
Ob Ms. Cartwright sich vielleicht in der Adresse geirrt hatte und das Haus unbewohnt war? Das hoffte er jedenfalls. Doch kaum hatte er an die hintere Tür geklopft, hörte er Hundegebell und das Wetzen von Krallen auf Linoleum. Irgendwo im Haus rief jemand etwas, das er nicht verstand. Dann näherten sich Schritte. Er hörte schroffes Flüstern.
«Sei nicht albern», sagte die Stimme. «Seit wann klopft der Teufel an?» Dann lauter: «Wer ist da?»
«Nate Fuller. Sind Sie Charlotte Graves?»
Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, zwei Hundeschnauzen zwängten sich in die Lücke und Sekunden später das runzlige Gesicht einer grauhaarigen Frau. «Selbstverständlich», sagte sie. «Wer sollte ich sonst sein? Sind Sie Mormone? Die kommen normalerweise zu zweit.»
«Nein», sagte er, die Stimme gegen das Gebell anhebend.
«Ich komme wegen der Nachhilfe. Ich hab letzte Woche bei Ihnen angerufen. Wir haben telefoniert.»
«So. Haben wir das?»
Sie musterte ihn einen Augenblick und schob dann unwillig die Hundeköpfe hinter sich.
«Ja, das haben wir wohl», sagte sie. «Dann sollte ich Sie auch hereinlassen.» Sie zog die Tür auf und trat beiseite.
Kaum war Nate drinnen, stieg der Dobermann an ihm hoch, stemmte ihm die Vorderpfoten auf die Brust und drängte ihn an die Wand. Er bleckte die Zähne und bellte. Neben ihm knurrte ein großer, sabbernder Mastiff.
«Wilkie, nun werd nicht gleich wieder paranoid!», rief die Frau. «Der Junge hat mit Elijah Muhammad nicht das Geringste zu tun! Sitz!», schimpfte sie und schlug mit einem Geschirrtuch nach ihm. Der Hund bedrängte Nate kurz, die Augäpfel auffallend weiß im schmalen, dunklen Schädel. Nur widerstrebend sank er neben seinem Artgenossen auf die Hinterläufe, und nun flankierten beide ihre Besitzerin, bewachten sie wie Türsteher einen Eingang.
Die Küche sah aus wie ein Filmset für Früchte des Zorns, das Holz der Arbeitsplatten verzogen und fleckig, das Spülbecken rostgestriemt, das Email des alten, klauenfüßigen Herds von Sprüngen durchzogen. Das einzige halbwegs moderne Gerät schien der Kühlschrank zu sein, und auch der wirkte ziemlich ramponiert. Dabei hatte das nichts mit Armut zu tun. Das war es nicht. Es war etwas anderes. Was genau, konnte Nate nicht sagen.
«Passt es gerade schlecht?», fragte er hoffnungsvoll.
«Soll ich lieber ein andermal wiederkommen?»
«Nein», sagte sie. «Ein andermal passt es auch nicht besser oder schlechter. Ich erinnere mich jetzt an Ihren Anruf. Sie müssen Versäumtes nachholen.»
«Ja. Geschichte für die Einstufungstests.»
Irgendetwas auf dem rot-weiß gesprenkelten Linoleumfußboden schien ihr Augenmerk zu erregen. Die Hände in den ausgeleierten Taschen ihrer Strickjacke kamen zur Ruhe. Einen Augenblick herrschte vollkommene Stille.
«Eigentlich mache ich das kaum noch», sagte sie nachdenklich, als hätte der Aufruhr mit den Hunden nicht stattgefunden, als wäre sie allein in der Küche und träfe im Stillen eine Feststellung. «Nachhilfe geben, meine ich.»
Nate wusste darauf nichts zu sagen. Der Moment schien nicht ihm zu gelten. Und doch fürchtete er bereits, sie könnte bei allem Unmut enttäuscht sein, wenn er jetzt ginge.
«Ms. Cartwright - sie hat gemeint, Sie hätten früher an der High School unterrichtet.»
Die alte Dame löste sich aus ihrer Innenschau und nickte.
Als er seinen Rucksack hochnahm und vortreten wollte, begann der Dobermann wieder zu knurren.
«Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser?», fragte sie.
«Oder eine Orangina?»
«Wasser wäre gut, danke.»
Sie ging an die Spüle, füllte einen Zinnkrug und reichte ihn Nate. Das Ding sah aus wie etwas, aus dem Ritter tranken.
«Nun», sagte sie. «Dann wollen wir mal anfangen.»
Er hatte mit ein paar einleitenden Fragen gerechnet. Was sie bisher durchgenommen hätten, was er versäumt habe. Aber es kam nichts dergleichen. Sie habe in letzter Zeit viel über Sachenrecht gelesen, begann sie, wodurch sie jetzt auf das Thema Steuern gekommen sei.
