Fotografie

Weil Schwarzweiß viel Farbe braucht

Von Peter Thomas

Weitwinkelaufnahme einer Straßenbahn in Lissabon

Weitwinkelaufnahme einer Straßenbahn in Lissabon

22. Juni 2009 Dunkel wölbt sich das Firmament über den schimmernden Statuen am Bamberger Domplatz. Bei der Aufnahme war der Himmel wolkenlos blau, und die Figuren leuchteten in grellem Weiß. Nun kommt die Szenerie in Grautönen und der zarten Körnung eines Kodak Plus-X Pan daher. Die Tonwerte sind gegenüber der Wahrnehmung des Auges deutlich verschoben, und das quadratische Format legt die Arbeit mit der Mittelformatkamera als Quelle der Aufnahme nahe. Entstanden ist das Foto jedoch nicht auf klassischem Silberhalogenidfilm, sondern mit dem Photoshop-Plugin Silver Efex Pro am Computer.

Ist dieses Bild nun ein kreatives Original oder eine digitale Abkehr vom geraden Weg der Schwarzweißfotografie? Die Originalität darf unserer Ansicht nach niemand einem digital erzeugten Graustufenbild absprechen. Schließlich sind Schwarzweißfotos schon immer optische Interpretationen der farbigen Umwelt gewesen - unabhängig davon, ob das dem Menschen hinter der Kamera bewusst gewesen ist oder nicht. Und weil die Ästhetik des Films mit Korn und charakteristischem Kontrast zur traditionellen Vorstellung einer Schwarzweißaufnahme gehört, sollte man auch über die Werkzeuge zur Nachahmung dieser Filmeigenschaften nicht pauschal die Nase rümpfen.

Hier ist Investition in Zeit und Detailarbeit gefordert

Zu dick aufgetragen? Mit dem digitalen Rotfilter wird der Sommerhimmel fast schwarz

Zu dick aufgetragen? Mit dem digitalen Rotfilter wird der Sommerhimmel fast schwarz

Wenn wir deshalb eine schlechte Nachricht gleich vorwegschicken, bezieht sich diese nur auf die Qualität des Verfahrens: Digitale Schwarzweißbilder können nämlich noch immer nicht ganz mit Aufnahmen auf Silberhalogenidfilm mithalten, die unter besten Bedingungen aufgenommen, von Hand perfekt entwickelt und danach entweder auf klassisches Fotopapier abgezogen oder auf dem Trommelscanner eingelesen und in Tintenstrahltechnik mit mehreren Graustufentinten gedruckt worden sind. Aber die Qualität solcher High-End-Abzüge liegt ja auch deutlich über dem Standard durchschnittlicher Schwarzweißabzüge sowie meilenweit über den Ergebnissen der üblichen ersten Gehversuche mit auf chromogenem Schwarzweißmaterial belichteten Kleinbildnegativen. Die gute Botschaft ist deshalb, dass gute monochrome Ergebnisse aus dem Rechner allemal weit besser ausfallen als die Masse analoger Schwarzweißfotos.

Ein solches Erfolgserlebnis fordert allerdings die Investition in Zeit und Detailarbeit. Denn wer die Ausdrucksmöglichkeiten von Schwarzweißfilm auf digitalem Weg nachempfinden möchte, darf nicht einfach die Farbinformationen der Bilddatei löschen. Das können die meisten Digitalkameras und so gut wie alle Bildbearbeitungsprogramme. Aber erst die selektive Umwandlung der in den Farbkanälen enthaltenen Informationen in Grautöne zusammen mit einer gezielten Kontrastbeeinflussung führen zu den gewünschten Ergebnissen. Dieser letzte Schritt ahmt die physikalischen Vorgänge der Belichtung und Entwicklung von Silberhalogenidfilmen nach: Die lichtempfindlichen Emulsionen moderner panchromatischer Filme bilden zwar das Spektrum des Sonnenlichts korrekt ab. Durch die Verwendung von farbigen Filtern bei der Aufnahme lässt sich diese ausgewogene Tonwertwiedergabe aber aushebeln.

Ein entscheidender Vorteil gegenüber dem analogen Film

Dabei gilt, dass Flächen in der Eigenfarbe des Filters aufgehellt werden und Komplementärfarben dunkler ausfallen. In der Praxis heißt dies, dass eine gelbe Scheibe vor dem Objektiv blaues Licht reduziert und bei Landschaftsaufnahmen für einen dunkleren Himmel mit satt durchzeichneten Wolken sorgt. Dagegen sorgen Grünfilter zum Beispiel bei Naturaufnahmen für eine bessere Tontrennung von Pflanzenmotiven. Und Blaufilter können den Dunst in einer Landschaftsaufnahme hervorheben, während ein Rotfilter diesen Effekt verringert. Das Verständnis solcher physikalischen Vorgänge hilft bei der erfolgreichen Anwendung digitaler Werkzeuge. Deshalb lohnt die Lektüre von Anselm Adams 1981 erschienenem Buch „The Negative“. Dieser zweite Band der „Ansel Adams Photography Series“ kostet im Original als Ausgabe des Bulfinch Verlags rund 20 Euro. Auf Deutsch hatte der Christian Verlag den Band unter dem Titel „Das Negativ“ herausgebracht, diese Übersetzung ist aber nur noch antiquarisch erhältlich.

