04. November 2009 Die zwei Lebensentwürfe, die Adam Haslett in seinem Romandebüt aufeinander prallen lässt, könnten gegensätzlicher kaum sein: Der junge ehrgeizige Börsenmarker Doug hat seine neue, Prunkvilla genau auf dem Nachbargrundstück von Charlottes Haus errichten lassen, in dem die Witwe seit ihrem Rückzug aufs Land nur in Gesellschaft von zwei Hunden lebt.
Der verfallene Charme der Ferienresidenz, die einst ihren Eltern gehörte, verkörpert die Welt der Geschichtslehrerin im Ruhestand: Sie entstammt der bürgerlichen Mittelschicht der amerikanischen Ostküste, ist kultiviert und vertraut auf Recht und Ordnung. Ihr neuer Nachbar indes, der siebenunddreißigjährige Doug, der so gar nicht an diesen Ort zu passen scheint, hat ihn nicht aus Zufall ausgewählt. Denn hier lebte er, als Sohn einer allein erziehenden und alkoholabhängigen Mutter, auf der Schattenseite des amerikanischen Traums, und hier schwor er sich, eines niemals an sich selbst zuzulassen: Schwäche.
Alles Wald
Gleich in der ersten Begegnung der beiden Protagonisten werden die Claims abgesteckt: Guten Morgen. Das neue Haus da - gehört mir, sagt nassforsch der junge Mann. Wald. Ehe Sie hier erschienen sind. Alles Wald, lautet die prompte Antwort der alten Dame, die fast schon verschroben wirkt. Dass Doug diese Charlotte deshalb jedenfalls unterschätzt, ist ein kapitaler Fehler. Denn sie wird die Gemeinde verklagen, weil der Wald, den Doug für seine Villa roden ließ, nicht hätte verkauft werden dürfen.
Der 394 Seiten lange Roman Union Atlantic ist Gesellschaftsdrama, Börsengeschichte und vor allem Familienroman in einem. Vielleicht zählt deshalb Jonathan Franzen zu den Förderern von Adam Haslett. Schon anlässlich seines Erzähl-Debüts You Are Not A Stranger aus dem Jahr 2002, das auf deutsch unter dem Titel Das Gespenst der Liebe erschien, lobte Franzen an dem Kollegen die wunderbare Seltenheit, ein junger Geschichtenerzähler der alten Schule, zu sein, der etwas Wichtiges, Neues und Intelligentes zu sagen hat. Adam Haslett, 1970 geboren, lebt heute als Autor und Anwalt in New York. Seine literarische Analyse der Gesellschaft fällt nicht positiv aus. Gewonnen hat hier am Ende niemand.
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Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Verlag