Von Herta Paulus
04. November 2005 Spielen ist in - auch und gerade in der beruflichen Weiterbildung. Planspiele gehören hier seit Jahren zu den Rennern. Wer spielt, lernt: Er muß Strategien entwickeln, taktieren, paktieren, kooperieren, den Überblick behalten, flexibel reagieren. Die Wahl der besten Strategie hängt vom Verhalten des/der anderen ab und dieses wiederum von den eigenen Entscheidungen. Wer nur (s)ein Ding durchzieht, hat schon verloren.
Sein dreitätiger Ausflug auf den virtuellen Chefsessel hat Hans Strack nachhaltig beeindruckt. Als Naturwissenschaftler denkt man immer, eine Marktstrategie und gute Produkte zu haben, reicht völlig aus, um ein Unternehmen zum Erfolg zu führen. Aber ohne Cashflow hilft das beste Marketing und das beste Sales-Konzept nicht. Der promovierte Chemiker, seit vier Jahren in der Personalentwicklungsabteilung des Chemiekonzerns Degussa tätig, ist vom Nutzen des Lernwerkzeugs Planspiel überzeugt.
Neben Präsenzseminaren hat auch das zweimal jährlich stattfindende Fernplanspiel Marga mittlerweile Tradition bei der Entwicklung von Degussa-Führungskräften. Die Teilnahme an diesem Klassiker, der seit rund 30 Jahren von der European School of Management and Technology (esmt), mit Sitz auf Schloß Gracht bei Köln, durchgeführt wird, erfolgt auf Eigeninitiative der Mitarbeiter, die Gebühren werden von Degussa getragen. Die Kosten im dreistelligen Bereich sind angesichts des Nutzens fast schon zu vernachlässigen, urteilt Strack.
Im Visier: Techniker und Wissenschaftler
Ziel des interaktiven Team-Wettbewerbs: Ein fiktives Unternehmen anhand verschiedener Größen - vom Personal über Forschung und Entwicklung bis hin zu Produktion, Vertrieb und Marketing - erfolgreich zu steuern, und das im Wettbewerb zu anderen Teams. Im Visier der Degussa-Personaler sind dabei seit letztem Jahr vor allem Ingenieure und Forscher. Das Interesse bei den Mitarbeitern ist hoch, trotz des geforderten hohen Freizeiteinsatzes.
Über vier Monate hinweg müssen die Spieler drei, vier Wochenstunden investieren. 14 Teams zu je vier Personen, allesamt Nachwuchskräfte aus dem unterem außertariflichen und oberen Tarifbereich, konnte Degussa beim letzten Wettbewerb ins Rennen schicken. Mit Erfolg, stellten die Degussa-Mitarbeiter doch alle drei Siegerteams. Der Erfolg wurde auch intern belohnt: Der Vorstandvorsitzende von Degussa lud die Sieger zum Dinner. Ein zusätzlicher Effekt sind die während des Wettbewerbs geknüpften Abteilungs- und Standort übergreifenden Kontakte. Das Netzwerk hält immer noch, weiß Strack, für den die Teilnahme an einem Planspiele eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für eine Karriere darstellt.
Totes Hörsaalwissen mit realer Praxis verbinden
In ersten Versionen bereits in den 80er Jahren eingesetzt, sind Planspiele heute fester Bestandteil der Personalentwicklungsprogramme von Unternehmen, Banken und Handelskonzernen. Die Vorteile der Simulationen: Sie verbinden auf spielerische Weise totes Hörsaalwissen mit realer Praxis, wie Daniela Rothschuh, Mitarbeiterin von Bayer Industrie Services GmbH es formuliert. Mit BIMSonline, das Kürzel steht für Bayer International Management Simulation, ist die Service-Tochter des Mischkonzerns ebenfalls seit 15 Jahren auf dem Markt für Fernplanspiele aktiv.
Angeboten wird das komplett internetbasierte Spiel in Deutsch, Englisch und Spanisch. Das Simulationsmodell basiert auf realen Daten eines mittelständischen Unternehmens, wobei während des Wettbewerbs die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen regelmäßig aktualisiert werden. Über fünf Monate hinweg werden sieben Geschäftsjahre simuliert. Während bei vielen Planspielen das Gewinnen an erster Stelle steht und weniger erfolgreiche Mannschaften im K.O.-Verfahren ausscheiden, bleiben bei BIMS sämtliche Teams bis zum Schluß dabei. Wer schlecht abschneidet, hat das Lernen am nötigsten, begründet Rothschuh.
Erst wird erschossen, dann gedacht
Rund 500 Planspiele einschließlich individueller Planspiele sind mittlerweile auf dem Markt, die meisten klassische Unternehmensplanspiele. Damit lassen sich in unterschiedlicher Komplexität alle Konfliktsituationen und Anwendungsbereiche simulieren, weiß Planspieldidaktiker Ulrich Blötz, der am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) das in Kooperation mit externen Fachleuten betriebene BIBB- Planspielforum betreut.
Bei der didaktischen Umsetzung vieler Planspiele besteht allerdings noch Optimierungsbedarf meint Planspielexperte Mario Gust. Seine Kritik: Der BWLer programmiert das Problem, das er schulen möchte. Pädagogisch sinnvoller wäre es, das Material über das Verständnis der häufigsten Fehler aufzubereiten. Denn die typischen Entscheidungsfehler des Menschen in komplex-undurchschaubaren Situationen sind aufgrund der Forschungen des Bamberger Psychologen Dietrich Dörner bekannt. So werden etwa festgestellte Misßtände nicht beseitigt sondern meist nur repariert; statt in Wirkungskreisläufen wird eindimensional gedacht, Fern- und Nebenwirkungen werden vernachlässigt; gehandelt wird ohne vorherige Situationsanalyse; die Tendenz zu autoritärem Verhaltens nimmt zu. Die Teilnehmer entscheiden oft sehr ballistisch. Erst wird erschossen und dann schaut man weiter, berichtet Gust aus seiner Trainerpraxis.
Ob er genauso reagiert, kann jeder problemlos selber ausprobieren. Die beim Münchner Hersteller KHS KnowHowSystems (www.vernetzt-denken.de) eingestellte Modellbibliothek hält Spiele zu einer Vielzahl unterschiedlichen Szenarien bereit. So läßt sich etwa der Ausbau der Marktwirtschaft in China als Miniplanspiel durchexerzieren. Ein Lerneffekt daraus steht für KHS-Geschäftsführer Dieter Ballin bereits fest: Man stellt sehr schnell fest, daß man die Zeit meist in die falschen Dinge investiert.
Buchtip: Planspiele in der beruflichen Bildung, Fachbuch mit CD-Rom, Hrsg. Ulrich Blötz, Preis 37,90 Euro
Text: rwi