Was Adams über seine eigenen Aufnahmen schreibt, gilt mehr oder weniger auch für die Erarbeitung monochromer Fotos am Computer. Nur hat dieses Vorgehen einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem analogen Film: Die selektive Kontrastveränderung des Graustufenbildes durch Farbfilter geschieht hier nicht schon bei der Belichtung, sondern erst am Bildschirm. So muss der Fotograf nicht ganze Packungen unterschiedlicher Filter mit sich durch die Gegend schleppen. Umgekehrt zwingt diese Technik aber zum besonders genau belichteten Bild in maximaler Qualität. Denn bei der Umwandlung des Farbbilds zum monochromen Motiv geht je nach Grad der Beeinflussung ein Teil der Bildinformation verloren.

Wir haben uns für Silver Efex Pro von Nik entschieden

Das lässt sich am besten an der klassischen Arbeitsweise mit dem Kanalmixer nachvollziehen: Hier lässt sich bei der Umwandlung von RGB-Dateien zu Graustufenbildern bestimmen, welchen Anteil die Farbkanäle Rot, Grün und Blau am späteren Motiv haben werden. Diese neue Gewichtung der Informationen, die von den einzelnen Bildpunkten des Bayer-Sensors gespeichert werden, entspricht im Ergebnis dem Einsatz verschiedener Farbfilter. Allerdings sinkt im digitalen Verfahren die Informationsdichte, wenn einer der Kanäle besonders stark zurückgenommen wird. Deutlich ist uns das während erster Versuche mit JPG-Dateien bei Motiven mit dunklen Himmelspartien aufgefallen, die im farbigen Motiv als relativ helle Blauflächen dargestellt wurden. Hier entstanden auffällige, störende Artefakte. Die Arbeit mit etwas dunkler belichteten Raw-Dateien hat das Problem aber gelöst.

Sauber gemasert: Schwarzweiß bringt die Struktur zur Geltung

Sauber gemasert: Schwarzweiß bringt die Struktur zur Geltung

Der Kanalmixer ist ein präzises, wenn auch etwas komplexes Werkzeug. Er steht nicht nur im teuren Photoshop zur Verfügung, sondern kann auch für Photoshop Elements (das ein eigenes Werkzeug zur Schwarzweiß-Konvertierung an Bord hat) als Plugin verschiedener Anbieter nachgerüstet werden. Weil aber für ein ansprechendes Ergebnis auch die Anpassung von Kontrast und Körnung sowie selektives Abwedeln und Nachbelichten gefragt sind, haben wir uns bald für Silver Efex Pro von Nik (200 Euro) als Software unserer Wahl für digitale Schwarzweißfotos entschieden. Das Plugin gibt es für Photoshop, Lightroom und Aperture.

„Ein recht zweifelhafter Brauch“

Silver Efex Pro in der Kombination mit Adobe Camera Raw und Photoshop CS4 ergibt nach etwas Übung absolut realistische Schwarzweißbilder aus digitalen Raw-Dateien von Kameras wie Panasonic Lumix LX3, Nikon D300 und Nikon D700. Gerade bei Architekturaufnahmen hat uns die Möglichkeit zur selektiven Nachbelichtung oder Aufhellung von Motivpartien mit der U-Point-Technik überzeugt. Allerdings sind wir recht bald vom häufigen Einsatz des Stilbrowsers auf der linken Seite des Arbeitsfensters abgekommen.

Bessere Ergebnisse zeitigte die manuelle Auswahl eines Filters und die individuelle Anpassung des Kontrastes in Abhängigkeit der gewählten Filmemulsion, denn insbesondere die vorprogrammierten Hochkontrast-Effekte trugen bei vielen Motiven einfach zu dick auf. Neu ist dieses Phänomen allerdings nicht: Dass zum Beispiel viel zu dunkle Rotfilter den Himmel eines Landschaftsmotivs im Hochsommer in tiefem Schwarz zulaufen lassen, ärgerte schon Ansel Adams an Arbeiten seiner Zeitgenossen 1981 schrieb er in „The Negative“, dass die „Verwendung solch überstarker Filter ein recht zweifelhafter Brauch“ geworden sei. Selbst solche ästhetischen Ausrutscher stellen digitale Schwarzweißfotos also in die analoge Tradition.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Peter Thomas

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