Makrofotografie

Die immerwährende Faszination des Kleinen

Von Peter Thomas

16. Mai 2008 Unbekannte Zauberwelten warten auf den Blick des Fotografen mitten in vertrauter Umgebung. Ob Garten oder Küchenschrank: Mit dem richtigen Vergrößerungsfaktor rücken kleine Strukturen näher, als es der menschliche Blick je könnte. Makrofotografie heißt diese Disziplin, die Kleines im Bild ganz groß macht. Sie beginnt etwa bei einem Vergrößerungsfaktor von 1:5 (dabei hat das Motiv die fünffache Größe von Sensor oder Filmfenster) und reicht bis zum Faktor 1:1 (wenn das Motiv formatfüllend auf Silizium oder Film gebannt wird). Noch stärkere Vergrößerungen werden der Mikrofotografie zugeordnet. Umgangssprachlich heißt jedoch heute der ganze Bereich der Nahaufnahme Makrofotografie. Davon zeugen auch die entsprechenden Markierungen an den Skalen vieler Zoom-Wechselobjektive und der Makromodus der meisten Kompaktkameras.

Wer einmal das detailreiche Porträt einer freundlich brummelnden Hummel in Postergröße gesehen hat, der weiß um den besonderen Reiz der Fotografie am Rande der Nahgrenze. In der Natur bietet sich gerade jetzt im Frühjahr eine große Vielfalt der Motive von Insekten bis zu sattfarbigen Blumenblüten. Und wenn der Lenz so nasskalt ausfällt wie in diesem Jahr, dann lohnt sich auch ein Blick in den Küchenschrank: Kaffeebohnen und Zuckerkristalle geben erstaunlich attraktive Models ab für Stillleben auf kleinstem Raum.

Höhere Ansprüche an Makrofotos

Zu ersten Versuchen im Makrobereich genügt schon eine bessere Kompaktkamera oder ein Zoom mit Makromodus für die Spiegelreflex. Wer höhere Ansprüche an seine Makrofotos stellt und konstant gute Ergebnisse erzielen möchte, kommt jedoch nicht an der Investition in Spezialzubehör vorbei. Diese Hilfsmittel reichen von Nahlinsen über Zwischenringe und Balgengeräte bis zu speziellen Makroobjektiven.

Makroobjektive mit fester Brennweite sind zweifellos die beste Lösung für Nahaufnahmen. Sie sind für genau diesen Einsatzzweck gerechnet, was zu sehr geringen Abbildungsfehlern selbst bei maximaler Vergrößerung führt. Außerdem lassen sie sich im alltäglichen Einsatz auch als herkömmliche Festbrennweiten mit hervorragender Schärfe benutzen. Ein altes Problem sind dabei allerdings lange Fokussierzeiten, die durch die weiten Verstellwege von der absoluten Nahgrenze bis zur Unendlich-Marke entstehen. Gegenüber dem mechanischen Antrieb hat sich die Reaktionszeit bei aktuellen Linsen mit eingebautem, schnellem Motor allerdings deutlich reduziert.

Hohe Preise als Hürde

Einzige Hürde ist denn noch der vergleichsweise hohe Preis dieser Objektive. Am günstigsten fallen dabei die Makroobjektive mit Brennweiten um 60 Millimeter aus. So kostet Nikons neues AF-S Micro Nikkor 60mm/2,8G ED mit Silent-Wave-Motor und maximalem Abbildungsmaßstab 1:1 um 510 Euro. Das vergleichbare Canon EF-S 60mm 1:2,8 Macro USM mit Ultraschall-Motor ist schon für rund 350 Euro zu haben, bleibt dafür aber auf den reduzierten EF-S- Bildkreis beschränkt und lässt sich nicht mit Vollformatgehäusen verwenden. Auch viele unabhängige Hersteller bieten Makroobjektive an. Sigmas aktuelles 70mm f2,8 EX DG Makro zum Beispiel ist mit Bajonettanschlüssen für Canon, Nikon, Pentax und Sony zu haben und kostet um 400 Euro.

Alternativ lassen sich vorhandene Objektive mit Vorsatzlinsen, Zwischenringen und Umkehrringen für Makroaufnahmen aufrüsten. Alle drei Verfahren führen zu ordentlichen Ergebnissen und sind deutlich günstiger als der Kauf eines speziellen Makro-Objektivs. An dessen Bildqualität allerdings reichen vor allem sehr preisgünstige Vorsatzlinsen bei weitem nicht heran. Und der gemeinsame Nachteil ist, dass durch den Umbau nicht mehr vom Makro-Bereich bis Unendlich fokussiert werden kann. In der Praxis wird diese Beschränkung allerdings wenig ins Gewicht fallen.

Funktion von optischen Vorsatzelementen

Besonders leicht zu begreifen ist die Funktion von optischen Vorsatzelementen. Solches Zubehör, das aus einer oder mehreren Linsen besteht, verändert wie eine Lupe oder Brille die vorgegebene Brechung des Objektivs und verschiebt die Schärfezone in den Nahbereich. Meist werden diese Nahlinsen in das Filtergewinde geschraubt. Haben Kompaktkameras eine entsprechende Vorrichtung, können die Vorsatzlinsen an ihnen meist genauso gut eingesetzt werden wie an einem Wechselobjektiv für Spiegelreflexgehäuse.

