend ist die Relation zwischen Klang und Preis, und die kann bei 500 Euro ebenso stimmen wie bei 5000 - mit der Einschränkung, dass von einem imaginären Optimum vielleicht nur 88 statt 95 Prozent erreicht werden. Keinesfalls wird sich das 5000-Euro-Gerät zehnmal besser anhören, auch deswegen, weil es dafür keine Maßeinheit gibt. Und der 500-Euro-Verstärker kann, wenn er ambitioniert genug ist und das Durchschnittsniveau deutlich hinter sich gelassen hat, in seiner Klasse ebenso High End sein wie der teure in seiner.
Röhrenverstärker sind oft aufwendiger
Wenn es also nicht allein auf den Preis ankommt, worauf dann? Die verwendete Technik kann auch nur einen ersten Hinweis geben. Röhrenverstärker sind oft aufwendiger als ihre Transistor-Konkurrenten, doch in beiden Lagern wird High End produziert. Das gilt ebenso zum Beispiel für Elektrostaten-Lautsprecher im Vergleich zu Boxen üblicher Bauart oder für die analoge Schallplattenwiedergabe als Widerpart zu den Abspielgeräten der digitalen Medien CD oder SACD. Entscheidend sind letztlich der Wille und das Können der Entwickler, aus den jeweiligen Bauprinzipien das Beste herauszuholen. Auch die Größe eines Unternehmens und die Zahl seiner Beschäftigten sind kein Maßstab. Einzelkämpfer können genauso erfolgreich High End hervorbringen wie vielköpfige Technikerstäbe.
Ebenso wenig schließt die Herkunft eines Geräts die High-End-Qualifikation aus. Elektronische Bauteile kommen ohnehin überwiegend aus Fernost, und sehr viele Fertigprodukte werden heute in China montiert, auch wenn sie europäische Markennamen tragen. Noch wird die High-End-Vermutung gestützt, wenn wenigstens die Entwicklung in Europa stattgefunden hat und wenn vor der Auslieferung strenge Qualitätskontrollen stehen. Doch technisches Wissen kennt keine Grenzen, und so gibt es längst Eigenständiges etwa aus China und Korea (wie schon seit langem aus Japan), das den Titel High End mit Recht tragen kann.
Dünnes Stimmchen mit HiFi-Lautsprechertechnik
Nein, die wahren Hürden vor dem High End sind an anderer Stelle aufgebaut. Unüberwindbar sind sie für Software mit datenreduzierten Formaten wie MP3, WMA oder AAC: nicht satisfaktionsfähig. Daran ändert nichts, dass inzwischen selbst Spitzenmarken der High-End-Szene Docking Stations für Apples iPod anbieten, die seinem dünnen Stimmchen mit HiFi-Lautsprechertechnik aufhelfen sollen, oder ihren CD-Spielern beibringen, MP3-Discs entgegenzunehmen. Zwar gibt es auch im Bereich der akzeptierten Speichermedien einen Grundsatzstreit: Die Anhänger der analogen Schallplatte und der hochauflösenden digitalen Tonträger rümpfen die Nase über die normale CD, deren Frequenzumfang definitionsgemäß eingeschränkt ist.
Aber zum High End gehört auch die Kunst, aus dem allgegenwärtigen Medium CD mehr herauszukitzeln, als seine Väter ihm eigentlich mitgegeben haben - und das gelingt vielfach mit erstaunlichem Erfolg. Keine Frage, dass Mehrkanal-Audio gleichermaßen des High-End-Segens würdig sein kann. Doch software- wie hardwareseitig lebt man da noch in einer Nische, selbst wenn man sich darin sehr wohlfühlen kann. Tatsache ist: Stereo, also die Zweikanal-Wiedergabe, dominiert weitaus und gewinnt eher noch neue Freunde, die enttäuscht von Surround-Experimenten zurückkehren. Und die High-End-Welt denkt überwiegend zweikanalig - doch deswegen keineswegs eingeengt.
High-End-Gerechtes auch außerhalb des Vereins
Interpretationshilfe zum Begriff High End kann auch eine Organisation leisten, die ihn sich schon seit einem Vierteljahrhundert zum Leitmotiv gemacht hat. 1982 fand sich ein verwegenes Häuflein von gerade mal zwanzig HiFi-Herstellern und -Vertrieben, nachdem es gerade in einem Düsseldorfer Hotel gemeinsam die erste Ausstellung mit dem Namen High End veranstaltet hatte, zu einem Verein mit der etwas unhandlichen Bezeichnung High End Interessengemeinschaft für hochwertige Musikwiedergabe zusammen. Seit 1990 nennt er sich, kürzer und internationaler, High End Society. Etwa fünfzig Vollmitglieder hat der Verband derzeit, die mehr als 120 Marken repräsentieren. Das ist gewiss ein höchst beachtlicher Teil der Szene, doch gibt es selbstverständlich High-End-Gerechtes auch außerhalb des Vereins. Vertreten sind in der Society nicht nur unterschiedliche Nationalitäten (Schwerpunkt bleibt allerdings Deutschland), sondern auch alle Unternehmens-Größenklassen - von Drei-Mann-Betrieben über stattliche Mittelständler bis hin zu Weltkonzernen wie Pioneer oder Sharp.
Flaggschiff der Aktivitäten war und ist die jährliche Ausstellung High End, die inzwischen zumindest für Europa das wichtigste Ereignis rund ums hochwertige HiFi darstellt. Sie fand bis 2003 in einem Hotelkomplex im Rhein-Main-Gebiet statt und zog dann, um sich erweitern zu können, nach München um, in ein professionelles Messezentrum im Norden der Stadt. 2008 wurden rund 230 Aussteller von fast 14 000 Interessenten besucht: Das mag, an Großveranstaltungen wie etwa der Berliner Funkausstellung gemessen, wenig erscheinen, doch stehen hinter diesen Zahlen ein hoher Standard der Exponate und ein im Durchschnitt viel sachkundigeres und anspruchsvolleres Publikum, das die vielfältigen Vorführungen intensiv zu nutzen versteht.
Während die Gründerväter der High-End-Ausstellung den Video-Bereich (ebenso wie Auto-HiFi) noch kategorisch ausklammerten, ist der Verband heute - angesichts der immer engeren Vernetzung von Hören und Sehen - flexibler geworden und versieht die Münchner Schau sogar mit dem Untertitel Der beste Ton - Das beste Bild. Wie immer man dazu stehen mag: Auch für den kompromisslosen Nur-Audio-Freund bietet die jährliche High End die umfassendste Gelegenheit, sich seinen eigenen Eindruck vom oberen Ende des HiFi zu machen und es vielleicht für sich und seine finanziellen Möglichkeiten individuell zu definieren. Denn neben Geräte-Boliden mit fünfstelligen Preisen haben auch jene weniger spektakulären Angebote ihren Platz, die zum bezahlbaren High End gehören und zur Anziehungskraft der Messe erheblich beitragen. Nur einmal, im Jahr 2006, hatten sich die Ausrichter im Ton vergriffen, als sie ihre Ausstellung mit dem Motto Besser als live verzierten. Damit hatten sie die absolute Grenze ignoriert, die auch dem höchstwertigen High End gesetzt ist: Besser als live kann es niemals sein. Aber fast so gut.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Hersteller