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| Wer war diesmal schuld? |
18. September 2007
Er selbst hat im Leben nur einen Unfall gebaut, aber 50.000 Unfälle begutachtet: Bernhard Kempf betreibt das größte Sachverständigen-Büro für Kfz im Rhein-Main-Gebiet. Er spricht über harte Gutachterprüfungen, gewiefte Versicherungen und über Lebensretter im Auto.
Herr Kempf, wie werde ich Automobil-Sachverständige?
Das geht ganz leicht: Sie hängen einfach ein entsprechendes Schild an Ihre Tür. Denn der Titel "Sachverständiger" ist rechtlich nicht geschützt. So kommt es vor, dass ein Sachverständiger stirbt und die Frau, die bisher das Sekretariat betreut hat, das Büro weiterführt.
Woran erkennt man gute Sachverständige?
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| Mit 15 wollte Prüfingenieur Bernhard Kempf Rennfahrer werden |
Man sollte nach den Etiketten der Verbände und Kammern Ausschau halten, die Kriterienkataloge und Prüfungsverfahren entwickelt haben. Es gibt vereidigte Sachverständige, die von der IHK "öffentlich bestellt" werden, andere Sachverständige haben ein Zertifikat von Prüfinstituten, wieder andere sind Angehörige von Sachverständigen-Organisationen wie zum Beispiel Dekra.
Was für eine Ausbildung muss man haben?
Viele Kfz-Sachverständige sind Ingenieure für Fahrzeugbau, Maschinenbau oder Elektrotechnik, oft haben sie eine Lehre oder den Meistertitel gemacht. Technische Erfahrung ist unverzichtbar. Es reicht nicht, Autos zu lieben, man muss verstanden haben, wie ihre Teile funktionieren, am besten weil man sie selbst mal konstruiert oder repariert hat. Viele gute Sachverständige begeistern sich seit ihrer Jugend für alles, was nach Benzin riecht.
Galt das auch für Sie?
Ich wollte mit 15 Rennfahrer werden und habe mir dafür auch ein Auto gebaut. Aber das Geld reichte nicht, um in den Sport einzusteigen, deshalb habe ich Fahrzeugtechnik studiert. Dabei bin ich auf das Thema Verkehrssicherheit gestoßen, habe in der Unfallforschung gearbeitet und Crashtests mitgemacht.
Wie funktioniert der Sprung von der Hochschule in den Beruf als Gutachter?
Die meisten heuern bei Gutachterorganisationen oder etwa bei Versicherungen an. So war es auch bei mir, das Prüfwesen habe ich bei der Dekra gelernt, selbständig bin ich seit 8 Jahren. Heute habe ich drei Arbeitsgebiete: amtliche Fahrzeugprüfung, Schadensberechnung und unfallanalytische Gutachten.
Wie bekommt man das Etikett "öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger"?
Man muss eine umfängliche Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer bestehen. In der schriftlichen Bewerbung muss man eine technische Ausbildung und Berufserfahrung im Bereich Kraftfahrzeuge nachweisen. Man muss auch schon einige Jahre als Gutachter gearbeitet haben, denn das Prüfungsgremium will Arbeitsproben sehen. Wenn die Papierform stimmt, folgt eine mündliche Prüfung, in der die Gutachter die Kenntnisse über nahezu alle Teile des Autos prüfen: Karosserie, Achsen, Beleuchtung, Reifen, Motor, Getriebe und so weiter. Ist der Kandidat in der Lage, souverän einen Schaden oder eine Unfallursache zu beurteilen? Auch rechtliches Wissen wird getestet, etwa im Schadens- oder Versicherungsrecht. Dann wird die persönliche Eignung geprüft: Ist der Kandidat unparteiisch, hat er einen tadellosen Leumund? Angestellte müssen eine Erklärung des Arbeitgebers vorlegen, dass sie die Gutachtertätigkeit weisungsfrei ausüben können.
Kann sich jeder jederzeit bewerben?
