DIN-Normen gibt es bald auch für Golfbälle
Erst die Politik, dann der Duschkopf. Bevor die Ingenieure über die neuen technischen Normen für Badezimmer-Armaturen diskutieren, müssen sie erst diplomatische Fragen klären. Auf europäischer Ebene wird ein neues Sekretariat für Sanitärnormen gesucht, seit die Franzosen abgetreten sind. Sollen wir uns bewerben? Die zwölf Deutschen wissen: Diese Position sichert ihnen viel Einfluss darauf, wie die Wasserhähne in Europas Badezimmern künftig konstruiert sein müssen. Aber ist der Job nicht zu aufwendig und zu teuer? Die Frage wird vertagt.
Dann geht es endlich um das Thema, dessentwegen die Ingenieure nach Berlin gekommen sind, in das Deutsche Institut für Normung (DIN): um Normen. Die Männer arbeiten fast alle für Hersteller von Badezimmer-Armaturen. Und für diese Unternehmen steht viel Geld hinter der Frage, welcher Brauseschlauch und welche WC-Druckspülung noch der DIN-Norm entspricht, welche Temperaturen und welchen Abrieb ein ausziehbarer Schlauch in der Dusche verkraften muss.
Wehe, es tanzt einer aus der Reihe: DIN-Normen gibt's auch für die Steigung von Treppen
Schon 1917 kamen Unternehmer auf die Idee, ein Forum für einheitliche Produktionsstandards zu gründen. Das macht die Herstellung und den Verkauf ihrer Erzeugnisse einfacher und sicherer, und ganz nebenbei hält man auch den Gesetzgeber aus diesen Fragen heraus. Deshalb gibt heute nicht der Staat vor, wie ein Flugzeug lackiert wird, wie breit Treppenstufen sein sollen oder welches Pigment für die weiße Farbe in der Zahnpasta sorgt, sondern die interessierten Kreise entwickeln diese Normen gemeinsam und aktualisieren sie auch regelmäßig - anders als der Gesetzgeber es mit seinen Regeln tut. Auch die Europäische Kommission verzichtet gelegentlich darauf, in ihren Richtlinien etwa die Standards für umweltgerechte Kühlschränke selbst festzulegen, sondern beauftragt Normenorganisationen mit dieser Frage.
Berühmt ist das DIN dank der Norm für Papier, sie ist seit 1957 - trotz Widerstands aus Amerika - weltweiter Standard. Insgesamt hat das DIN mehr als 30.000 Normen hervorgebracht, für Produkte, Verfahren und inzwischen auch für Dienstleistungen wie Tauchkurse oder Finanzberatung. Es gibt sogar eine Norm für Normungsverfahren. Das DIN ist die Plattform der Normung, hierher entsenden Hersteller, Händler, Behörden oder Verbraucherschützer ihre Vertreter. Sie entscheiden im Konsens; erst wenn auch der letzte Bedenkenträger nickt, tritt eine neue DIN-Norm in Kraft. Auf europäischer Ebene gilt EN, weltweit ISO.
Fast immer sind es Ingenieure, die in solchen Gremien verhandeln. In kleineren oder mittleren Unternehmen gehen die Geschäftsführer oft noch selbst in die Normung, wie es im Fachjargon heißt, weil sie ihre Produkte und Interessen eben am besten kennen und (nur?) sich selbst zutrauen, auf deutscher oder internationaler Ebene selbstbewusst aufzutreten.
Gut 28.000 Mitarbeiter registriert das DIN in seinen Arbeitsgruppen, fast alle Ingenieure. Dazu kommt eine unbekannte Zahl von Ingenieuren, die in den Unternehmen für Normung zuständig sind. Große Hersteller leisten sich ganze Stabsabteilungen, die das Wissen über Normen und Patente verwalten, die Produktion beraten und die Interessen ihrer Arbeitgeber in Normungsausschüssen vertreten. Hier sitzen junge Ingenieure oft früh auf verantwortungsvollen Positionen. Allerdings, klagt mancher hinter vorgehaltener Hand, haben sie zunehmend mit Betriebswirten zu kämpfen, die an der Spitze der Unternehmen und im Marketing das Regiment führen. Der Techniker liebt seine Normen und glaubt unerschütterlich an ihr Existenzrecht. Für den Verkäufer sind sie eher ein notwendiges Übel.
