Zeiss ZM-System

Die dezente und präzise Chronistin

Von Peter Thomas

Feinmechanik: die Zeiss Ikon ZM

Feinmechanik: die Zeiss Ikon ZM

21. November 2008 Satt und seidig dreht sich der Fokussierring des 450 Gramm schweren Porträtobjektivs, selbst im Dämmerlicht des Jazzkellers fällt das manuelle Scharfstellen über den Mischbildentfernungsmesser leicht. Julie Fowlis, die elfengleiche schottische Bardin, singt „An t-Aparan Goirid 's an t-Aparan Ùr: Òran do Sheasaidh Bhaile Raghnaill“. Und während die gälischen Silben der Ballade vom mittelalterlichen Kreuzgewölbe abperlen, löst die Messsucherkamera Zeiss Ikon ZM aus: nicht unhörbar, aber doch angenehm leise. Zusammen mit dem Sonnar T* 2/85 ZM bewährt sich die analoge Sucherkamera an diesem Abend denn auch als Präzisionswerkzeug für die unaufdringliche Fotografie dicht an der Bühnenkante: kompakt, ohne Autofokus und Blitz.

Vor drei Jahren hat Zeiss sich auf die Geschichte seiner Messsucher-Kameras besonnen und ein eigenes System aufgelegt, das mittlerweile zwei Gehäuse und zwölf Festbrennweiten umfasst. Nach 45 Jahren Pause setzten die Kamerabauer aus Oberkochen allerdings nicht auf das alte Contax-Bajonett, sondern übernahmen das von Leica entwickelte M-Bajonett. Damit reihte sich Zeiss in eine stetig wachsende Familie ein, zu der neben Leica selbst vor allem Voigtländer Objektive und Linsen beisteuert. Uns hat die Zeiss Ikon ZM mit vier Objektiven mehrere Wochen lang begleitet. Dem schweren Sonnar T* 2/85 ZM waren dabei vor allem Konzerte und Porträts vorbehalten, die handlichen Linsen Biogon T* 2,8/21 ZM, Biogon T* 2/35 ZM und C Sonnar 1,5/50 ZM wechselten sich bei Reportagen ab.

Die stille, leisen Bildreportage über ein Künstlerhaus

Am wohlsten hat sich das ZM-System in seiner Billingham-Tasche dabei jenseits aller Hektik gefühlt: bei der stillen, leisen Bildreportage über ein Künstlerhaus im hohen Norden. Das geschichtsgesättigte Gebäude war einst Ferienhaus von Günter Grass und beherbergt schon seit 22 Jahren Stipendiaten der Akademie der Künste Berlin. Zwischen rauchschwarzen Balken und steilen Treppenhäusern, altem Holz und Klinker spielte die Zeiss Ikon ihren Charme als zurückhaltende Chronistin aus, gefüttert mit lichtempfindlichem chromogenen Schwarzweißfilm.

Diese Emulsion vom Typ Kodak BW400CN setzen wir auch für Landschaftsaufnahmen zwischen Elbe und Deich ein. Fraglich war dabei im Vorfeld, ob die klassische Kontrastbeeinflussung durch Farbfilter bei dem im C41-Prozess entwickelten Film genauso gut funktionieren würde wie beim Silberhalogenid-Schwarzweißfilm. Einschlägige Internetforen gehen von einer (für uns physikalisch nicht nachvollziehbaren) Inkompatibilität zwischen den neuen Filmen auf der Basis von Farbemulsionen und der alten Tonwertvariation aus. Dennoch schraubten wir unseren dunkelsten Rotfilter vor das 21-Millimeter-Objektiv, um dem Himmel satte Tiefen mit leuchtenden Wolken zu verschaffen. Das Ergebnis könnte aus einem Lehrbuch von Ansel Adams stammen: Schwarz wölbt sich das Firmament über den glitzernden Wassern, brillant strahlen die Wölkchen, und die Sonne sticht mit scharfem Strahlenkranz ins Bild. Zurück im Haus atmete das Reportage-Normalobjektiv (C steht bei diesem klein bauenden C Biogon 1,5/50 für Compact) dann wieder die mehr als 300 Jahre alte Geschichte des Hauses.