Die Zahl der öffentlich bestellten Sachverständigen ist begrenzt. Die IHK stellt regelmäßig den Bedarf fest und lässt eine passende Zahl von Bewerbern zu. Leider ist es schwer, geeignete Leute zu finden, die Durchfallquote ist hoch. Das Verfahren dauert etwa ein Jahr.
Und dann bekommt der Gutachter ein exklusives Gebiet wie ein Notar und druckt Geld?
Auf keinen Fall, die Konkurrenz ist in unserem Gebiet groß. Außerdem lässt sich mit den Aufträgen der Gerichte und Staatsanwaltschaften nicht so viel verdienen, die Honorare sind gedeckelt und errechnen sich nach der Arbeitszeit. In der Privatwirtschaft wird dagegen nach der Schadenshöhe abgerechnet, dann sind die Summen etwas auskömmlicher.
Können Sie eine Größenordnung nennen?
Oft liegen die Schäden zwischen 5000 und 10 000 Euro, dafür berechnen wir 300 bis 400 Euro. Gutachten für kleine Unfälle kosten 150 bis 250 Euro, die für große Schäden etwa 1000 Euro. In Extremfällen, bei Unfällen mit mehreren beladenen Lkw, kann der Aufwand deutlich teurer sein. Man muss auch Fahrtkosten, Prüfaufwand und Transportkosten berücksichtigen, und die Kosten für Organisation und Buchhaltung. Viel nehmen Sie unter dem Strich nicht ein. Wer ordentlich verdienen will, muss unternehmerische Risiken wagen.
Was meinen Sie damit?
Sie müssen sich trauen, große Summen in Ihre Infrastruktur und Ihre Buchhaltung zu investieren. Wir haben zum Beispiel eine Prüfhalle eingerichtet, die nicht billig war.
Hat sich der Markt mit der Zeit verändert?
Vor allem der Trend der Versicherungen zum Schadensmanagement hat sich auf unsere Branche ausgewirkt. Die meisten Versicherungen beschäftigen Inhouse-Gutachter und greifen stark in die Kommunikation der Unfallgegner ein. Die Leute wissen oft nicht, dass sie auf Kosten des Unfallgegners einen Gutachter beauftragen dürfen. Stattdessen meldet sich dessen Versicherung, bietet Gutachter an, holt das Auto ab, stellt einen Mietwagen. Der Betroffene freut sich, dass alles flott geht, weiß aber nicht, dass die Wertminderung so ungünstiger berechnet werden könnte, als wenn er einen neutralen Gutachter wählt.
Woran arbeiten Sie gerade?
Zur Zeit arbeite ich mich durch Waschkörbe von Akten über einen Motorradunfall, bei dem der Fahrer tödlich verletzt wurde. Ich muss prüfen, ob die Vorderachse einen Materialfehler hatte und den Unfall verursacht hat, oder ob sie erst durch den Unfall kaputtging.
Sie sehen immer nur Unfälle, hat sich Ihr Fahrverhalten dadurch verändert?
Ich glaube, dass ich Unfallquellen jetzt besser erkenne. Als normaler Autofahrer denkt man nur an Raserei und Alkohol, als Gutachter weiß ich, dass jede Situation mit plötzlichem Geschwindigkeitswechsel Gefahr birgt.
Sehen Sie heute mehr oder weniger Unfälle?
Es gibt viel weniger Unfälle als vor 20 Jahren. Das verdanken wir auch einem besseren Straßenbau, der Verkehr fließt ruhiger. Bei der aktiven Sicherheit, also der Prävention von Unfällen, haben sich ABS und ESP als Lebensretter erwiesen. Bald werden das Kurvenlicht und der Abstandsradar noch ihren Beitrag leisten. Auch die passive Sicherheit, der Schutz der Insassen bei Unfällen, hat sich enorm verbessert. Ein Aufprall bei 50 Stundenkilometern ist keine Todesfalle mehr.
Müssen Sie sich also um Ihr Geschäft sorgen?
Im Gegenteil: Je komplexer die Technik, vor allem die Elektronik, umso anspruchsvoller werden die Schadensprüfung und die Suche nach Unfallursachen.