Balgengeräte und Zwischenringe sind Distanzstücke zwischen Gehäuse und Objektiv: Sie verändern den Abstand des gesamten optischen Apparats zur Filmebene und verschieben so ebenfalls die Schärfezone der Optik in den Makroraum. Die fein justierbaren Balgengeräte sehen aus wie die kleine Version einer Fachkamera: Auf einem Schlitten sind Anschlüsse für Bajonett und Objektiv gelagert, dazwischen spannt sich flexibel ein lichtdichter Balgen. Diese Geräte dienen für extreme Vergrößerungsmaßstäbe und werden ausschließlich auf dem Stativ eingesetzt.

Zwischenringe arbeiten nach demselben Prinzip, stellen jedoch eine starre und deshalb stabilere Verbindung zwischen Kamera und Objektiv her. So lassen sie sich auch für Aufnahmen aus der Hand verwenden. Das Fokussieren fällt bei modernen Zwischenringen besonders leicht, denn sie übertragen nicht nur die Blendenfunktion, sondern auch die Signale der Autofokus-Steuerung.

Einsatz von Umkehrringen

Einen ungewöhnlichen Anblick bringt schließlich der Einsatz von Umkehrringen mit sich. Diese Konstruktionen verbinden das Filtergewinde des Objektivs mit dem Bajonett der Kamera und kehren den Weg des Lichts durch die Linsen um. Aus einem altbewährten 24-Millimeter-Weitwinkelobjektiv aus analogen Zeiten wird so an der neuen digitalen Spiegelreflexkamera ein leistungsfähiges Makroobjektiv mit einem Vergrößerungsfaktor um 2:1. Am besten lässt sich diese Konstruktion auf dem Stativ einsetzen, denn die Springblende funktioniert bei der Umkehrung nicht. Deshalb muss nach dem Scharfstellen die Blende von Hand geschlossen werden.

Zu den besonderen Herausforderungen der Makrofotografie gehört die geringe Schärfentiefe. Das betrifft den Einsatz von Makroobjektiven genauso wie die verschiedenen anderen Hilfsmittel: Je größer der Abbildungsmaßstab wird, desto schmaler ist die Schärfenzone des Objektivs. Lange Brennweiten verstärken diesen Effekt noch einmal. Deshalb tritt das Problem im Mittelformat besonders deutlich auf: Schließlich erzielt im Rollfilm-Negativformat 6 × 7 Zentimeter ein Objektiv mit 90 Millimeter Brennweite etwa den gleichen Bildwinkel wie 50 Millimeter beim Kleinbild und 35 Millimeter im APS-C-Format. Umgekehrt sorgen Kleinbildkameras mit reduziertem Sensorformat für eine größere Schärfentiefe bei gleichem Bildwinkel.

Beleuchtung durch einen Blitz wird problematisch

Gleich welches Format die Kamera aber hat, ein guter Weg zu scharfen Bildern ist auf jeden Fall das Schließen der Blende bis auf Werte um f/16. Die dann meist notwendige Beleuchtung durch einen Blitz wird allerdings oft problematisch. Denn das Objektiv rückt bei Makroaufnahmen dem Motiv sehr nahe und schattet eingebaute Blitze ebenso ab wie aufgesteckte Systemblitzgeräte. Eine gute Lösung sind vorne am Objektiv montierte Ringblitze oder vergleichbare Lösungen mit mehreren kleinen Blitzleuchten. Auch ein Kabel zum entfesselten TTL-Blitzen hilft, selbst eine kleine aufsteckbare Softbox oder ein Reflektor sorgen für bessere Lichtverhältnisse.

Von solchen technischen Hürden sollte sich niemand entmutigen lassen. Denn die Makrofotografie ist eine faszinierende Disziplin, die Kreativität und Entdeckungsfreude bald mit außergewöhnlichen Bildern belohnt. Und ganz nebenbei: Keine Fotosafari ist so einfach zu organisieren wie jene, die in den von pelzigen Flugtieren bevölkerten Makrodschungel im eigenen Garten führt.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Thomas

 
Mit Silent-Wave-Motor: Nikons neues Makro-Objektiv 60 mm/2,8 G ED Weiter weg mit dem 18-200 mm Nikkor Auf die Spitze getrieben: Nahaufnahmen mit dem AF-S DX VR-Zoom Nikkor 18-200 ... AF Micro-Nikkor 60 mm 1.2, 8D ohne Zwischenring Am nächsten: Ai-Nikkor 24 mm 1:2,8 mit Umkehrring ... etwas größer ... .. und der maximale Vergrößerungswert Flexible Lösung: Kenko-Zwischenring Uniplus 12 Maximale Naheinstellung: Kleiner Kopf, ganz groß mit AF-S Micro Nikkor 60 mm/... AF-S DX VR-Zoom Nikkor 18-200 mm 1:35-5,6G IF-ED mit Zwischenring AF Micro-Nikkor 60 mm 1.2, 8D mit Zwischenring Mit AF-S Micro Nikkor 60 mm/2,8G ED von klein... ... noch etwas größer ...