Obmann des Sanitärausschusses ist Martin Joedicke, Diplom-Physikingenieur und Leiter der Entwicklungsabteilung des Armaturenherstellers Grohe. Wir müssen uns über das Design von unseren Wettbewerbern absetzen, nicht über die Normen, sagt er. Lösungen, die nicht standardisiert sind, sind immer teurer. Wenn die mechanische Schnittstelle fehlt, dann lässt sich ein Gerät nicht vermarkten. Grohe-Wasserhähne müssen in alle Waschbecken passen, es gibt zu viele Hersteller für Sanitärkeramik, als dass man sich mit jedem Einzelnen einigen könnte. Deshalb dreht sich die Arbeit von Martin Joedicke vor allem um die Frage, ob neue Produkte zu den alten Normen passen, denn neue Normen bedeuten nur Scherereien. Ein Jahr kann es dauern, bis sie in Kraft sind, auf europäischer Ebene bis zu zwei Jahre.
Innenansicht aus dem Deutschen Institut für Normung in Berlin: Hier entstehen auch Normen für kratzfeste Autolacke
Wer die Norm macht, hat den Markt, wirbt das DIN. Ein Marktführer könnte vielleicht Größen, Formen und Abläufe diktieren, aber die Mittelständler werden von den Normen davor geschützt, dass genau dies passiert. Und weil die Unternehmen für die Entwicklung und Markteinführung neuer Produkte immer weniger Zeit haben - nach neun Monaten muss ein neuer Wasserhahn auf den Markt -, sparen Normen der Industrie auch Geld. Und zwar 16 Milliarden Euro im Jahr, hat das Karlsruher Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung im Jahr 2000 ausgerechnet.
Aber umsonst gibt es die Standards nicht. Das DIN ist ein privater, gemeinnütziger Verein und verlangt Gebühren sowohl dafür, dass seine Mitarbeiter die Normungssitzungen organisieren, als auch für die fertigen Normen. Die Unternehmen erhalten sie nur gegen Gebühr. Eine 15 Seiten lange Norm über Beschichtungsstoffe gegen Feuchtigkeit kann um die 30 Euro kosten, eine Hunderte Seiten lange Norm für die Luftfahrt auch mal eine sechsstellige Summe. Es ist ein faires System, sagt Sibylle Gabler, Sprecherin des DIN: Für ein Gesetz zahlen alle Steuerzahler, für die Norm zahlt nur derjenige, der an ihr interessiert ist. Die Gesetze müssten alle einhalten, Normen nur, wer will. Schließlich kann man Duschschläuche auch dicker machen und Zahnpasta lila färben. Aber wenn eine Norm zum Beispiel in einem Vertrag vereinbart wurde, dann haben es die Unternehmen vor Gericht viel leichter, wenn ein Produkt aus der Reihe fällt, sagt Gabler. Und in einem Auftrag muss ein Unternehmen nicht alle Details ausschreiben, sondern verweist einfach auf die in Stein gemeißelten Standards.
Für das Exportland Deutschland ist es besonders wichtig, seine Standards auf internationaler Ebene durchzusetzen oder sich zumindest mit Chinesen oder Amerikanern auf sie zu einigen. Insofern ist ein Normungsingenieur immer auch Diplomat. Die UN der Ingenieure heißt ISO, Internationale Organisation für Normung. Ihre 157 Mitglieder diskutieren in technischen Sekretariaten, und jedes dritte dieser Sekretariate ist in deutscher Hand.
Die Fäden laufen dann im DIN zusammen, bei Ingenieuren wie Steffen Schneider. Zwar ist man in den Sekretariaten zur Neutralität verpflichtet, aber trotzdem hat man Einfluss, sagt der 27 Jahre alte Wirtschaftsingenieur. Ich entwerfe die Tagesordnung, empfehle Formulierungen für Normen und steuere die Kommunikation der Mitglieder. Dabei verhandelt er mit Amerikanern, Japanern oder Schweden.
Schon im Studium hat Schneider Seminare über Normung belegt, schrieb seine Diplomarbeit über technische Regelsetzung, war Trainee im DIN und betreut nun den Ausschuss für Wälz- und Gleitlager. Ich war nie interessiert daran, zu produzieren oder zu konstruieren. Ich finde es spannender, Projekte zu managen, bei Konflikten zu vermitteln, Informationen weiterzugeben.
Gerade wegen der internationalen Aspekte dieser Arbeit fällt es dem DIN schwer, Verstärkung für seine gut 380 Mitarbeiter zu finden. Viele Bewerber können kein Englisch. Jeder dritte DIN-Ingenieur ist inzwischen eine Frau, vielleicht auch, weil es mehr Normen im Dienstleistungsbereich gibt. Wenn Schneider von seinem Job erzählt, denken die Leute meistens an die von der EU genormte Gurke. Die meisten finden Normen total langweilig, gesteht er. Aber nur, bis ich erzähle, welche Verantwortung wir haben und wofür es alles Normen gibt.
