10. Oktober 2008 Seit Monaten stehen die Aufsichtsräte der deutschen Konzerne unter besonderer Beobachtung. Immer wieder geht es um die Frage, wie gut oder schlecht sie ihre Aufgaben erfüllen - aktuell im Fall Hypo Real Estate (HRE). Und immer wieder geht es auch um die Frage, wie viel oder wenig Geld sie dafür erhalten. Neue Nahrung bekommt die Debatte durch eine Studie der Beratungsgesellschaft Towers Perrin zur Vergütung der Chefaufseher in den Dax-Unternehmen, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Demnach könnten die Bezüge in diesem Jahr trotz der Finanzkrise im einstelligen Prozentbereich steigen.
Die Berater haben in ihrer Studie drei verschiedene Szenarien entwickelt, um die unsichere wirtschaftliche Lage abzubilden. Wenn sich die Geschäftsergebnisse der Unternehmen - und damit die Bemessungsgrundlagen für den variablen Vergütungsanteil - so wie 2007 entwickeln, steigt demnach die durchschnittliche Gesamtvergütung eines Aufsichtsratschefs in einem Dax-Unternehmen um 8 Prozent auf 279 800 Euro. Fallen die Ergebnisse 10 Prozent schlechter als im Vorjahr aus, steigen die Bezüge der Chefkontrolleure laut Towers Perrin um 3 Prozent auf 267 400 Euro. "Dieses Szenario halte ich für das wahrscheinlichste", sagte Geschäftsführer Michael Kramarsch. Brechen die Geschäfte dagegen um 50 Prozent ein, sinken auch die durchschnittlichen Bezüge, und zwar um 19 Prozent auf 208 500 Euro. Die Vorsitzenden der Kontrollgremien erhalten in der Regel doppelt so viel wie ein einfaches Aufsichtsratsmitglied.
Unterschiede zwischen Unternehmen erheblich
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen sind erheblich. Nach Einschätzung der Beratungsgesellschaft bewegen sich die Spitzenverdiener - allen voran die Chefaufseher der Deutschen Bank und von Thyssen-Krupp - mit ihren Bezügen auf internationalem Niveau. Im unteren Bereich, wo sich etwa Infineon, aber auch die Deutsche Post finden, bestehe dagegen Nachholbedarf. "Die Vergütung ist sicher keine Garantie für eine professionelle Aufsicht", sagte Kramarsch. Aber mit einer zu geringen Vergütung könnten die Unternehmen keine Spitzenleistungen von den Kontrolleuren erwarten. Im europäischen Durchschnitt erhalte ein Aufsichtsratsvorsitzender im Durchschnitt rund 610 000 Euro.
Kramarsch rät Unternehmen, rund die Hälfte der Bezüge fix zu gewähren, die andere Hälfte variabel. Diese Aufteilung spiegele am besten den Aufgaben-Spagat wider - auf der einen Seiten die Kontrolle des Vorstands, auf der anderen Seite die Beratung in Strategiefragen. Die Praxis entspricht dem Ideal nicht ganz. Derzeit entfallen laut Towers Perrin im Durchschnitt über alle Dax-Unternehmen rund 60 Prozent der Bezüge der Aufsichtsratsvorsitzenden auf feste und 40 Prozent auf variable Elemente, wobei es je nach Unternehmen ebenfalls große Unterschiede gibt. Adidas zahlt der Studie zufolge ausschließlich ein Festgehalt, Volkswagen dagegen einen sehr hohen variablen Anteil.
Grundlage für die Analyse sind die Satzungen und Beschlüsse der Hauptversammlungen zu den Vergütungssystemen in diesem Jahr. Zu den garantierten Bezügen addierten die Berater die geschätzte Tantieme für das Geschäftsjahr 2008 und die in diesem Jahr gewährten langfristigen Vergütungskomponenten sowie Sitzungsgelder und Ausschussvergütungen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.