Auf der äußeren Kante der Couch sitzend, legte sie die Hände im Schoß zusammen und blickte starr in die Kaminasche. Nach kurzem Schweigen hüstelte sie und sagte: «Bei mir pflegen die Schüler mitzuschreiben.»
«Ach ja», sagte er und wühlte in seinem Rucksack nach Papier und Stift. «Klar.»
«Der sechzehnte Zusatzartikel zur Verfassung wird gern vernachlässigt», begann sie. «Aber nicht in diesem Haus.»
Und dann hob sie zu einem gut halbstündigen Vortrag über die Einführung der Bundeseinkommensteuer an und den langen Kampf um die Einbeziehung von Unternehmen und Vermögenden, über die Anliegen der Populisten und Sozialisten und der Demokraten unter Bryan, die vom Supreme Court kassiert und doch wieder und wieder propagiert worden waren, bis schließlich der progressive Flügel der Republikaner sie sich als Lösung für die Haushaltsdefizite und den Streit um die Zollreform auf die Fahnen schrieb. An Präsident Taft, der in Nates Lehrplan nicht einmal vorkam, ließ Ms. Graves kein gutes Haar: Der Mann sei schwerfällig gewesen. Schlicht inkompetent.
«Doch eines muss man ihm lassen», fuhr sie fort, «er war es, der sich 1909 vor den Kongress stellte und jenen Zusatzartikel vorschlug, der es der Regierung erlauben sollte, allgemeine Einkommensteuern zu erheben.»
In seinem altersschwachen Ohrensessel mit den zerschlissenen, fusseligen Polstern nahm Nate den bemerkenswerten Zustand des Zimmers in sich auf. Jede verfügbare Fläche - von den Beistelltischen über den Kaminsims bis hin zu einem Gutteil des Fußbodens - war mit Papier bedeckt: Fachblättern, Zeitungen, Zeitschriften sowie vergilbten, aus Mappen quellenden Dokumenten, und dann waren die Stapel wieder als Ablage für alles und jedes benutzt worden, von Kaffeebechern bis zu schmutzigem Geschirr und abgelegter Kleidung - rote Wollhandschuhe, ein Schal. Wo er auch hinsah, Bücher: gebundene oder Taschenbuchausgaben, Nachschlagewerke, uralte Lederbuchrücken mit goldenen Lettern, Atlanten, Kunst- und Fotobände, Biographien, Romane, Geschichtsbücher, einige aufgeschlagen, andere um kleinere Bände geklappt, an den Wänden lehnten überladene Regale wie bröckelnde Monumente einer untergegangenen Ordnung, die vor der neuerlichen Flut von Gedrucktem kapituliert hatte.
«Eine indirekte Steuer auf das Privileg der Handelsbetätigung, so umschrieb Taft die Körperschaftssteuer.»
Das Zitat stammte aus einem Wälzer, der aufgeschlagen vor ihr auf dem Couchtisch lag. «Weitere vier Jahre vergingen, bis genügend Bundesstaaten den Zusatzartikel ratifiziert hatten und der Kongress den Gesetzentwurf Wilson zur Unterschrift vorlegen konnte. Trotzdem, der Grundsatz war damit formuliert: Für das Privileg, in dieser unserer Demokratie Geld zu verdienen, werdet ihr, die Wohlhabenden, zahlen.»
«Aber», sagte sie, langsam Feuer fangend, «springen wir doch ein halbes Jahrhundert vor. Wir schreiben das Jahr 1964. Die Republikaner befinden sich in Auflösung, das reine Chaos, ohne Weißes Haus, ohne Kongress, ohne Supreme Court. Soeben ist das Bürgerrechtsgesetz verabschiedet worden. Und nun tritt ein gewisser Barry Goldwater auf. Der hat eine Idee: Erklären wir doch die Regierung zum Feind.»
Beinahe genauso verblüffend wie die Papierberge war, wie normal all das für Ms. Graves zu sein schien. Über den unglaublichen Zustand des Zimmers hatte sie, als sie ihn hereinbat, kein Wort verloren; vielmehr hatte sie es ihm überlassen, sich einen Platz frei zu schaufeln. Offenbar fand sie nichts dabei. Trotz der Unordnung und ihrer weitschweifigen Reden kam sie ihm jedoch nicht konfus vor. Im Gegenteil, Nate hatte nie jemanden so im Brustton der Überzeugung sprechen hören, außer vielleicht seinen Vater. Ganz sicher keinen seiner Lehrer.
Das hier war Geschichtsunterricht, klar. Aber sie redete, als probe sie den rhetorischen Aufstand gegen die Feinde der Zivilisation.
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Adam Haslett