22. November 2004 Wie verhält man sich bei einem Geschäftsessen in Japan? Wie begrüßt man sich in Amerika? Und wie schließt man Vertragsabschlüsse in Skandinavien ab? Für Unternehmen und ihre Mitarbeiter, die im globalen Wettbewerb stehen, wird die Frage des interkulturellen Verständnisses immer wichtiger.
Neil Allpress, Senior Vice President Product Related Services (PRS), Siemens Business Services, hat die Culture Clash Community mit initiiert und von Anfang an unterstützt - ein Forum, in dem sich die Mitarbeiter über kulturelle Unterschiede zwischen Asien und Europa, aber auch über die Eigenheiten der deutschsprachigen Länder informieren können.
Herr Allpress, was bedeutet die Culture Clash Community für die Mitarbeiter Ihres Unternehmens?
Wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, Informationen und Wissen auszutauschen, um in so vielen Ländern wie möglich arbeiten zu können. Durch die Culture Clash Community haben sie einen schnellen Zugang zu allem, was sie über andere Länder wissen müssen. Wir verstehen das Wissen über fremde Kulturen als eine wichtige und grundlegende Ressource.
Warum ist es heutzutage so wichtig, die Sitten und Handlungsweisen anderer Kulturen zu kennen?
Zum einen, weil rund 70 Prozent aller Geschäftsabschlüsse allein aus multikulturellen Gründen scheitern. Und zum anderen wird es immer wichtiger, Konversationen und Diskussionen auf eine kulturell sympathische Art und Weise zu führen. Ich sehe mich dafür selbst als ein gutes Beispiel. Ich bin eigentlich Engländer, lebe aber in München und arbeite auf der ganzen Welt. Dadurch weiß ich, daß die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen besonders für ein Dienstleistungsunternehmen, das auf der ganzen Welt präsent sein will, unabdingbar ist.
Bisher hat man sich vorwiegend nur dem interkulturellen Austausch zwischen Asien und Europa gewidmet, weil dort die kulturellen Unterschiede offensichtlich sind. Wie sieht es mit europäischen Ländern wie Österreich oder der Schweiz aus? Gibt es auch dort signifikante Unterschiede?
Ja, denn es ist nicht nur eine Frage der Sprache, sondern vielmehr, wie Leute sich untereinander verhalten. Wenn man die gleiche Sprache spricht, kann dies manchmal eher irreführen statt zu helfen. Man denkt, daß man sich allein deswegen verständigen kann, aber eigentlich ist die Kenntnis der unterschiedlichen Kulturen viel wichtiger als die Sprache. Ein gutes Beispiel ist Skandinavien, wo die Leute davon ausgehen, sich durch die Sprache und die nordische Kultur sehr ähnlich zu sein. Aber wenn man die vielfältigen Kulturen in Dänemark, Schweden, Norwegen oder auch Finnland betrachtet, sieht man Unterschiede, wie die Leute kommunizieren oder wie Entscheidungen getroffen werden. Die schwedische ähnelt sehr der deutschen Kultur. Die Norweger dagegen sind viel eigenständiger in Verhandlungen.
Wie groß ist das Interesse der Mitarbeiter, die Eigenheiten fremder Kulturen kennenzulernen?
Sehr groß. Wir haben rund hundert Mitglieder, die sich regelmäßig austauschen. Zusätzlich gibt es mehr als 600 Mitarbeiter, die sich bei Bedarf Zugang zu bestimmten Informationen verschaffen. Einige melden sich beispielsweise dann, wenn sie ganz bestimmtes Wissen benötigen, zum Beispiel über die japanische Geschäftskultur. Oder wenn sie nach Amerika reisen und wissen wollen, ob es irgend etwas gibt, worauf man besonders achten sollte. Formell gesehen bieten wir den Zugang zu Seminaren oder speziellen Länderinformationen. Informell können uns die Mitglieder aber auch jederzeit spontan per E-Mail erreichen, damit wir so schnell wie möglich reagieren können. Die Leute helfen sich untereinander, es ist eine Art Selbstbedienungsgemeinschaft.
