Von Wolfgang Tunze
04. Mai 2008 Eigentlich wussten wir es schon immer. Aber seit dem vergangenen Wochenende können wir es noch besser begründen: Wer in der Münchener Fachmesse High End ein verstaubtes Forum für lebensferne Ton-Esoterik sieht, unterschätzt diesen vitalen Marktplatz der gediegenen Wohnzimmertechnik sträflich. Denn die Aussteller des jährlichen Branchen-Ereignisses sind auf der Höhe der Zeit, auch wenn so manche Traditionspflege das Gegenteil zu suggerieren scheint: Mit Themen wie Musik aus dem Heimnetz, von der Festplatte, dem USB-Stick oder dem mobilen Player ging die in München versammelte Szene so virtuos um, als hätte sie nie gegen das Digitale schlechthin und gegen den komprimierten Ton im Besonderen gefochten.
Heute also erkennt man die Könner der Zunft längst nicht mehr an rigider Fortschrittsverweigerung, sondern daran, wie sie sich, getrieben vom Prinzip der Perfektion, an der Spitze der Trends bewegen: Wenn schon MP3, dann bitte schön nicht als Plastik-Orgie, sondern nach Stil- und Technik-Vorgaben, die jedem einzelnen Bit in feudaler Umgebung zu strahlender Blüte verhelfen.
In Aluminium und Stahl gewandet
Eines der schönsten Beispiele stammt aus der westfälischen HiFi-Manufaktur T+A, hört auf den programmatischen Namen Caruso und oszilliert mit seiner schlichten kubischen Bauhaus-Gestalt irgendwo zwischen Mini-Anlage und Tischradio. Der Caruso kann alles erreichen, was Musik liefert, sagt der Hersteller. In der Tat: CD, DVD, Netzwerk-Musikserver, USB-Massenspeicher, MP3-Player, iPod samt Steuerung und UKW-Radiowellen - dem feinen, ganz in Aluminium und Stahl gewandeten Musikmacher ist alles recht. Als Erweiterung der eigentlich autark aufspielenden Anlage bietet T+A zusätzliche Aktiv-Lautsprecher an, um dem Knirps eine noch erwachsenere Stimme zu verleihen.
Nicht minder interessant ist eine weitere T+A-Neuheit, ein MP 1250R genannter Netzwerk-Player im Stil der klassischen, flachen HiFi-Komponenten des Hauses. Er zapft ebenfalls Musik aus dem Internet oder dem Musikserver an, darunter Archive mit kopiergeschütztem Material in Windows Media Audio. Drahtlose WLAN-Anbindung und Kontaktpflege zu iPod oder USB-Stick sind ebenso selbstverständlich wie die Art der Signalaufbereitung. Hochkarätige Digital-Analogwandler formen den in Pakete zerhackten Digital-Rohstoff aus dem Netz in saubere, von klangschädlichen Zittereffekten vollständig befreite Klänge um.
400 Gigabyte Musik und automatische Sicherungskopien
Ausgerechnet Naim, Inbegriff der wertkonservativen britischen HiFi-Szene, denkt in eine ganz ähnliche Richtung, wenn auch mit einem anderen Gerätetyp. Die High-End-Neuheit HDX ist eine flache Kombination aus einem CD-Player und einem Festplatten-Musikspeicher, der sich den Ton von der Silberscheibe unkomprimiert einverleibt. Eine 400 Gigabyte große Platte reicht für das Repertoire von 600 CD-Titeln, eine zweite Festplatte sorgt automatisch für Sicherungskopien, und falls der Speicherplatz je knapp wird, bieten sich Netzwerk- und USB-Festplatten als zusätzliche Außenbord-Archivare an. Fast überflüssig zu erwähnen: MP3-Musik akzeptiert der Digitalspieler natürlich auch. Noch etwas radikaler folgt Hush diesem Konzept, der Spezialist für laut- und lüfterlose PC-Flachbauten. Hush zeigte in München eine Maschine in elegantem, massivem Aluminiumgehäuse, die sogar die hoch aufgelösten Tonspuren von Bluray-Scheiben und ähnlich exquisiten Quellen ausliest und unkomprimiert auf der Festplatte ablegt - für digitale Hauskonzerte auf Gänsehautniveau.
