Karrieresprung

Dr. Notnagel für arbeitslose Akademiker

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - wöchentlich bei FAZ.NET

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14. Februar 2003 Einige Jahre Studium, angereichert mit zahlreichen Praktika, ein hervorragender Abschluss, vielleicht sogar ein geglückter Einstieg ins Berufsleben - und dann ist plötzlich Schluss. Für immer mehr Akademiker. Im Dezember 2002 waren hierzulande 235.839 arbeitslos, satte 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Akademiker sind nun mal besonders stark von Konjunkturschwankungen betroffen, wissen Experten. Und: Der beste Weg aus dem gegenwärtigen Tal führt über Zusatzqualifikationen, die den persönlichen Marktwert steigern.

Viele suchen dabei ihr Heil in einer Promotion. „Das ist heute sicher häufiger ein Thema beim Vermittlungsgespräch“, sagt Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesanstalt für Arbeit. Die zwei Buchstaben vor dem Namen sind nicht nur sichtbarer Ausdruck einer Wertsteigerung. Sie zahlen sich offenbar auch in barer Münze aus. Ein promovierter Ingenieur verdient beim Berufseinstieg durchschnittlich 5.000 Euro im Jahr mehr als der diplomierte Kollege. Bei Informatikern, Kaufleuten und Volkswirten geht die Schere noch ein Stück weiter auseinander, ermittelte die Personalberatung Kienbaum in einer 2002 veröffentlichten Studie.

Kein reines Karrierekalkül

Doch Vorsicht. Eine Promotion sei längst kein Freibrief für eine Anstellung, warnt Lutz Thimm, Bereichsleiter High Potentials bei Kienbaum: „Je älter der frischgebackene Herr Doktor, desto kritischer.“ Oder andersrum: „Wenn vorne noch eine zwei steht, wäre das prima“, sagt Thimm. Setzt man eine Promotionsdauer von rund drei Jahren an, heißt das, früh durchstarten. Eine weitere, für Experten ebenso entscheidende Voraussetzung ist die Freude am wissenschaftlichen Arbeiten. Eine Promotion ist kein Spaziergang und erfordert neben Fachwissen auch jede Menge Disziplin. Knapp 25.000 Doktorhüte wurden 2001 in Deutschland verliehen. Ebenso viele Promovenden kommen Schätzungen zufolge mit ihrer Arbeit nicht ans Ziel.

„Allein aus Gründen der Karriere oder der aktuellen Arbeitslosigkeit zu promovieren, ist eine Fehlinvestition“, sagt Claus-Peter Sommer, Vorstand der access AG, einem Recruiting-Dienstleister für Akademiker und Professionals. Der Doktortitel könne zwar in bestimmten Branchen einen Vorteil verschaffen. Wie groß der sei, hänge aber in starkem Maße davon ab, wie eng das Promotions-Thema mit den Interessen des Unternehmens verknüpft ist. IT- oder technikgetriebene Firmen etwa kaufen gerne aktuelles Fachwissen ein. „Einen generellen Ehrfurchtsfaktor gibt es aber nicht mehr“, sagt Sommer. Wer in der wissenschaftlichen Arbeit an sich keinen Reiz sieht, sollte besser anderweitig Zusatzqualifikationen erwerben - fachliche wie soziale und am besten im Ausland, so der Personalexperte. Er rät zu einem kurzen Aufbaustudium, einem Praktikum oder einem zeitgebundenen Projekt, warum nicht etwa in der Entwicklungshilfe?

Muss oder schmückendes Beiwerk

Freilich: In manchen Branchen wie Chemie oder Medizin gilt der Doktortitel beinahe als integraler Bestandteil einer soliden Ausbildung. In anderen hat er eher strategischen Charakter. PR-Beratungen etwa schmücken sich gerne mit ausgewiesen gebildeten Mitarbeitern. Auch Unternehmensberatungen sehen es gerne, wenn ihre Mitarbeiter auf gleicher Augenhöhe mit den - häufig promovierten - Firmenvorständen diskutieren können. Viele unterstützen deshalb die akademischen Aspirationen ihrer Mitarbeiter. Wer etwa bei der Boston Consulting Group (BCG) als Berater einsteigt, kann einen Teil seines Gehalts ansparen und sich einige Jahre später für eine Promotion beurlauben lassen. Die muss dann allerdings nach längstens zwei Jahren abgeschlossen sein. Kein Problem, meint Just Schürmann, Recruiting Director bei BCG: „Die Leute lernen bei uns, sehr fokussiert zu arbeiten.“ Auf die internen Karrierechancen habe der Titel aber keinen Einfluss, er diene lediglich der persönlichen Weiterentwicklung, so Schürmann.

Kritiker zweifeln am wissenschaftlichen Anspruch allzu konzentrierter Arbeiten. Doch danach wird - zumindest bei Promotionen aus dem sicheren Job heraus - hinterher ebenso wenig gefragt wie nach dem persönlichen Einsatz. Wer den Zeitaufwand in Grenzen halten will und etwas Kleingeld übrig hat, findet auch - ganz legale - Unterstützung für seine Dissertation. Das Institut für Wissenschaftsberatung in Bergisch Gladbach etwa hilft nicht nur bei der Suche nach einem „guten Doktorvater“, sondern auch nach einem passenden Thema, „bei dem nicht unzählig viel Literatur gelesen werden muss“, sagt Institutsleiter Frank Grätz. Die Auswahl und Beschaffung der Bücher übernimmt das Institut auf Wunsch gleich mit. Kostenpunkt für dieses Service-Paket: Zwischen 16.000 und 19.000 Euro. Herzblut für die Wissenschaft oder pragmatischer Karriere-Turbo - Doktor in spe muss nun mal Prioritäten setzen.

Text: @ober

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