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Simulation für Juristen Zum Training in den Bundesgerichtshof Von Anna Weiland
Der Wachtmeister in dunkelgrüner Uniform verschränkt mit ernstem Blick seine Arme. Er stellt sich neben die Tür, die er pünktlich geschlossen hat. Seine Stimme hallt durch den sonnendurchfluteten Raum: "Der Hohe Senat! Bitte erheben Sie sich!" Augenblicklich verstummt das Flüstern der Zuschauer. Aus einer Seitentür treten fünf Personen in dunkelroten Roben. Sie bleiben vor der hellblauen Wand stehen, hinter ihnen sitzt ein grauer Steinadler in einer Nische. Ihnen gegenüber stehen links ein Mann und eine Frau, rechts zwei Männer. Sie tragen schwarze Roben und warten vor ihren Tischen, auf denen aufgeschlagene Bücher und Manuskriptstapel liegen. Ihr Gesichtsausdruck ist angespannt, die Nervosität der vorangegangenen Stunden bündelt sich jetzt in starrer Körperhaltung. Die Verhandlung am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe kann beginnen. Zwischen Kraftwerk und Hobbyangler Doch dies ist keine gewöhnliche Verhandlung. In den fünf roten Roben stecken zwar wirklich BGH-Richter, aber vor ihnen stehen keine ausgebildeten Rechtsanwälte. Stattdessen sind drei Jurastudenten und eine Jurastudentin in deren Rollen geschlüpft, um die fiktiven Prozessparteien zu vertreten: Alexander Thiel, Stephan Szalai, Sven Scholze und Bettina Schober stehen im Bundesfinale des Moot-Court-Wettbewerbs des deutschen Zweigs der "European Law Students' Association" (ELSA). Zu verhandeln haben sie folgenden Fall: Herr Fisch, ein Hobbyangler, hat über den Immobilien-Treuhänder Torsten Tunichtgut ein Grundstück an einem Fluss gekauft. Beim Angeln stellt er dann fest, dass tote Fische im Wasser treiben. Er verdächtigt Herrn Volt, für das Fischsterben verantwortlich zu sein - denn dieser betreibt in einer alten Mühle flussaufwärts ein Kraftwerk. Fisch, vertreten von dem Duo Thiel und Szalai aus Leipzig, fordert die sofortige Einstellung des Kraftwerks oder die Auflösung des Kaufvertrags. Das Team Schober und Scholze dagegen setzt sich für Herrn Volt ein. Ein Moot Court ist eine simulierte Gerichtsverhandlung für Jurastudenten. Die Idee, auf diese Weise die im Studium gelernte Theorie in die Praxis umzusetzen, stammt aus Amerika. Die Fälle können aus den verschiedensten Rechtsgebieten stammen und sind fiktiv, haben aber einen realen Hintergrund; verfasst werden sie von erfahrenen Anwälten oder Professoren. Im Moot-Court-Wettbewerb von ELSA Deutschland, der in drei Runden ausgetragen wird und so fast ein ganzes Jahr lang dauert, geht es speziell um Sachverhalte aus dem deutschen Zivilrecht. Die Zweierteams tragen - entweder als Vertreter der Kläger oder der Beklagten - ihre Schriftsätze zunächst in Lokal- und Regionalentscheiden einer Jury aus Professoren oder Dozenten aus der juristischen Fakultät vor. Im Finale setzt sich das Komitee dann aus BGH-Richtern zusammen. Vor ihnen treten nun also die Sieger der Regionalrunde Nord, Bettina Schober und Sven Scholze, und Süd, Stephan Szalai und Alexander Thiel, gegeneinander an. Der Coach hilft nur am Rande Der Weg nach Karlsruhe war für die vier Finalteilnehmer nicht nur lang, sondern auch hart. "Morgens ging ich in die Uni, erledigte meine Pflichtaufgaben und bearbeitete dann von 16 Uhr an unseren Fall", berichtet Stephan Szalai aus dem Team Leipzig. Bis zum Bibliotheksschluss um 23 Uhr habe er dann daran gesessen - und wenn das nicht reichte, sei er in einem Café bis tief in die Nacht in die Verlängerung gegangen. Die akribische Vorbereitung verhindert aber nicht, dass der Dreiundzwanzigjährige vor dem Finale nervös ist. In schwarzem Anzug, weißem Hemd und dunkelblauer Krawatte geht er auf und ab. Unter seinem linken Arm hat er Unterlagen geklemmt. Sein Kollege Alexander Thiel, ebenfalls in schickem Jackett, sieht dagegen entspannter aus. Bestimmt schlägt er dicke Gesetzesbücher an den passenden Stellen auf und legt sie vor sich zurecht. "Ich bin der aktivere Part. Alex hingegen ist die ruhige Hand in unserem Team. Vielleicht kommt das daher, dass er der Ältere ist", erklärt Stephan Szalai scherzhaft die Rollenverteilung. Thiel ist 27 Jahre alt, vor seinem Jurastudium hat er schon Soziologie studiert. Für den Moot Court von ELSA ist das nicht relevant, das Alter der Teilnehmer spielt dabei keine Rolle. Vom zweiten Fachsemester an können sich Jurastudenten für den Wettbewerb anmelden. Das bedeutet, dass sie oft noch keine Erfahrung in den Sachgebieten gesammelt