Karrieresprung

Gesucht: Forscher mit Unternehmergeist

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - bei FAZ.NET

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08. November 2002 Universitäten gelten als Brutstätten für Innovationen. Getrieben durch den Forschergeist und frei von Marktzwängen werden dort zukunftsweisende technologische, medizinische oder naturwissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen. Die müsste man nur noch kommerziell umsetzen und flugs würden wissenschaftliche Assistenten reihenweise zu erfolgreichen Unternehmern avancieren.

Einige haben den Sprung von der Wissenschaft in die Wirtschaft auch bravourös gemeistert, das beweisen erfolgreiche Spin-offs von Universitäten wie das Münchner Unternehmen Switch Biotech oder die in Saarbrücken ansässige Firma imc. Selbstverständlich ist das aber längst nicht. Aus einem Forscher einen Manager zu machen, sei die größte Herausforderung für eine Firmengründung aus der Hochschule heraus, lautet das Resumée einer aktuellen Studie des britischen Risikokapitalgebers 3i und der amerikanischen Economist Group. „Sie können eine bahnbrechende Technologie haben - mit einem mittelmäßigen CEO wird das Unternehmen nicht erfolgreich sein“, wird dort Prof. Robert Langer zitiert, Gründer-Veteran am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston.

Was tun mit der Technologie

Den Forschern fehlt häufig eine Vorstellung davon, in Form welcher Produkte oder Dienstleistungen ihre Technologie am Markt bestehen kann, welche Vertriebswege und Kooperationspartner sie dazu brauchen und wie sich die Konkurrenz positioniert. Hinzu kommt, dass sie sich bis dato nicht mit Themen wie Gesellschaftsformen, Personalführung, Nutzungsrechte von Patenten oder Finanzkalkulation beschäftigt haben.

Wie auch, schließlich könnten die Anforderungen und Wertewelten von Wirtschaft und Wissenschaft kaum unterschiedlicher sein. „Wissenschaftler richten ihr Handeln auf die Gewinnung neuer Erkenntnisse und das individuelle Ziel aus, ein namhafter Professor zu werden“, sagt Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer. „Viele denken, ein Unternehmen zu gründen sei ein Klacks im Vergleich dazu, einen wissenschaftlichen Artikel in einem renommierten Fachjournal zu veröffentlichen.“ Genährt worden sei diese Hybris auch durch Risikokapitalgeber, die die Forscher einst so heftig umgarnten.

Vorbilder für Gründer

Scheer weiß, wovon er spricht. Der Professor am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität Saarbrücken gründete 1984 im Alter von 43 Jahren das heute börsennotierte Software- und Beratungsunternehmen IDS Scheer. Damit nicht genug: Gemeinsam mit drei seiner wissenschaftlichen Assistenten - „allesamt Supertypen“ - startete er vor fünf Jahren die Firma imc, die hierzulande heute als Marktführer für E-Learning-Lösungen gilt.

Bei der Auswahl des Teams legte Grenzgänger Scheer großen Wert auf die Persönlichkeit und die Fähigkeit zum unternehmerischen Denken: „Das erwirbt man nicht in einer Vorlesung zum Thema Entrepreneurship.“ Um den Gründergeist an deutschen Hochschulen zu schüren, braucht es mehr Vorbilder, glaubt der umtriebige Professor: „Das ist wie bei der Kindererziehung: Schlaue Bücher allein helfen nicht.“

Neun Prozent wollen gründen

Dass man Unternehmertum nur bedingt lernen kann, glaubt auch Prof. Michael Schefczyk, Inhaber des SAP-Stiftungslehrstuhls für Entrepreneurship an der TU Dresden. „Wer aber marktorientiert denken kann, risikobereit und fähig ist, ein Team mit Personen zu bilden, deren Fähigkeiten die eigenen Schwächen ausgleichen, kann durch systematische Vorbereitung seine unternehmerischen Chancen verbessern“, so Schefczyk.

Rund zehn Lehrstühle für Existenzgründung gibt es mittlerweile an deutschen Unis. Die Angebote sind stark nachgefragt, doch vom Gründungsfieber sind hierzulande immer noch die wenigsten Studenten gepackt. Knapp 40 Prozent könnten es sich zwar grundsätzlich vorstellen, irgendwann selbständig tätig zu sein. Unmittelbar oder kurz nach dem Studium kommt das allerdings nur für jene neun Prozent in Frage, die sich bereits regelmäßig und intensiv mit dem Thema Gründung befassen. Das ermittelte das Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in einer Befragung von mehr als 5.000 Studenten.

Anschubhilfe an den Hochschulen

Zahlreiche Hochschulen haben in den vergangenen Jahren Transferzentren geschaffen, die Wissenschaftlern mit zündenden Ideen den Weg zur eigenen Firma ebnen sollen. Martin Blüggel, Gründer der Dortmunder Protagen AG, profitierte von der Transfergesellschaft rubitec GmbH an der Ruhr-Universität Bochum. Sie half bei Patentanmeldungen, der Teilnahme an einem Förderprogramm und stellte den Gründern zwei Jahre lang Räume und teure Infrastruktur an der Universität zur Verfügung. „Das hat ungemein geholfen“, sagt Blüggel. Zum Vollblut-Manager ist der Chemiker aber nicht geworden. Vor kurzem holte die Protagen AG einen externen CEO ins Boot, Blüggel kümmert sich wieder verstärkt um die Entwicklungsarbeit. Er beherzigte damit die Forderung der 3i/Economist-Studie: „Researchers research, Managers manage.“

Text: @ober

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