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Karrieresprung

Einmal Manager, (nicht) immer Manager

Von Petra Weider



Karrieresprung - bei FAZ.NET
20. Mai 2005 
Die Geschichte ist eine, wie sie viele heute erleben: Studium, ein Karriereschritt nach dem anderen, 20 Jahre Berufserfahrung, Managerstatus, Mitarbeiterteam und jede Menge erfolgreiche Projekte - dann die Freistellung. In wirtschaftlichen Krisenzeiten gehören Entlassungen und Restrukturierungen zur Tagesordnung. Die älteren und teureren Mitarbeiter trifft es dabei häufiger und eher.

Holger Kuhn hat das Beste draus gemacht, und heute ist er zufriedener als er es sich hat vorstellen können, damals während man mit ihm seinen Aufhebungsvertrag verhandelte. Mit 48 Jahren und hoher Spezialisierung stand er vor der Arbeitslosigkeit.

Mobilität und Flexibilität waren selbstverständlich...

Optimismus war fehl am Platz; der regelmäßige Blick auf die wenigen passenden Stellenangebote in Jobbörsen und Zeitungen genügte, um das zu wissen. Als Vater zweier Kinder und Haupternährer der Familie mit einem Einfamilienhaus, das abbezahlt werden muß, steigt der Druck, etwas zu unternehmen. Etwas anderes als zum Arbeitsamt zu gehen und auf Stellenangebote zu warten, die nie kommen; jedenfalls nicht die richtigen.

Mobilität und Flexibilität sind Schlagworte unserer Zeit; - für Holger Kuhn immer eine Selbstverständlichkeit. Auch deshalb lief bei ihm bis zu seiner Freistellung alles erfolgreich: das Studium der Volkswirtschaftslehre an renommierten Hochschulen ebenso wie seine Laufbahn, die mit einer ersten Stelle in einer großen Versicherung begann und im Industriegütermarketing eines internationalen Unternehmens weiter aufwärts zeigte.

...schützten aber vor der Entlassung nicht

Auch die letzte Station in seinem Lebenslauf war vom besten. Als erfahrener Manager war er in einer der größten global operierenden Unternehmensberatungen für Marketing und für ein Mitarbeiterteam zuständig. Nine to five-Mentalität gab es nicht, Auslandsreisen waren willkommen und sämtliche Umorganisationen des Unternehmens hat er unterstützt. Und dennoch wurde er nach rund zehn Jahren Firmenzugehörigkeit in die Arbeitslosigkeit geschickt.

Alle Mobilität und Flexibilität halfen ihm an dem Punkt nicht mehr weiter, denn wo es nicht genügend qualifizierte Stellen gibt, muß auch kein Mensch mehr über einen Ortswechsel oder Gehaltseinbußen nachdenken.

Loslassen - sich selbst neu erfinden

Aber Holger Kuhn hat das Loslassen von Labels schnell gelernt. Das hat ihn vor weiteren Frustrationen und sinnlosen Versuchen gerettet, krampfhaft das zu behalten, was er einmal erreicht hatte. Managerstatus und jeglicher Support einer großen Organisation, Budgetverantwortung und Mitarbeiter, die Möglichkeit, die Marktentwicklung eines bedeutenden Unternehmens ein klein wenig mitzugestalten, Reisen Business Class und Firmenwagen, das alles gibt es heute nicht mehr für.

Sich selbst immer wieder neu erfinden. Das ist die neue Losung nach Mobilität und Flexibilität. Sämtliche Energien zu mobilisieren und bisher nicht entdeckte Fähigkeiten zu aktivieren, ist notwendig, um einen Weg aus der Arbeitslosigkeit oder gar nicht erst hinein zu finden. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit muß jeder schauen, die besten Möglichkeiten für sich auch in Bereichen zu suchen, an die er früher nie einen Gedanken verschwendet hätte. Holger Kuhn hat das in der Selbstständigkeit getan. Was früher einmal undenkbar für ihn war, macht ihn heute zufrieden. Nochmals als Angestellter zu arbeiten, kann er sich derzeit nicht vorstellen.

Veränderung ist alles andere als ein Abstieg

Schnell, schon nach seinem ersten Gang zum Arbeitsamt hatte er sich entschieden, nicht auf die klassische Art und Weise über Monate oder ein Jahr gar, Stellen zu suchen und Bewerbungen zu schreiben. Einfach war die Entscheidung und deren Umsetzung nicht. Viele Gespräche mit Freunden und ehemaligen Kollegen und die Arbeit mit einem Coach haben einer Idee Gestalt gegeben. Holger Kuhn ist es nach einer ersten Durststrecke gelungen, einen ansehnlichen Kundenstamm aufzubauen und durchweg anspruchsvolle Projekte zu bearbeiten.

In seinen Dienstleistungen konzentriert er sich auf seine Kernkompetenz: Market-Research und Analyse sowie Umsetzung in Marketing-Strategien. Bei der operativen Arbeit hilft ihm ein Netzwerk von freiberuflichen und selbstständigen Kollegen aus Marketing und Kommunikation, das er sich im Laufe der letzten zwei Jahre aufgebaut hat. Auf diese Weise kann er seinen Kunden, übrigens namhaften Unternehmen, auch Dienstleistungen anbieten, die er selbst nicht leisten kann oder will. Managementerfahrung, Budgetverantwortung, soziale Intelligenz sind neben inhaltlicher Kompetenz hier gefragt; so gesehen ist die berufliche Veränderung des Holger Kuhn alles andere als ein Abstieg.

Den eigenen Job kreieren - lösen vom klassischen Karrieremuster

Sicher ist die Selbstständigkeit nicht ein Weg für jeden. Viele Menschen benötigen die finanzielle Sicherheit eines monatlichen Gehalts und die soziale Sicherheit eines Unternehmens. Aber ohne Frage müssen auch sie eine neue Möglichkeit erlernen, mit mehr Phantasie und Kreativität ihre persönlichen Chancen zu erhöhen. Und diese Möglichkeit heißt Veränderung, das einmal Erreichte loslassen und an etwas ganz anderem arbeiten, Weiterbildungen, Umschulungen machen, an Umstrukturierungen mitarbeiten, Vorschläge machen, seinen eigenen Job kreieren und an die aktuellen Bedürfnisse eines Unternehmens anpassen oder vielleicht sogar mit dem Hobby Geld verdienen.

Hat man sich einmal vom klassischen Muster einer Karriereleiter und der herkömmlichen Interaktion zwischen Unternehmen und Mitarbeiter gelöst, dann gibt es so viele Möglichkeiten, wie es Persönlichkeiten gibt.

Petra Weider, Human Ressource - Weider AG, Bad Homburg, begleitet Übergabeprozesse in Unternehmen



Text: @rwi
 
 
   
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