Von Daniel Meuren, Sankt Peter-Ording
01. September 2008 Am Strand von Sankt Peter-Ording steht ein Zeltdorf mit einer Bühne - inklusive DJ - und Ecken zum Entspannen. Abends steigen hier Partys direkt an der nordfriesischen Nordseeküste, in der Abenddämmerung gibt die Band Wir sind Helden ein Konzert auf dem kilometerbreiten Nordseestrand. In diesem legeren Umfeld blühen seit kurzem olympische Träume: Die Kiteboarder wollen auf den Wellen ihres Erfolgs als Funsportart ins olympische Programm segeln und springen.
Olympia wäre das Größte für einen Sportler, sagt der 20 Jahre alte Kevin Langeree. Der Niederländer hat soeben wieder einen jener tollkühnen Ritte über die Wellen hingelegt, die sein Markenzeichen sind. Mit Hilfe eines in rund 25 Meter Höhe schwebenden Drachens zaubert Langeree wahre Kunstwerke des Draufgängertums aufs Wasser.
Helden der Powerzone
In der Szene der Kiter, die kindliche Begeisterung am Drachensteigenlassen mit der coolen Lebenshaltung von Surfern und Snowboardern verbindet, wird er verehrt, weil Langeree den High-Tech-Drachen über eine Lenkstange und vier Seile wie kaum ein anderer in die sogenannte Powerzone lenkt. Dort übertragen die Drachen die Kräfte des Windes zu einem großen Teil auf den Kiteboarder und sein an die Füße geschnalltes Brett. Langeree hebt dann auf den als Rampen genutzten Wellen zu weiten, bis zu 15 Meter hohen Sprüngen ab.
Diese akrobatischen Kunststücke heißen Slim 7, Low Mobe oder Front Mobe Blind und gelten als die schwierigsten Tricks in der Königsdisziplin Freestyle. Die Artisten drehen sich dabei mehrfach um die Längsachse des Körpers und produzieren Salti. Gewissermaßen sind sie die Snowboarder des Meeres, die den Vorteil haben, nicht ständig einen Schlepplift zu benötigen und vor allem weicher zu stürzen.
Kiten läuft dem Windsurfen den Rang ab
Bei Olympischen Spielen wären die Kiteboarder wohl eine der spektakulärsten Sportarten seit Abschaffung des Tauziehens. Doch ins olympische Programm kommen sie wohl nur, wenn sie sich mit den Seglern verbünden. Die Kiteboarder diskutieren deshalb gerade mit dem internationalen Segelverband über die Aufnahme ihrer vergleichsweise langweiligen Disziplin Kursrennen ins olympische Programm. Für die Drachensegler müsste dann eine Bootsklasse weichen. Bei den Kursrennen geht es allerdings vorrangig um Schnelligkeit und nur in zweiter Linie um Körperbeherrschung und artistisches Können, wie sie Langeree und seinen großen Rivalen Aaron Hadlow auszeichnet.
Die beiden sind die dominierenden Figuren der Kiter-Szene, die mittlerweile an den windigen Stränden dieser Welt den Old-School-Wind-Artisten auf den Surfbrettern den Rang ablaufen und weltweit schon eine Gemeinde von 200 000 Anhängern gebildet hat. Spätestens seitdem die Surflegende Robbie Naish sich vor anderthalb Jahrzehnten vom klassischen Windsurfen verabschiedete und sich stattdessen selbst als Mast-und-Segelersatz mit einem Drachen verband und sogar zum Weltmeistertitel fuhr, ist das Kiten auf dem unaufhaltsamen Vormarsch.
Langeree: Es ist cool, in einer Szene wie der Kiteboarder-Community an der Spitze zu sein.
Mittlerweile ist die Legende aus Hawaii auch zum Top-Produzenten von Kite-Material aufgestiegen. Die Szene ist zu einem interessanten Wirtschaftszweig geworden, sie hält drei bis vier Dutzend an Herstellerfirmen am Leben und einen bunten Blätterwald an coolen Magazinen wie dem in Deutschland aufgelegten Hochglanzprodukt „Kitelife”. Die Inhalte dieser Hefte bestechen vor allem durch coole Fotos, die das Kiten zur Genüge liefert.
Die gefragtesten Protagonisten dieser Shootings sind Kerle wie Langeree und Hadlow. Auch in Ording überragen sie in dieser Woche mit ihren Darbietungen ihre Herausforderer wieder um Längen. Wir machen keine Millionen mit dem Kiten, aber ich kann sehr gut leben und habe Fun, sagt Langeree. Mir ist vor allem wichtig, dass ich einen eigenen Stil entwickelt haben, weil es cool ist, in einer Szene wie der Kiteboarder-Community an der Spitze zu sein.