Auf die eckige Form der alten Contax besonnen

Gebaut werden die Gehäuse und fast alle Objektive von Cosina in Japan. Nur die beiden Sahnestücke unter den Linsen, das Distagon T* 2,8/15 (3640 Euro) und das Sonnar T* 2/85 (2640 Euro), werden in Oberkochen montiert. Hier erfolgt auch die optische Auslegung der Linsen (alle anderen Objektive kosten zwischen 700 und 1200 Euro). Bei den Kameras mit Messsucher (1450 Euro) und ohne Messsucher für Weitwinkelaufnahmen (900 Euro) hat sich Zeiss auf die eckige Form der alten Contax besonnen. Das Ergebnis ist eine solide Griffigkeit mit Ecken und Kanten aus Aluminium und Magnesium: Die neue Zeiss Ikon swingt nicht wie eine Leica und spielt keine voigtländerschen Barockstücke, sondern erinnert uns im besten Sinn an eine Bruckner-Sinfonie.

Das ist fotografische Musik, an die man sich gerne gewöhnen würde. Wäre da nicht die Beschränkung auf den analogen Kleinbildfilm. Dessen Leistungsdaten - gerade in Verbindung mit den neu gerechneten Zeiss-Objektiven - stellen wir zwar keinesfalls in Frage: Bereits vor drei Jahren haben die Linsenkünstler aus Oberkochen eine Auflösung von rekordverdächtigen 400 Linienpaaren pro Millimeter in der Bildmitte eines Kleinbild-Negativs gemessen, das mit dem Biogon T* 2,8/25 bei Blende 4 aufgenommen wurde. Das sind satte 9600 Linienpaare auf die gesamte Bildhöhe hochgerechnet. Zeiss hatte dazu einen SPUR Orthopan UR belichtet, einen orthopanchromatischen Dokumentenfilm mit Empfindlichkeiten zwischen ISO 16 und ISO 20.

Alle stärkeren Weitwinkel sollten mit Aufstecksucher verwendet werden

Im Alltag erweist sich jedoch der Arbeitsablauf vom belichteten Film bis zum fertigen Bild als eher mühsam: Von der Aufnahme bis zum fertig gescannten und bearbeiteten Bild verging mindestens ein halber Tag. Da kommt der Wunsch nach einem Digitalgehäuse auf. Das jedoch wird es von Zeiss in absehbarer Zeit nicht geben. Schließlich liegt die Kernkompetenz der Marke auf der Optik. Wer digital fotografieren möchte, dem legte Zeiss Ikon deshalb schon in den Camera Lens News vom Dezember 2007 die Leica M8 ans Herz. Zwar fehlt den ZM-Objektiven die 6-Bit-Codierung, aber die M8 zeige für alle Linsen von 28 Millimeter Brennweite an die richtigen Leuchtrahmen im Sucher. Alle stärkeren Weitwinkel sollten mit Aufstecksucher verwendet werden. Dieses zusätzliche optische Element hatten wir an der Zeiss Ikon zusammen mit dem Biogon T* 2,8/21 ZM im Einsatz und lernten schnell das übersichtliche, klare Sucherbild schätzen.

Die Arbeit mit dem sanften Technologieträger hat viel Freude bereitet. Sogar die Belichtungsautomatik bewährte sich, wenn wir bei dunklen oder hellen Motiven entsprechend korrigierten. Der senkrecht ablaufende Schlitzverschluss aus Metall ist allerdings doch merklich lauter als Leicas alter Tuchverschluss. Immerhin fehlt das Klappgeräusch des Spiegels einer einäugigen Reflexkamera, und die massive Bauweise des Gehäuses dämpft das Verschlussgeräusch außerdem.

Auch die Reaktionen anderer Menschen auf die Kamera fielen durchwegs positiv aus. Nostalgie weckte das ZM-System bei dem pensionierten Bildjournalisten: Er hatte mit Contax-Messsucherkameras erste Schritte unternommen und schwärmt noch heute von diesen Jahren. Neugier zeigten einige Künstler bei Porträtaufnahmen: Das M-System von Leica war ihnen als Gegenüber bekannt, nicht aber die eckige Zeiss Ikon. Willkommene Nichtbeachtung schließlich gab es auf der Frankfurter Buchmesse: Im Vergleich zu den schweren digitalen Spiegelreflexkameras mit ihren lichtstarken Zoomobjektiven fiel die Zeiss Ikon nicht auf. Das änderte sich allerdings sofort, als wir zum 21-Millimeter-Weitwinkel den Aufstecksucher im Blitzschuh verankerten. Dieser lässt den silbrig schimmernden Fotoapparat offenbar trotz seiner kompakten Maße aus der Masse der blitzenden, klickenden Maschinen herausragen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Peter Thomas

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Immer für eine Antwort gut! Das FAZ.NET-Software-Portal bietet Ihnen intelligente Software-Lösungen. Schauen Sie vorbei unter www.faz.net/software

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche