High End München

Viereinhalb Zentner für schwerelosen Klang

Von Wolfgang Tunze

Die High End präsentiert den Hifi-Hochadel: LP3 von Opera

Die High End präsentiert den Hifi-Hochadel: LP3 von Opera

14. Mai 2007 Noch schöner hätten selbst wir es kaum sagen können: „Das Durchschnittliche“, deklamiert Messe-Manager Branco Glisovic wie in Stein gemeißelt, „gibt der Welt zwar ihren Bestand; das Außergewöhnliche aber verleiht ihr ihren Wert.“ Damit ist philosophisch umrissen, worum es auf der High End 2007 geht, jener Ausstellung also, die vom 17. bis zum 20. Mai in den Hallen des Münchener MOC alles ausbreitet, was in der Welt der tönenden und der visuellen Unterhaltungselektronik sozusagen dem Hochadel angehört.

Klar, dass mit Glisovics Botschaft auch gleich noch eine marktpolitische Nutzanwendung einhergeht: Statt „Geiz ist geil“ sei nunmehr „Geist ist geil“ die Devise. Wer, außer kulturfernen Pfennigfuchsern, wollte ihm da widersprechen? Die High-End-Veranstalter werben anno 2007 im Übrigen nicht allein mit ihrem in 26 Messejahren redlich erworbenen Edel-Image; sie können auch auf stetiges Wachstum verweisen, das sich zum Beispiel im Mieten einer weiteren Ausstellungshalle manifestiert. Was aber erwartet die Besucher der florierenden Leistungsschau diesmal im Detail?

Noch zu schmalbrüstig?

Pittoreskes aus der Hifi-Gründerzeit: Beta 01 von Cessaro

Pittoreskes aus der Hifi-Gründerzeit: Beta 01 von Cessaro

Im singulären Mix aus wertkonservativen Analog-Monumenten und richtungweisenden Digital-Kunstwerken stechen, wie üblich, vor allem jene Scheibendreher heraus, die nichts als Vinyl auf ihre Plattenteller lassen. Jochen Räke, einer der profiliertesten Lieferanten solcher Geräte, präsentiert mit gewohnter Zuverlässigkeit wieder das Schwerstgewicht der Messe, diesmal einen Transrotor Artus genannten Prunkbau mit einem Einsatzgewicht von 220 Kilogramm und 120 Zentimeter lichter Höhe, ein Muss für jeden Besucher. Clearaudio, auf dem Vinylterrain nicht minder engagiert, macht mit einer neuartigen Tonabnehmer-Technik von sich reden, einem Symphony genannten Abtaster, der winzige Spulen zwischen acht Magneten schwingen lässt und damit sensationell plastische Klänge erzielen soll. Aber auch schlichtere Analog-Plattenspieler sind auf der High End zu sehen, etwa das zierliche, aus transparentem Acryl gearbeitete Modell LP3 von Opera.

Wenn es denn kongeniale Verstärker zu diesen Gerätschaften gibt, dann sind es solche mit Röhren-Innenleben, ebenfalls Evergreens der High-End-Szene. Dazu zählen etwa die einmalig dekorativen Trioden-Boliden von Ultrasone, aber auch kompaktere Modelle wie der in einem traumhaft schönen Holzgehäuse steckende, ebenfalls aus Italien stammende Vorverstärker Calliope von Absoluta. Und wenn wir denn dem Pfad der pittoresken, tief in den HiFi-Gründerzeiten wurzelnden Techniken weiter folgen, kommen wir gar nicht an jenen Lautsprechern vorbei, die mit gewaltigen Horntrichtern auch als Denkmäler für Wirkungsgrad und Dynamik stehen könnten. Ein schönes Beispiel dafür sind die in Deutschland geschreinerten Hörner Beta 01 von Cessaro. Noch zu schmalbrüstig? Dann empfiehlt sich ein Besuch bei Avantgarde Acoustic. Dieser Hersteller zimmert Trio genannte Hornensembles, die passend zum gigantischen Dreiwege-Stereoset noch gewaltige Basshörner auffahren.

Hochkomplexes Korrektur-System

Schwächlich konstruierte Immobilien kann ein Trio-Agglomerat, das den Gegenwert einer Single-Wohnung in bürgerlicher Großstadtlage repräsentiert, durchaus der Einsturzgefahr anheim geben. Aber die High End lebt von Kontrasten, und so stellt sie durchaus auch schlanke und ranke Lautsprecher zur Schau, etwa die weiß glänzenden, überaus eleganten Klangsäulen Signature Diamond von B&W. Der Hinweis auf Diamanten im Typennamen bezieht sich auf die Hochtonmembranen, die aus dem Edelmineral gefertigt werden. Ob der Zuhörer adäquate Klänge erwarten darf, findet er am besten bei einer Stippvisite heraus.

Szenenwechsel: In den Gefilden zeitgerechter Digitaltechnik profiliert sich das dänische Unternehmen Lyngdorf Audio mit einem Vorverstärker, der mit einem hochkomplexen Korrektur-System den Tücken der Raumakustik zu Leibe rückt. Und wo das Digitalwesen prächtig gedeiht, ist die Drahtlosigkeit nicht weit. Den Beweis tritt Greatech an: Das Krefelder Unternehmen bringt eine Audio Fly Dock genannte iPod-Docking-Station nach München, die MP3-Musik und andere Eingangssignale digital und störungsfrei an die HiFi-Anlage funkt, ein Exponat, das gerade auch jugendliche Besucher ansprechen dürfte.

Auf SD-Karten mitschneiden

Die Video-Abteilung ist vor allem durch die japanischen Unternehmen Pioneer und Panasonic vertreten, die neben ihren neuesten Plasma-Riesen auch ihre Blu-ray-Player im Messegepäck haben - für High-Definition-Kino vom Feinsten. Einen schlichteren, aber nicht uninteressanten Beitrag zum Thema leistet der dänische Aussteller dnp mit einer Projektionswand, die dank einer geheimnisvollen, siebenfachen Beschichtung Umgebungslicht rigoros verschluckt. Der gewünschte Effekt: Die revolutionäre Leinwand soll auch in taghellen Räumen kontrastreiche Frontalprojektionen erlauben.

Rank und schlank: Zweiwege-Lautsprecher Signature Diamond von B&W

Rank und schlank: Zweiwege-Lautsprecher Signature Diamond von B&W

Selbst das gute alte Radio hat auf der High End seinen angestammten Platz, allerdings in neuzeitlicher Form. Pure Digital etwa zeigt in München ein ganzes Arsenal von Empfängern für das digitale terrestrische DAB-Radio. Das Edelste von allen: ein Mikrotürmchen in schwarzem Klavierlack mit dem Namen Legato II, das laufende Programme auf SD-Karten mitschneiden, MP3-Dateien abspielen und natürlich auch CDs wiedergeben kann. Besonders interessant ist eine elektronische Programmführer-Funktion, die sogar Timer-Aufnahmen unterstützt.

Für den Rohstoff ist gesorgt

Die Segnungen des digitalen Hörfunks über Satellitenkanäle präsentiert das Fachmagazin „Stereoplay“. Was viele Normalverbraucher noch gar nicht wissen: Astra strahlt Hunderte von Radioprogrammen mit Datenraten um 320 Kilobit je Sekunde aus, in einer Qualität also, die das UKW-Dampfradio uralt aussehen lässt. Noch spannender: Bayern 4 und WDR 3 übertragen immer häufiger ausgewählte Konzerte und Hörspiele im Mehrkanal-Tonverfahren Dolby Digital; auch solche Hörfeste gehören zum Vorführprogramm der Fachredakteure.

Erfüllt Wunschträume von Röhrenfreaks: Vorverstärker Calliope von Absoluta

Erfüllt Wunschträume von Röhrenfreaks: Vorverstärker Calliope von Absoluta

Dass die High End selbst ihre mobile Klientel nicht vergisst, beweist sie in diesem Jahr mit einem eigenen Ausstellungsschwerpunkt, in dem reisetaugliche Nobel-Komponenten von MB Quart, Dynaudio und B&W den Ton angeben. Und schließlich: Was wären all diese Pretiosen ohne ihren Rohstoff, die Musik? Die Frage ist rhetorisch, die Messe-Macher beantworten sie trotzdem: Live-Auftritte von Künstlern aller Sparten sorgen dafür, dass der Besucher vor lauter Technik-Begeisterung nie vergisst, worauf sein Hobby eigentlich abzielt.

Text: F.A.Z., 15.05.2007, Nr. 112 / Seite T6
Bildmaterial: Hersteller

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