Nicht alle mögen Olympia
Sein Rivale Hadlow ist aber nach wie vor das Non-plus-Ultra. Der ebenfalls 20 Jahre alte Engländer ist der Star der Szene hat, er hat vier mal in Folge den Weltmeistertitel der Freestyler errungen, außerhalb der beiden konkurrierenden Kiteboard-Welttouren verdient er sein Geld durch lukrative Werbeshootings für Fotos und Fernsehspots. Da mache ich noch verrücktere Sachen als hier in Ording, versichert der Engländer. Auf seiner Homepage hat er in Videos ein paar Beweise für diese Aussage hinterlegt (Internet-Auftritt des Kitesurf-Weltmeisters Aaron Hadlow). Ich muss mich für unsere Wettkämpfe schon für die Jury in ein Korsett zwängen, Olympische Spiele mit blöden Rennen werde ich deshalb ganz sicher nicht mitmachen, sagt Hadlow.
Für Kristin Boese ist unterdessen genau diese olympische Hoffnung das Elixier zum Weitermachen. Die 31 Jahre alte Sportlerin aus Potsdam, die schon in sämtlichen Disziplinen des Kiteboarings Weltmeisterin war, ist eine der Ältesten auf der Tour, in Deutschland hat sie es dank geschickter Vermarktung in den bislang vier Jahren als Profisportlerin zu einer gewissen Bekanntheit geschafft. (siehe auch: Video: Kite-Surf-Weltmeisterin Kristin Boese und die Faszination des Fliegens)
Neues Abenteuer Wavesurfen
Boese kann von ihrem Sport gut leben - aber sie weiß auch noch um den Beginn ihrer Karriere vor einem Jahrzehnt. Ich habe mir noch jeden der 1000 Euro teuren Kite durch Kitekurse finanziert, sagt Boese. Heute werden die Kids von ihren Eltern gesponsort und auf Erfolg gedrimmt. Wie beispielsweise das 14 Jahre alte Wunderkind Gisela Pulido, die bereits seit vier Jahren zur Weltelite zählt und den Freestyle-Wettbewerb weitgehend dominiert.
Boese tritt zwar noch immer springend und schraubendrehend in den Wettbewerb mit den Mädels, sie wagt sich sogar in die junge, in Europa aber mangels geeigneter Wellen nicht ausgetragene Disziplin des Wavesurfens, bei der die Athleten mit dem Schub des Windes in meterhohe Wellen fahren, auf den Wasserbergen tanzen und nach dem meist unvermeidlichen Sturz noch vom Mittelpunkt des Schleudergangs einer krachenden Welle heraus den Drachen in der Luft halten. Das ist ein Wahnsinnsgefühl, wenn man dem Drachen so sehr vertraut, dass man sich auf dieses Abenteuer einlässt, sagt Boese.
Mittlerweile funktionieren die Sicherungsvorrichtungen
Wenn sie einen Wettbewerb gewinnen will, muss sie sich aber auf die Rennen konzentrieren, bei denen ihr der Erfahrungsschatz aus unzähligen Wettbewerben auch bei den Wettfahrten in dieser Woche wieder Siege eingebracht hat. Vor allem hat Boese ihren Konkurrentinnen auch eine Erfahrung voraus, die im Zweifelsfall vielleicht das ein oder andere extrem gewagte Manöver verhindert.
Boese musste vor fünf Jahren beim tödlichen Unfall der deutschen Mitberwerberin Silke Gorldt an der Ostsee zuschauen. Diese kam ums Leben, als sich die Seile ihres Drachen einem anderen Drachen verkeilten und plötzlich nicht mehr zu bändigende Zugkraft die Pilotin über Wasser und Strand schleifte und dabei gegen Holzbuhnen schleuderte.
Anschließend haben wir an weiteren Sicherungsmaßnahmen gearbeitet, die das Kiten mittlerweile auch in solchen Gefahrensituationen zu einer kontrollierbaren Sportart machen, sagt Boese. Die Kites haben nun zwei Sicherungsstufen, mit denen im wahrsten Sinne des Wortes die Reißleine zu ziehen und der Drachen abzuschütteln ist, die einen Unfall wie einst weitgehend ausschließen. Nur eshalb jage ich dem Traum vom Fliegen noch immer hinterher, sagt Kristin Boese.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: FAZ.NET-Daniel Meuren, hochzwei