Die Büschel der Bürste und das Schild des Schnullers
Schon einmal von einer Büschelauszugskraftprüfung gehört? Nein? Das zeigt, wie still und leise die Ingenieure des Deutschen Instituts für Normung arbeiten, um dem Menschen den Alltag sicherer und angenehmer zu machen. Hierzu ein paar Beispiele:
- Die Büschelauszugskraftprüfung betrifft die Hersteller von Zahnbürsten: Die einzelnen Büschel sollen nach der internationalen Norm DIN EN ISO 20216 mindestens einer Kraft von 15 Newton widerstehen. So ist gewährleistet, dass wir die Plastikborsten nicht verschlucken. Bevor sie aber altersbedingt ausfallen, sind die Borsten in der Regel längst so verbogen, dass man zu einer neuen Zahnbürste greift.
- Apropos Verschlucken: Diese Gefahr besteht gerade bei Kleinkindern, die allerlei Gegenstände gerne in den Mund schieben. So haben auch die Knopfaugen von Stofftieren nach DIN EN 71-1 genau festgelegte Zugversuche hinter sich (und sind zudem so groß, dass sie im Fall der Fälle gar nicht verschluckt werden können).
- Verschluckt ein Kind einen Schnuller, kann man nur hoffen, dass dieser der DIN EN 1400-1 genügt. Der Schild des Schnullers hat dann mindestens zwei Löcher, durch die das Kind noch atmen kann.
- Sommerzeit ist Grillzeit - und da ist es vorteilhaft, einen genormten Grill zu besitzen, der genau festgelegte Sicherheitsstandards erfüllt, zum Beispiel für eine gute Standfestigkeit. Falls der Grill auf einem klappbaren Gestell steht, muss dieses nach DIN EN 1660-1 arretierbar sein. Die nach DIN EN 1860-2 genormte Grillkohle enthält weder Pech, noch fossile Kohlearten, Erdöl, Koks oder Kunststoffe. In diesem beruhigenden Wissen schmeckt das Steak doch besser.
- Sommerzeit ist auch Campingzeit. Wohl dem, der es sich in einem Zelt bequem macht, das die DIN EN ISO 5912 erfüllt: Dank der Verwendung geeigneter Kunststoffe gewährleistet ein solches Zelt eine dauerhafte Luftzirkulation, so dass sich kein Kondenswasser bilden kann - das einem dann mitten in der Nacht auf die Nase tropft. Und wenn nicht gerade ein Sturm oder gar Orkan übers Land fegt, halten die Wände den Winden stand; genauer gesagt: Winden bis zu 15 Meter pro Sekunde, umgerechnet 54 km/h.
- Ein Schlafsack nach DIN EN 13537 entspricht den definierten Mindestinnenmaßen für den Fuß-, Knie- und Schulterbereich, sein Außenbezug hält mindestens zehn Newton an Reißkraft aus, sein Textilgewebe im Innern mindestens 20 000 Scheuertouren. Wenn man also davon ausgeht, dass eine Scheuertour einem Ein- bzw. Aussteigen entspricht, dann hat man mit solch einem Schlafsack eine Anschaffung fürs Leben getätigt.
- Leben retten auf hoher See kann eine Rettungsweste, wenn sie der internationalen Norm DIN EN ISO 12402-2 genügt. Eine solche Weste besteht aus besonders auftriebsstarkem Material, das in der Lage ist, Menschen so über Wasser zu halten, dass sie auch bei Ohnmacht oder völliger Erschöpfung gute Überlebenschancen haben. Der retroreflektive Werkstoff und die dazugehörige Signalpfeife vereinfachen für die Rettungsteams die Ortung, die Bergeschlaufe die Bergung.
- Abschließend zum Fußball: Dass das erste Tor nicht fällt, bevor der Ball das erste Mal mit vollem Umfang über der Linie war, gewährleistet die DIN EN 748. Diese Norm legt Anforderungen an die Standfestigkeit der Tore, die Stabilität der Querlatten, die Festigkeit der Fundamente sowie die Reißfestigkeit des Tornetzes fest; ebenso die Länge der Querlatte (7,32 m) und die Höhe der Pfosten (2,44 m), wobei hier kurioserweise etwas Spielraum gelassen wird: plus/ minus acht Millimeter, so dass die Höhe der Querlatte bei zwei Toren doch immerhin um 1,6 Zentimeter variieren könnte. Aber für solche potentiellen Fälle gibt es dann als ausgleichende Gerechtigkeit den Seitenwechsel nach einer Halbzeit.
Zusammengestellt von Mario Gotterbarm
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Matthias Lüdecke - FAZ