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Karrieresprung

Agieren statt reagieren



Karrieresprung - Serie bei FAZ.NET
05. September 2003 
Manche Menschen stehen weit oben auf der Karriereleiter, ohne recht sagen zu können, wie sie dort hin gekommen sind. Und ob ihr gegenwärtiger Job mit seinen Inhalten und Anforderungen ihrem persönlichen Ideal eines erfüllten (Arbeits-)Lebens nahe kommt. Es hat sich halt alles so ergeben. Die Alternative zu dieser passiven und dem Traum von der beruflichen Selbstverwirklichung im Grunde entgegen stehenden Haltung heißt Selbstführung. Günter F. Müller, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Koblenz-Landau, forscht seit Jahren zu diesem Thema. Wie der Mensch durch Selbstführung zu einer authentischeren beruflichen Identität finden kann, erläutert er im Gespräch mit FAZ.NET.

Worin unterscheidet sich Selbstführung von Selbstmanagement?

Selbstmanagement bedeutet, daß Personen sich weitgehend selbst organisieren, um ein festgesetztes Ziel zu erreichen. Auf das Ziel selbst, etwa eine bestimmte Aufgabe oder Umsatzvorgabe, haben sie keinen Einfluß. Anders bei der Selbstführung: Hier legen Personen nicht nur das Vorgehen, sondern auch das angestrebte Ziel selbst fest. Diese Freiheit ist im Arbeitsalltag freilich meist den obersten Führungskräften oder aber Selbständigen vorbehalten.

Inwiefern ist Selbstführung dann für den normalen Arbeitnehmer relevant?

Selbstführung ist unabdingbar für alle, die sich beruflich weiter entwickeln und ein Stück weit selbst verwirklichen möchten. Denn: Sie schützt Menschen davor, in ihren Gewohnheiten zu verharren und sich vermeintlichen Zwängen und Umständen zu beugen. Wer sich selbst führt, agiert anstatt nur zu reagieren. Voraussetzung dafür ist, seine grundlegenden Ziele zu kennen: Was ist mir wichtig im Beruf, im Leben? Kann ich diese Bedürfnisse befriedigen oder muß ich mich in meinem gegenwärtigen Job verbiegen?

Gibt es eine Anleitung zur Führung des eigenen Ich?

Selbstführung beginnt stets dann, wenn Menschen in ihrer beruflichen Situation eine Störung wahrnehmen. Sei es, weil ihre Potentiale, Werte und Erwartungen nicht mit ihrer aktuellen Tätigkeit in Einklang stehen. Oder sie im schlimmsten Fall ihren Job verloren haben. Die erste Aufgabe lautet dann, innere Transparenz herzustellen. Meint: Sich in einer sorgfältigen und ehrlichen Bestandsaufnahme die persönlichen Bedürfnisse, Stärken und Schwächen bewußt zu machen. Statt gleich sein ganzes Leben umkrempeln zu wollen, sollte man in den eigenen Potentialen Ansatzpunkte für eine Veränderung suchen. Kurzfristig empfiehlt es sich, Ziele zu stecken, die ein konkretes Handeln ermöglichen und damit Erfolgserlebnisse versprechen.

Ziele sind das eine, deren konsequente Umsetzung etwas anderes. Mit welchen Strategien lassen sich die unterwegs auftretenden äußeren und inneren Widerstände überwinden?

Keine Frage: Um die eigenen Berufsziele zu verwirklichen, braucht es Willenskraft. Diese gilt es zu fokussieren, etwa indem man möglichst klare Vorsätze faßt: Was will ich bis wann auf welche Weise und gegebenenfalls mit wessen Hilfe erreichen? Eine andere Strategie empfiehlt sich für „überkontrollierte“ Personen. Diese neigen dazu, von außen an sie herangetragene Aufgaben und Anforderungen ungeprüft zu akzeptieren und auch dann gewissenhaft zu erledigen, wenn sie ihren eigenen Zielen entgegen stehen. Bereits die Einsicht, daß Überkontrolle kein Zeichen von Stärke ist, kann Willenskräfte frei setzen.

Funktioniert Selbstführung ausschließlich im Kopf?

Ja, wenngleich auch Gefühle eine wichtige Rolle spielen. Sie können Energien frei setzen aber auch blockieren. Entscheidend ist daher, seine Gefühle möglichst so zu steuern, daß sie positive Impulse geben. Dazu genügt oft bereits die Einsicht, daß Gefühle keine Selbstläufer, sondern etwas Gelerntes sind - und sich somit gezielt beeinflussen lassen, etwa durch eine angenehme Arbeitsumgebung.

Ist Selbstführung für jedermann erlernbar?

Grundsätzlich ja, wenngleich mit unterschiedlichem Erfolg. Selbstführungsstrategien sind um so wirkungsvoller, je mehr sie dispositionale Stärken der Person zur Geltung bringen. Wenn jemand etwa neue Aufgaben eher als Herausforderung betrachtet („opportunity thinking“), bringt er damit ein günstigeres Denken mit als jemand, der zunächst mögliche Schwierigkeiten antizipiert („obstacle thinking“). Menschen können sich nicht beliebig über ihre genetisch oder durch frühe Prägung bestimmten Grenzen hinaus entwickeln und haben oft nur bedingten Einfluß auf ihr Umfeld. Vor einer absoluten Machbarkeit beruflicher Selbstverwirklichung durch Selbstführung sei also gewarnt.

Das Gespräch führte Birgit Obermeier

Eine Schulungsdokumentation der „Landauer Selbstführungsdiagnose“ (LASA) kann bezogen werden unter http://www.uni-landau.de/~fb8/abo.htm

Buchtipp:

Günter F. Müller (Hrsg.): „Selbstverwirklichung im Arbeitsleben“. Pabst-Verlag, 20,-€, ISBN 3-89967-030-2



Text: @ober
 
 
   
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