Von Birgit Obermeier
29. November 2002 Als Barbara S. nach ihrer Promotion ein Angebot der Universität Wien erhielt, zögerte sie nicht lange. Wer wie sie eine wissenschaftliche Laufbahn anstrebt, muss mobil sein, denn Habilitationsstellen sind rar. Ihr Freund Ralf, ebenfalls frisch gebackener Doktor der Psychologie, wollte in der Wirtschaft Fuß fassen - und konnte somit prinzipiell in jeder Stadt einen Job finden. Folglich, so der Deal zwischen den beiden, sollte Barbaras Karriereweg den Wohnort des langjährigen Paares bestimmen. Eine Fernbeziehung kam für die beiden nicht in Frage.
Die Rollenverteilung ist einigermaßen ungewöhnlich, die Situation aber typisch für viele Paare heute. Beide Partner haben eine gute Ausbildung absolviert, beide wollen einen qualifizierten Job und im Beruf vorankommen - und bitteschön zugleich eine intakte Beziehung führen, möglichst am selben Ort. Vielleicht auch noch Kinder. Ob sie dem hohen Anspruch gerecht werden können, hängt davon ab, welchen Paartyp sie bilden, ermittelte der Dortmunder Soziologe Jürgen Schulte in seiner kürzlich veröffentlichten Dissertation über Karrierepaare, neudeutsch: Dual-Career Couples (DCC).
Im Zweifelsfall siegt die Tradition
Bei modernisiert-traditionellen Paaren läuft alles wunderbar, solange keiner verzichten muss. Steht jedoch ein Ortswechsel bevor oder kündigt sich Nachwuchs an, verteilen sich die Rollen plötzlich wieder wie eh und je: Die Frau steckt zurück oder gibt ihren Job ganz auf. Einer internationalen Studie der Uni Bremen unter 30.000 Paaren zufolge, ist dieses Modell hierzulande immer noch das gängige. Verantwortlich dafür seien stereotype Erwartungen, sagt Hans-Peter Blossfeld, Soziologie-Professor und Leiter der Studie: Ein beruflich erfolgreicher Mann ist attraktiv und gilt auch in seiner männlichen Familienrolle als erfolgreich.
Und vor allem: Er hat dabei keinen Konflikt. Anders die Frauen. Sie überlassen selbst dann ihrem Partner den Vortritt, wenn sie mehr verdienen als er, so ein Ergebnis der Studie. Die Annahme, dass die finanzielle Gleichstellung der Frau auch zu egalitären Partnerschaften führt, ist damit widerlegt. Zu fest scheinen die tradierten Geschlechterrollen noch verankert. Natürlich steigen viele Frauen später wieder in den Job ein, hat das Dasein als Nur-Hausfrau doch auch bei vielen Männern ein negatives Image. Umfang und Ausmaß bemisst sich aber daran, wie es das Familienleben zulässt. Haupternährer und Aspirant auf weitere Karriereschritte bleibt der Mann.
Selbstverwirklichung hoch zwei
Es geht freilich auch anders. Bei den so genannten fragmentierten Paaren herrscht absolute Gleichberechtigung: Beiden Partnern geht die berufliche Selbstverwirklichung über alles, eine Pendler- oder Fernbeziehung wird billigend in Kauf genommen. Notfalls auch ihr Scheitern. Einer repräsentativen Studie des Bundesfamilienministeriums zufolge bezeichnen 42 Prozent der Männer berufsbedingte Mobilität als hemmend für die weitere Familienentwicklung. Bei den Frauen sagen das 69 Prozent. Zu recht: Drei von vier Frauen mit hohem Mobilitätsanspruch bleiben kinderlos, so die Studie.
Zwei Karrieren und eine intakte Beziehung bringen allein gleichberechtigte Paare auf einen Nenner, so Paarforscher Schulte. Sie stimmen ihre Pläne aufeinander ab, nehmen der Beziehung zuliebe abwechselnd Karriereeinschränkungen in Kauf und bei Hausarbeit und Kinderbetreuung Hilfe in Anspruch. Und: Sie stellen im Sinne eines intakten Privatlebens auch mal Ansprüche an Ihren Arbeitgeber, etwa indem sie um flexible Arbeitszeitlösungen oder Unterstützung bei einem anstehenden Ortswechsel bitten. Die Frage: Welche Möglichkeiten gibt es dort für meinen Partner, ist völlig legitim und wird seit einigen Jahren immer wieder gestellt, versichert Thomas Priol, Gesellschafter der Frankfurter Personalberatung Baumann. Lange Zeit fürchteten Bewerber, damit als lasch oder zu wenig karriereorientiert zu gelten.
Arbeitgeber als Jobagent für den Partner
Ob das Unternehmen als Jobagent für den Partner aktiv wird - sei es im eigenen Haus oder bei befreundeten Firmen der Region - hängt freilich davon ab, wie wichtig der Bewerber oder die Versetzung des Mitarbeiters scheint. Gerade Unternehmen mit einem mäßig attraktiven Standort könnten auf diese Weise jedoch Marketing in eigener Sache betreiben, so Priol.
Die Frage nach den Berufsaussichten des Partners stellt sich insbesondere bei Auslandseinsätzen. Wir tun, was wir können und nutzen auch die Netzwerke und Verbindungen zu anderen Unternehmen, sagt Elke Ickenstein, Sprecherin für Personal und Soziales bei der Bayer AG. Lösen lasse sich das Problem allerdings nicht so häufig. Ickenstein: Wir bieten dem Partner aber in jedem Fall Fortbildungsmöglichkeiten vor Ort. Wenn schon kein Job, so kann die einst ambitionierte Frau des Karriere-Mannes wenigstens portugiesisch oder koreanisch lernen. Noch nicht mal auf Kosten der Haushaltskasse.