Wie MP3-Hype und kompromisslose Klangveredlung nach traditionellen Mustern zusammengehen, durften die High-End-Besucher am Stand von Gerhard Brandl erfahren, Insidern besser bekannt unter seinem Markennamen Copulare. Brandl baut Tische und Regale für feinste HiFi-Pretiosen, um ihnen durch schwingungsdämpfende Materialien und Geometrien vibrationsfreie und damit klangversüßende Unterlagen zu bieten. Jetzt gibt es auch eine iPod-Dockingstation nach Copulare-Rezepten, innen gefüllt mit einem von Brandl patentierten Keramik-schaum, den er Kunstkorallen nennt. Der Untersatz kostet die Kleinigkeit von 2500 Euro, hinzu kommt noch ein Obolus für eine bidirektionale iPod-Fernbedienung. Man kann darüber denken, wie man will: Die Vorzüge der schaumgeborenen iPod-Basis sind tatsächlich in Form stabiler, klar konturierter Klangbilder hörbar.
Den iPod als Galionsfigur
Da nahmen sich Docking-Stationen, wie sie Meridian und NAD mit nach München gebracht hatten, fast schon profan aus. Bei Meridian stellt der iPod-Adapter immerhin den Kontakt zu einer bemerkenswerten Neuheit her: Die britischen High-Ender haben sich mit den Ferrari-Designern zusammengetan und eine kompakte Anlage namens F80 entwickelt, die mit ihrer windschlüpfigen Bogenform dem Rennstall alle Ehre macht. Sie spielt CDs, DVDs, MP3 und Windows-Media-Konserven, und das eingebaute Radioteil kann sogar Digitalhörfunk empfangen. Der schönste High-End-Beitrag zum Thema iPod stammt vom Lautsprecher-Hersteller Bowers & Wilkins: Er heißt B&W Zeppelin, rechtfertigt seinen Namen mit einem schwarzen, ovalen Gehäuse und trägt den iPod wie eine Galionsfigur stolz vor sich her. Über einen kombinierten Digital-Analog-Eingang können weitere Musikquellen an das HiFi-Luftschiff andocken.
Andere Lautsprecher-Hersteller haben mobile digitale Musikquellen ebenfalls im Visier, auch wenn sie nicht immer gleich eine Komplettlösung für die Apple-Jukebox mitliefern. Elac zum Beispiel sorgte in München gleich mit zwei interessanten Neuheiten für Aufsehen: Die Kieler HiFi-Puristen bauen ein winziges, Microsub 2010 BT genanntes Boxensystem, das aus zwei faustgroßen Stereo-Satelliten und einem entsprechend winzigen Tiefton-Quader besteht. Der Reiz dieses Schreibtisch-Trios besteht nicht allein in seiner verblüffenden Klangstärke, sondern auch in der Art, wie es sich die Musik zuspielen lässt.
Ein eingebauter Bluetooth-Empfänger fischt das Repertoire eines Musik-Handys oder eines blauzahn-tüchtigen MP3-Players drahtlos aus der Luft - eine tolle Lösung für den Musikgenuss in einer kreativen Arbeitspause. Mit Bluetooth funktioniert auch eine weitere Elac-Neuheit: der 3D-Speaker 90 BT. Dieses kompakte, ebenfalls für den Einsatz auf einem Tisch zugeschnittene Kästchen strahlt den Schall nach vorn und zu den Seiten ab; die eingebaute Verstärkerelektronik bereitet die Tonsignale so auf, dass in weitem Umfeld ein plastisches Stereo-Panorama mit stabiler Mitte entsteht.
