Jeder kämpft für sich. Besser allein oder in der Gewerkschaft?
Die Idee der Lokführer hört sich gut an: Die Kollegen zusammentrommeln, eine Gewerkschaft gründen, 30 Prozent mehr Lohn fordern, streiken - fertig? So leicht ist das nicht, sagt Reinhard Bispinck, der das Tarifarchiv des Wirtschafts und Sozialwissenschaftlichen Instituts der DGB-nahen Böckler-Stiftung leitet.
Das wäre sehr ungewöhnlich, Neugründungen von Gewerkschaften hat es seit Ewigkeiten nicht gegeben. Und ich muss Sie warnen: Um Ihre Branche kümmern sich bereits die Deutsche Journalistenunion und der Deutsche Journalistenverband.
Reinhard Bispinck, Volkswirt und Soziologe
Der Eindruck täuscht. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund existiert seit 1948, die Gewerkschaft der Lokführer gibt es schon seit 1867. Vergleichsweise jung ist Ufo, die Union der Flugbegleiter, die 1992 gegründet wurde. Es gibt also keinen Trend zu Neugründungen, dafür brechen die Spezialgewerkschaften aus der Tarifgemeinschaft mit großen Gewerkschaften aus und verhandeln selbst.
Es gibt keine formellen Vorgaben, ANTWORT: Sie brauchen keine Genehmigung oder Eintragung. Der Begriff Gewerkschaft ist auch nicht rechtlich geschützt. Die meisten sind als nicht eingetragene Vereine organisiert.
Für die Gründung brauchen Sie keine bestimmte Summe. Wichtig sind ausreichende Mittel, um einen Arbeitskampf durchstehen zu können.ANTWORT: Die Größe gewerkschaftlicher Streikfonds ist aber ein streng gehütetes Betriebsgeheimnis. In den meisten Satzungen steht, dass den Mitgliedern eine Streikunterstützung von zwei Dritteln des Nettogehalts gezahlt wird. Aber bisher wurden Gewerkschaften nie von ein paar Leuten am grünen Tisch gegründet. Die meisten haben im 19. Jahrhundert als Berufsverbände angefangen.
Ein Berufsverband engagiert sich in berufsfachlichen Fragen, etwa in der Aus- und Fortbildung, oder bietet Rechtsberatung. Eine Gewerkschaft wird daraus erst, wenn die Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen und das Gehalt zu stark wird und man diese Bedingungen durch Tarifverträge ändern will.
Nein. Entscheidend ist, dass sie überbetrieblich und gegnerfrei sind, also unabhängig vom Arbeitgeber. Und sie müssen über das Gewicht und die soziale Mächtigkeit verfügen, um den Arbeitgeber zu Tarifverhandlungen und zu Tarifabschlüssen zu bewegen.
Theoretisch ja, aber dass ein neugegründeter Verein auf Anhieb dieses Potential hat, bezweifele ich. Außerdem ist eine Spartengewerkschaft nur erfolgreich, wenn die Mitglieder ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl verbindet. Es reicht nicht, derselben Branche anzugehören. Sie müssen sich als Vertreter einer homogenen Gruppe verstehen, die unter gleichen Bedingungen arbeiten und gleiche Ziele verfolgen. Das kann funktionieren, wenn sie bei einem Unternehmen arbeiten, wie die Lokführer. Es funktioniert bei Piloten, aber nicht beim Bodenpersonal, bei Krankenhausärzten, aber nicht bei Pflegern.
Ein Massenphänomen wird daraus nicht, denn jedes Jahr lassen sich die Mitglieder nicht für so heftige Arbeitskämpfe mobilisieren. Cockpit hatte 2001 einen starken Auftritt, 2005 der Marburger Bund, aber die Folgejahre sind oft ruhiger. Auch die Lokführer werden sich nicht jedes Jahr in einem solchen Erregungszustand über ihr Gehalt befinden. Und Arbeitskampf klingt zwar nach Abenteuer, ist aber für beide Seiten kein Spaß.
Das Gespräch führte Melanie Amann
Text: F.A.Z., 18.08.2007, Nr. 191 / Seite C2
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