haben, mit denen sie sich nun beschäftigen müssen. Auch deshalb hat jedes Team Anspruch auf einen Coach, der bei der Bearbeitung des Falls hilft. Für die Hauptarbeit sind die Studenten aber selbst zuständig, parallel zum regulären Semesterprogramm verfassen sie ihre bis zu 15 Seiten starken Schriftsätze. Den Reiz dieser Mehrbelastung erklärt Bettina Schober aus dem Kieler Team: "Normalerweise sitze ich nur über den Büchern. Dieser Wettbewerb gibt mir die Möglichkeit, neben dem Pflichtprogramm aktiv zu werden." Das Gericht spielt auch Prüfungskomitee Während der simulierten Verhandlung in Karlsruhe sieht die Aktivität der Finalisten dann so aus: Auf schwarzen Drehstühlen sitzend, tragen sie ihre Argumente dem Senat vor. Dabei kommt es zu unerwarteten Situationen. Mehrmals erläutert das Leipziger Team, dass der einst genehmigte Mühlenbau durch das Einbauen eines Kraftwerks zweckentfremdet wurde. "Dass eine Mühle nur zum Mahlen da ist, das ist ein bloßes Wortlautargument", kontert Sven Scholze nüchtern in Richtung des Senats. Der Einundzwanzigjährige sitzt dabei gemütlich in seinem Stuhl und lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Auch seine Teamkollegin scheint den Vorwürfen der Klägerseite keine Aufmerksamkeit zu schenken. Stattdessen notiert sie sich Stichpunkte, auf die sie später eingehen möchte. "Wir sollten die Argumente nicht wiederholen. Also, gibt es noch Fragen von Seiten des Senats?", unterbricht Joachim Felsch die Diskussion und blickt zu seinen Kollegen. Er gehört dem Vierten Zivilsenat des Bundesgerichtshofs an und ist Vorsitzender der Jury im Bundesfinale. "Unser Senat spielt zum einen das Gericht, zum anderen erfüllen wir die Aufgaben eines Prüfungskomitees", beschreibt er deren Aufgaben. Besonders schwierig sei es dabei, die Leistung der Finalisten zu bewerten. "Die Studenten zeigen Courage, wenn sie in einem solchen Forum auftreten. Ich habe größten Respekt davor", sagt Felsch. Den meisten Studenten gehe es nicht um das bloße Siegen, sondern darum, sich der ungewöhnlichen Situation zu stellen. Denn im Moot Court zählen neben der sauberen juristischen Lösung des Falls vor allem die "Soft Skills". Im theorielastigen Studium würden diese zu wenig gefördert, darüber sind sich die vier Finalteilnehmer einig. Zwar böten auch die Universitäten entsprechende Kurse an, der Praxisbezug aber fehle in ihnen. Im Moot Court hingegen müssen die Studenten ihre rhetorischen, prozesstaktischen und argumentativen Qualitäten tatsächlich unter Beweis stellen. Man lernt die eigenen Grenzen kennen "Ich habe teilgenommen, um mein studentisches Profil zu schärfen", sagt Stephan Szalai. Er sieht den Moot Court als Chance an, sich aus der Masse der Jurastudenten hervorzuheben. Das Kalkül könnte aufgehen. "Die Teilnahme sieht neben einer guten Examensnote positiv in den Bewerbungsunterlagen aus", sagt jedenfalls Joachim Felsch. Erich Waclawik, ein Rechtsanwalt am BGH, stimmt ihm zu. "Anwälte sind Unternehmer mit vielen Aufgaben", erklärt er. Sie müssten Mandanten gewinnen und mit ihnen richtig umgehen können. Gleichgültig, welchen Beruf ein Jurist später ergreifen werde - aber gerade für den des Anwalts sei der Wettbewerb eine gute Vorbereitung. Zudem könnten auch die Kontakte, die in dem Wettbewerb geknüpft werden, in Zukunft hilfreich sein. "Die Moot-Court-Teilnehmer sind für uns eine interessante Zielgruppe. Sie zeigen zusätzliches Engagement", sagt schließlich auch Stephanie Hundertmark, eine Partnerin der Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. Was der Moot Court außer einer womöglich wertvollen Zeile mehr im Lebenslauf gebracht hat? "Es hat einen enormen Erfahrungswert, besonders für die eigene Persönlichkeit. Man lernt seine eigenen Grenzen kennen", sagt Alexander Thiel, der mit seinem Partner für Herrn Fischs Angelglück argumentiert hat. An seiner Einschätzung ändert auch das Urteil nichts, das der Senat nach zweieinhalb Stunden verkündet: Die Klage wird abgewiesen, Herrn Volts Kraftwerk darf weiterlaufen, die Studenten aus Kiel haben den Prozess für sich entschieden. Sie hätten, so heißt es in der Begründung, ihre Argumente prägnant vorgetragen, professionell gekontert und seien ruhig auf die Gegner eingegangen. Aber, und das hat der simulierte mit vielen realen Prozessen gemeinsam, es ging denkbar knapp zu: Nur ein Punkt Vorsprung trennt den Gewinner vom Verlierer. Text: F.A.Z., 15.03.2008, Nr. 64 / Seite C8Bildmaterial: ddp |
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