29. September 2002 Wir stellen uns auf die Zehenspitzen und heben die Arme in die Luft. Brav recken und strecken sich die vierzig Kursteilnehmer. Anschließend hopsen sie auf der Stelle. Danach schließen alle die Augen und meditieren bei leiser Entspannungsmusik.
Keine alternative Sportveranstaltung. Die Teilnehmer des Workshops tragen Anzug und Krawatte, die Frauen stecken in schicken Kostümen. Banker, Geschäftsführer, Personalleiter, Journalisten, Unternehmensberater - sie haben sich an diesem Tag in Frankfurt zu einem Seminar getroffen. Anders wieder anfangen lautet der Titel. Denn die Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Berufszweigen haben eines gemeinsam: Sie sind alle arbeitslos.
Neue Perspektiven aufzeigen
Das Anliegen des Workshops ist es, Betroffenen der derzeitigen Entlassungswelle neue Perspektiven aufzuzeigen. Aber nicht mit den üblichen Bewerbungstipps oder den Ratschlägen von Personalberatern. Um psychologische Aspekte der Krisensituation Arbeitslosigkeit soll es gehen. Die Referenten wollen ehemals erfolgreichen High Potentials den Weg ebnen, ihre Arbeitslosigkeit als Chance für einen Neubeginn zu sehen.
Neun Referenten aus den unterschiedlichsten Bereichen sind gekommen, um den Betroffenen von ihren persönlichen Erfahrungen mit einem beruflichen Neubeginn zu erzählen. Da ist zum Beispiel Jürgen Jeske, Schirmherr der Veranstaltung und ehemaliger Herausgeber der F.A.Z. Er erzählt von seiner Flucht aus der DDR und davon, wie er als ehemaliger Herrenschneider auf Umwegen zu seinem Traumberuf Journalist gefunden hat.
Hürden überwinden
Ex-Hochleistungssportler Edgar Itt ist gekommen, der nach einer schweren Verletzung den Hürdenlauf hinter sich ließ und Personaltrainer und Marketingberater wurde. Zu seinem Vortrag hat er symbolisch eine Hürde mitgebracht. Hürden überwinden ist seine Devise. Schaffen sollen das die Arbeitslosen, indem sie auf ihre innere Stimme hören und an den eigenen Erfolg glauben.
Unter den Referenten sind auch zwei Psychologen und ein Jesuitenpater. Sie leiten die praktischen Übungen des Seminars. Bei den Übungen geht es vor allem darum, den Gedanken des beruflichen Scheiterns hinter sich zu lassen und positive Schlüsse für die eigene Karriere daraus zu ziehen.
Neue Werte definieren
In kleinen Stuhlkreisen sitzen die Seminarteilnehmer beisammen und schreiben auf kleine blaue Pappkärtchen. Welche Dinge in meinem Leben machen mich stolz? Was bedaure ich? Welche Werte bestimmen mein Leben? Fast wie in einer Grundschulklasse werden die Zettel hinterher an einer Tafel aufgehängt. Im Stuhlkreis diskutieren die Betroffenen über die Statements. Und sind von den Ergebnissen sichtlich begeistert:
Bevor ich arbeitslos wurde, habe ich mir nie die Zeit genommen, mir meiner Stärken bewusst zu werden, sagt Carl D., ehemaliger Geschäftsführer einer inzwischen insolventen Papierverarbeitungsfirma in der Pfalz. Das Seminar gefällt mir, weil es anders ist. Ich bin auf der Suche nach meinen Stärken und dabei kann mir eben kein Arbeitsamt und kein Personalberater helfen.
Herausfinden, was man wirklich will
Der 41-Jährige ist seit März Hausmann, hat gelernt wie man Waschmaschine und Trockner bedient und sehr viel nachgedacht. Anders wieder anfangen passt zu mir, sagt er. Mir ist klar geworden, dass ich als Geschäftsführer viele Erfahrungen gemacht habe. Jetzt will ich meine Integrationsfähigkeit nutzen und eine eher beratende Tätigkeit beginnen.
Ähnlich wie Diffené empfinden auch viele andere Teilnehmer des Workshops. Da ist ein Mainzer Journalist, der an der Verlagskrise gescheitert ist. Nie wieder so bedingungslos ehrgeizig sein, hat er sich nach dem Seminar auf die Fahnen geschrieben. Der entlassene Pharmareferent Mathias Pietras möchte erst einmal herausfinden, was er eigentlich wirklich will. Und die arbeitslose Rechtsreferentin Petra Würz will einen Job haben, der auch so richtig zu ihr passt.
Innere Blockaden verarbeiten
Unser Ziel ist es, die Leute zu öffnen und sie auf dem Weg zu einer Wende im Leben zu begleiten, sagt Kerstin Raschke-Sawdon, Unternehmensberaterin und Moderatorin der Veranstaltung. Es gehe um eine Abkehr von der vollkommenen Erfolgsorientierung und um eine neue Bereitschaft, gerade aufgrund der Arbeitslosigkeit im Leben etwas zu ändern und einen neuen Sinn zu finden.
Mit einem alternativen Ansatz versucht Psychologe Gerhard Walper genau das zu schaffen. Durch die so genannte Systemaufstellung will er den Betroffenen deutlich machen, inwiefern der familiäre Hintergrund bei Arbeitslosigkeit zur Kraftquelle oder aber auch zu einem Hindernis werden kann. Das probieren die Seminarteilnehmer direkt vor Ort praktisch aus: In einer Art Vater-Mutter-Kind-Spiel versuchen die Betroffenen herauszufinden, wo familiäre Blockaden liegen könnten. Bei Pharmareferent Pietras klappt es sofort: Die nie verarbeitete Flucht der Eltern aus Schlesien soll nach Ansicht des Psychologen die Ursache für Pietras' Unentschlossenheit bei der Jobsuche sein.
Anders wieder anfangen
Innere Blockaden oder nicht - über eins waren sich die Seminarteilnehmer mit den Veranstaltern einig: Allein schon die Gelegenheit, mit Gleichgesinnten zu reden gibt Betroffenen die Chance, auch einmal die positiven Seiten der Arbeitslosigkeit zu entdecken.
Text: @nabs