Was wird den Mitarbeitern in den Seminaren beigebracht?
Wir konzentrieren uns nicht nur auf die geschäftlichen Dinge, sondern vor allem auch darauf, wie man sich in bestimmten Ländern verhält. Das heißt, was in dem Land als höflich gilt und was nicht.
Können Sie Beispiele nennen?
Wenn man in Japan zu einem Geschäftsessen eingeladen wird, es ist wichtig, wo man sitzt. Der ranghöchste Gastgeber sitzt üblicherweise mit dem Gesicht zur Tür beziehungsweise in der Nähe der Tür zwischen den beiden wichtigsten Gästen. Außerdem ist es sehr selten, daß Japaner etwas ablehnen. Deshalb muß man als westlicher Geschäftspartner sehr sensibel sein, welche Art von Fragen man stellt. Die Japaner pflegen einen sehr höflichen Umgangston und würden sich unwohl fühlen, wenn sie etwas ablehnten. Die Deutschen dagegen sind sehr direkt.
Kann man bestimmte Verhaltensweisen überhaupt generalisieren oder muß man die Erfahrung in den jeweiligen Ländern nicht vielmehr selbst machen?
Es gibt tatsächlich einige kulturellen Normen, die sich auf eine gesamte Kultur übertragen lassen. Aber am Ende sind wir ja alle nur Menschen und reagieren unterschiedlich auf bestimmte Situationen. Es gibt beispielsweise eine ziemlich eindeutige deutsche Kultur, aber nicht alle Deutschen stimmen hundertprozentig mit dieser Kultur überein. Auf der anderen Seite kursieren bestimmte Vorurteile, die sich dann als falsch erweisen. Ein Beispiel sind auch hier wieder die Deutschen, denen man nachsagt, daß sie nicht besonders humorvoll seien. Ich empfinde das als Engländer jedoch ganz anders.
Welches Land finden Sie am kompliziertesten?
Das hängt davon ab, was man gewohnt ist. Aber generell würde ich sagen, daß Japan am schwierigsten für uns Europäer zu durchschauen ist. Ebenso denken wahrscheinlich die Japaner, daß unsere westliche Kultur seltsam ist. Aber auch innerhalb Europas gibt es Unterschiede: Die Niederländer zum Beispiel sind viel direkter als jede andere Kultur, was oft fälschlicherweise als unhöflich bezeichnet wird. Ich glaube, es sind die kleinen Dinge, die einen großen Unterschied machen. Wenn man in England gefragt wird: How are you, dann ist es bloß eine Begrüßungsfloskel. In Deutschland dagegen nimmt man die Frage wörtlich und erzählt einem unter Umständen sein gesamtes Seelenleben.
Was sind die größten Fehler, die man als Geschäftsmann im Ausland machen kann?
Zum einen sollte man niemals unfreundlich sein. Und zum anderen muß man mit seinem Humor aufpassen. Es hilft, sich in die Rolle seines Gegenübers hineinzuversetzen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß sich bei einem Geschäftstreffen jeder darüber im Klaren ist, daß man aus einem anderen Land kommt. Man trifft sich deshalb auf halbem Weg.
Und woran erkennt man, daß man in ein Fettnäpfchen getreten ist?
Bei kleineren Fehlern merkt man es meistens automatisch. Bei groben Verstößen gegen die Kultur wird man wahrscheinlich beiseite genommen und aufgeklärt.
Was glauben Sie, lernen die anderen Länder über die Deutschen?
Verglichen etwa mit der amerikanischen Kultur sind die Deutschen eher formell. Sie benutzen beispielsweise Vor- und Nachnamen, in Amerika hingegen wird man immer nur mit dem Vornamen angeprochen.
Das Gespräch führte Katharina Iskandar.
Text: isk.
Bildmaterial: Siemens AG