Die unverdrossenen Elektronik-Dinosauerier
Der Lautsprecher-Versender Nubert kommt angesichts der MP3-Welle sogar in Definitionsnöte: Eigentlich wollte der HiFi-Tüftler aus Schwäbisch Gmünd einen Satz Mini-Böxchen zum Thema beisteuern. Vertrackterweise kamen Aktiv-Monitore im Schuhkartonformat dabei heraus, an die man zwar auch einen Mobilplayer anstöpseln kann. Aber mit ihrer überragenden Klangqualität passen die Stereo-Zwerge nicht recht ins Schema einschlägiger Schallwandler - ein Luxus-Problem, das manche Konkurrenten gern hätten. Eher auf die erwachsene HiFi-Anlage oder das komplette Heimkino ist die neue Lautsprecher-Familie Excite von Dynaudio zugeschnitten. Der Name ist Programm: Die schlichten Quader begeistern mit Temperament und Esprit selbst dann, wenn der Verstärker nicht gerade zu den Watt-Riesen zählt. Daher hätten bei den neuen Dynaudios auch jene Gerätschaften eine sportliche Chance, die ihre tönende Energie aus glimmenden Glaskolben beziehen.
Diese Elektronik-Dinosaurier mischen immer noch unverdrossen in der HiFi-Szene mit, in diesem Jahr sogar munterer denn je. Dass sie nicht mit prallen Leistungen protzen, liegt nicht zuletzt an den puristischen Philosophien ihrer Konstrukteure: Single Ended Class A lautet eine der beliebtesten Zauberformeln; sie steht für extrem verzerrungsarmen Betrieb, erkauft durch hohen Ruhestrom und somit durch einen Wirkungsgrad, der umweltbewusste Zeitgenossen in Gewissensnöte bringt. Gleichzeitig bedienen Röhren-Boliden dieses Zuschnitts natürlich auch den Wunsch nach Spektakulärem. Die aberwitzigsten Röhren-Kaliber steuerte der tschechische Hersteller KR bei: Eigens konstruierte Trioden, groß wie Literflaschen, aufrecht stehend auf einem pechschwarzen Armaturendeck vor finster dräuenden Trafo-Blöcken, versprühten den Charme der Dampfmaschinenära. Ein paar Eckdaten zum ehrfurchtsvollen Erschauern: Anodenspannungen von 600 Volt saugen aus jedem dieser Glaszyklopen stolze 50 Watt. Respektvoller Abstand schützt vor Risiken und Nebenwirkungen.
Stolze 220 Kilogramm Plattenspieler
Ein anderer High-End-Beitrag zum Thema Röhre stammt von Burkhardt Schwäbe, jenem Einzelkämpfer, der seinerzeit die berühmte HiFi-Serie Fine Arts für Grundig auf Kiel legte. Schwäbe hat ein Konzept des Röhren-Pioniers Julius Futterman ausgegraben und mit einem neuen Verstärker in die Gegenwart übersetzt. Das Besondere daran: Anders als die überwältigende Mehrheit der Röhrenverstärker arbeiteten die Futterman-Geräte ohne Ausgangstransformator und vermieden damit eine heikle Quelle von Verzerrungen.
Und natürlich behaupteten die Hersteller von analogen Plattenspielern in München ihre zeitlose Nische. Man glaubt es kaum: Stolze 45 Marken listete der Messekatalog immer noch auf. Keine allerdings vertrat die Gattung der Scheibendreher eindrucksvoller als Jochen Räke mit seinen Transrotor-Laufwerken. Der Feinmechaniker aus dem Bergischen Land erfüllt jeden Analog-Traum mit feinstem Design und überragender Technik - im wahrsten Sinne des Wortes: Sein Flaggschiff Artus, der Superstar unter den High-End-Exponaten, ragt 120 Zentimeter in die Höhe, bringt 220 Kilogramm auf die Waage und repräsentiert den Wert einer schmucken Junggesellen-Immobilie.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller
